ABITUR IN 12 JAHREN - Doku des Stadtelternrates Hannover
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Elternproteste zeigen Wirkung - Welche Veränderungen stehen in den Gymnasien der betroffenen Bundesländer an?
Bayern

- Überarbeitung der Lehrpläne (die Betonung soll dabei auf dem Grundwissen und der Methodenkompetenz liegen)
- Intensivierungsstunden bleiben als Lehrstunden erhalten.
- Stundentafel wurde geringfügig gekürzt.
- Verpflichtende Stunden am Nachmittag wurden begrenzt.
- Bei längerem Nachmittagsunterricht entfallen Hausaufgaben.
- Neues Personal wird eingestellt zur Entlastung der Lehrer.

Hessen

- Überarbeitung der Lehrpläne
- Verlagerung der Schulstunden von der Mittel- in die Oberstufe
- Ausbau der Ganztagsbetreuung
- Kleinere Klassen (erst ab 2009/2010) mit maximal 30 Schülern
- Kooperative Gesamtschulen dürfen zwischen acht und neun Jahren wählen.
- Möglichst viele Entscheidungen sollen in die Hände der Schulgemeinschaften gelegt werden.
- 100 zusätzliche Lehrstellen sind noch in der Diskussion.
- Den Beginn der zweiten Fremdsprache können hessische Schulen zwischen der fünften und siebten Klasse ansetzen.

Niedersachsen

- Die im Februar eingeführten zwei zusätzlichen Förderstunden pro Woche werden beibehalten.
- Die Zahl der Pflichtstunden wird von 265 auf 260 verringert.
- Gleichmäßige Verteilung der Pflichtstunden in der Unter- und Mittelstufe (in Klasse 7 bis 9 höchstens 32 Wochenstunden, in - Klasse 5 und 6 können die Schulen die Stundenanzahl auf 30 und 32 oder zweimal 31 verteilen)
- Höchstens 32 Schüler dürfen in einer Klasse unterrichtet werden, in Doppeljahrgängen höchstens 27 Schüler.
- Entlastung der Lehrer: In den Doppelabi-Jahrgängen sollen lediglich zwei statt wie sonst üblich drei Lehrer die Prüfungen abnehmen.

Nordrhein-Westfalen

- Umfangreiches Programm zum Ausbau des Ganztagbetriebs und einer pädagogischen Über-Mittag-Betreuung
- Reduzierung der Inhalte in den Kernlehrplänen
- Reduzierung der Stundentafeln
- Nachmittagsunterricht für Kinder der fünften und sechsten Jahrgangsstufe nur an einem Tag in der Woche, keine Klassenarbeiten mehr am Nachmittag, Nachmittagsunterricht für Kinder der Jahrgangsstufen 7 und 8 nur an maximal zwei Tagen die Woche >> Abi nach 12 Jahren

 
Leserbrief, Werner Nieporte, 08.02.2008 "Alle Folgen konnte man sich schon 2004 mit einem Minimum an logischem Denken ausrechnen"
Ein Beitrag zur Schulstressdebatte in Niedersachsen

Seit kurzem häufen sich die kritischen Beiträge zur Bildungspolitik in Niedersachsen in der Öffentlichkeit. Ich habe selbst 2 Töchter im besonders benachteiligten 9.Jahrgang und wundere mich dennoch darüber, dass diese Diskussion jetzt aufkommt. Schließlich wurde die "Schulreform" bereits 2004 durchgeführt und alle jetzt eingetretenen Folgen für unsere Kinder konnten man sich bereits damals mit einem Minimum an logischem Denken ausrechnen.
Wenn man den gymnasialen Bildungsgang um ein komplettes Schuljahr verkürzt, dann entfallen damit etwa 30 Jahreswochenstunden. Wenn man diese Reduzierung dann mit jeweils 2 bis 4 Jahreswochenstunden in den Jahrgängen 7 bis 10 kompensiert, dann ersetzt man 30 Wochenstunden durch 13 Wochenstunden. Das setzt nicht mal Logik, nur ein wenig schlichte Addition voraus. Logisch konsequent wäre allerdings, wenn die Schulpolitiker in diesem Falle offengelegt hätten, wie die Schulen mit der Differenz umgehen sollten. Welche Unterrichtsinhalte wurden für den gymnasialen Bildungsgang als überflüssig erachtet? Oder ging man davon aus, dass in den Schulen nicht intensiv genug gearbeitet wurde? Man kann doch nicht ernsthaft glauben, dass bei einem Abitur nach 12 Jahren auf breiter Ebene das gleiche Bildungsniveau erreicht werden kann wie bei einem Abitur nach 13 Jahren.
Noch immer wird in der Öffentlichkeit die Reduzierung auf 12 Jahre mit den Ergebnissen der PISA-Studie begründet. Man argumentiert, unsere Kinder seien "benachteiligt", wenn sie ein Jahr später auf den Arbeitsmarkt kommen als Kinder in Ländern, die ein 12 jähriges Abitur haben. Diesen Nachteil vermag ich nicht zu erkennen.
Ist es für einen jungen Menschen von Nachteil, wenn er statt mit 22 Jahren, sein Studium mit 23 Jahren abschließt und sich um einen Arbeitsplatz bewirbt? Oder ist es ein Vorteil, wenn die Kinder bereits frühzeitig Stress erlernen und ihnen wenig Gestaltungsspielräume für ihre Freizeitgestaltung bleiben? Schließlich sind sie ja dann bereits an Stress gewohnt, wenn sie in das Berufsleben eintreten und werden wenig von sportlichen oder kulturellen Hobbies abgelenkt, sie hatten ja eh keine Zeit, solche zu entwickeln. Doch es gibt wirklich einen "Vorteil", den die Schulzeitverkürzung mit sich bringt: er liegt in der Kosteneinsparung für den Bildungsbereich, in Zeiten knapper Haushaltskassen sicher für Politiker aller Parteien ein verlockendes Argument. Da sind sich der CDU-Ministerpräsident und der SPD-Kandidat Wolfgang Jüttner durchaus einig, wenn sie am 12-jährigen System festhalten wollen. Wieso kommt hierzulande niemand auch nur auf die Idee diese "Schulreform" in Frage zu stellen?
Warum stellt man den Eltern nicht die Wahl, in wie vielen Jahren ihr Kind das Abitur machen soll?
Ich habe bereits im Januar 2005 als Stadtelternratsvorsitzender von Barsinghausen eine Umfrage unter Barsinghäuser Grundschuleltern initiiert, die diese Frage thematisierte. Dabei wünschte sich der größte Teil das 13 jährige System mit mehr Spielräumen, weniger Stress und einer konsolidierten Persönlichkeitsentwicklung für sein Kind. Dennoch meldeten in den folgenden Jahren immer mehr Eltern ihr Kind an Gymnasien an, sicherlich aus Sorge, ihr Kind könnte den Anschluss ansonsten verpassen. Vielleicht führt die derzeitige aufgeregte Diskussion ja dazu, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Grundschullehrer wieder über pädagogische Alternativen nachdenken.
In Barsinghausen und dem Calenberger Land sind wir ja in der glücklichen Lage, dass wir 2 und bald vielleicht sogar 3 Schulformen zur Auswahl haben.
Einerseits die Gymnasien in Barsinghausen, Gehrden und Bad Nenndorf sowie die KGS Ronnenberg mit dem 12 jährigen System, andererseits die KGSen in Barsinghausen und Wennigsen mit der Ausrichtung auf 13 Jahre, vielleicht gibt es sogar bald auch ein IGS-Angebot in Rodenberg. Glücklicherweise haben die beiden KGSen sich von Anfang an für das 13jährige System entschieden. Sie haben nun ihre Umstellungsprobleme nach Abschaffung der Orientierungsstufe überwunden und bieten auch für Gymnasialkinder wieder ein durchdachtes Konzept an, sodass zum kommenden Schuljahr jeder selbst die Vor- und Nachteile der beiden Systeme abwägen kann. Die Eltern brauchen dazu Informationen: Ab welchem Alter und in welchem Fach wird differenziert? Welche Konzepte haben die verschiedenen Schulen zu bieten und werden diese Konzepte auch realisiert? Wie viele verpflichtende Wochenstunden hat mein Kind in welchem Jahr? Wie wird ein Stundenüberhang organisiert (Nachmittags- bzw. Samstagsunterricht)? Welche AGs, Förder- und Ganztagsangebote werden angeboten? Wie steht es mit Projektunterricht, außerschulischen Lernorten und berufsvorbereitendem Lernen? Wie wird soziales Lernen gefördert? Wie werden besondere Begabungen gefördert? Es wäre schön, wenn die örtliche Presse den Schulen Gelegenheit geben würde, ihre Konzepte darzustellen, damit sich die Eltern ein Bild davon machen können.
Überhaupt sollte in der Öffentlichkeit und den Medien mehr dafür getan werden, dass die Entscheidung mit Kompetenz und frei von Ideologie und Ressentiments getroffen werden kann. Was unterscheidet das dreigliedrige Schulsystem von integrierten Schulsystemen? Welche Vorteile hat gemeinsames Lernen verschiedener Begabungen, verschiedener Nationalitäten und sozialer Schichten, wie lange und unter welchen Umständen ist es sinnvoll?

Auch als Gesamtschullehrer mit 33 Jahren IGS-Erfahrung halte ich gar nichts von den momentanen Forderungen nach mehr IGSen in Großstädten wie Hannover, solange der Trend der Eltern so massiv an die Gymnasien geht. Bevor neue IGSen eingerichtet werden, sollten zunächst die bestehenden wieder ein ausgewogeneres Verhältnis der Schülerpopulationen erreicht haben. Gemeinsames Lernen heißt, dass auch in IGS-Klassen oder integrierten Eingangsklassen von KGSen ein großer Anteil an Gymnasialkindern vorhanden sein muss, damit die Vorteile des gemeinsamen Lernens überhaupt wirksam werden können. Ein positives Lernklima reißt auch diejenigen mit, die von Haus aus nicht die Motivation mitbringen und führt sie zu unerwarteten Leistungssteigerungen, ein Potenzial, das man nicht zu gering bewerten sollte. Vielleicht erzeugt die derzeitige bittere Erfahrung an den Gymnasien ja bei den Eltern von Gymnasialkindern wieder eine stärkere Bewegung zur Gesamtschule, damit diese wieder unter vernünftigen Bedingungen arbeiten können. Wenn die Klassenzusammensetzung an Gesamtschulen stimmt, spricht bei dem größten Teil der Gymnasialkinder nichts gegen eine Schullaufbahn in einem solchen System. Das Abitur ist am Ende dasselbe Zentralabitur, die Anforderungen sind gleich, nur der Stress auf dem Weg dorthin ist ungleich.
Größtes Manko der KGSen im Calenberger Land bleibt aber nach wie vor die fehlende Oberstufe. Schließlich treffen die Absolventen von KGSen und Realschulen nach Ende des 10.Schuljahres in der Sekundarstufe II auf die Kinder der Gymnasien, die nach 9 Jahren ihren Unterrichtsstoff der Sekundarstufe I noch gar nicht hinter sich gebracht haben können.
Diese beiden Schulformen sind nun nicht mehr ohne Reibungsverluste kompatibel, das nächste absehbare Problem. Wir Barsinghäuser sollten deshalb dringend wieder die eigene Oberstufe für das 13jährige System einfordern, am besten gemeinsam mit Wennigsen und Rodenberg. Die Politiker aller Parteien sollten dieses Vorhaben fördern und unterstützen, niemand sollte sich mehr mit ideologischen Argumenten wie Bestandsgefährdung und dergleichen herausreden. Fördern wir die Konkurrenz zwischen dreigliedrigem und gemeinschaftlichem Schulsystem bei gleichen Chancen für beide, dann setzt sich entweder das bessere System durch oder beide Systeme lernen voneinander, kooperieren miteinander und entwickeln sich gemeinsam weiter.
Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch die auf Lernzuwachs, soziale Verantwortung und das logische Denken.

Werner Nieporte
Barsinghausen, den 08.02.2008 >> Abi nach 12 Jahren

 
HAZ, 14.02.2008 Experten üben Kritik an Abi nach 12 Jahren
Schulleiter: Prinzip der Durchlässigkeit ist weg

Von Michael B. Berger
Hannover. Im Prinzip soll jeder Schüler in Niedersachsen die Möglichkeit haben, bei guter Leistung auf eine weiterführende Schule wechseln zu können.
Doch dieses von Kultusminister Bernd Busemann (CDU) beschworene Ziel sehen Schulexperten durch das in Niedersachsen eingeführte Abitur nach zwölf Jahren durchkreuzt. „Für die Hauptschule ist das jetzt gänzlich ausgeschlossen. Und Realschüler müssen sich bis spätestens Klasse sechs entschieden haben, ins Gymnasium zu wechseln. Sonst ist das kaum noch möglich“, erklärte Thorsten Frenzel-Früh vom niedersächsischen Schulleitungsverband in einer Anhörung der Grünen-Landtagsfraktion. Fritz Hullemann vom Landeselternrat klagte, „dass derzeit die wenigsten Kinder noch fröhlich zur Schule gehen – das können wir nicht wollen“.
Alle Experten verlangten gestern Sofortmaßnahmen des Kultusministeriums, um die Überlastung von Schülern zu verringern,
die jetzt in acht Jahren auf dem Gymnasium zum Abitur geführt werden. „Unsere Schüler leben angeblich in einem Land des Lächelns, das für sie zu einem Land des Hechelns geworden ist“, sagte Frenzel-Früh. Wie der Schulleiter lehnten GEW und Philologenverband eine Verringerung des Lernstoffs ab, wie sie der Landesregierung vorschweben. Sinnvoller seien individuellere Lernpläne oder eine frühere Einschulung. Die Landtagsgrünen bezeichneten die Einführung des Turbo-Abiturs als „völlig verkorkst“. Kurzfristig sollten die Schüler durch Doppelstunden-Konzepte und Hausaufgabenreduzierung entlastet werden, meinte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Ina Korter: „Und Gymnasien müssen schnell zu Ganztagsschulen ausgebaut werden.“c >> Abi nach 12 Jahren

 
>> PRESSESPIEGEL Feb 2008 Für das Leben lernen - aber was ?
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HAZ, 09.02.2008, Für das Leben lernen - aber was ?
HAZ, 09.02.2008, FBesinnung auf das Wesentliche
>> Abi nach 12 Jahren - vom "Turboabi" bis zum Schulstress 2008
 
>> PRESSESPIEGEL Feb 2008 Neuntklässler erwarten besonders große Klassen im nächsten Schuljahr - "das ist ganz einfach ungerecht"
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HAZ, 08.02.2008, Dicht gedrängt zum Abitur
HAZ, 08.02.2008, Freizeit ist ein knappes Gut
HAZ, 08.02.2008, Auch Eltern leiden unter Schulstress
HAZ, 08.02.2008, Der freie Sonnabend rückt ins Visier
Dicht gedrängt zum Abitur Ausgerechnet die Schüler, die das Abitur als Erste schon nach zwölf Jahren ablegen, müssen sich in besonders vollen Klassen darauf vorbereiten. ... Beide Jahrgänge machen gleichzeitig das Abitur, die Älteren haben aber ein Jahr länger Zeit zum Lernen.
„Das ist einfach ungerecht. Das Problem brennt vielen Eltern unter den Nägeln, denn die Neuntklässler sind durch die verkürzte Zeit bis zum Abitur ohnehin stärker belastet“, sagt Cordula Dietrich vom Stadtelternrat Hannover
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>> Stellungnahmen des Stadtelternrates
>> Abi nach 12 Jahren - vom "Turboabi" bis zum Schulstress 2008
 
>> PRESSESPIEGEL Feb 2008 "Pädagogisch nicht durchdacht"
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NP, 06.02.2008, Was sind die Probleme
NP, 06.02.2008, Was wurde verändert
HAZ, 06.02.2008, "Pädagogisch nicht überdacht"
NP, 06.02.2008, Kommentar: Kinder dürfen nicht Verlierer sein
NP, 06.02.2008, Wulff will Stoff an Gymnasien entrümpeln
NP, 06.02.2008, Die Last mit dem Turbo-Abitur
NP, 06.02.2008 Auch Bayern ist kein Vorbild
HAZ, 06.02.2008, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
HAZ, 06.02.2008, Lernen ohne Lehrbuch
"Pädagogisch nicht überdacht" Garnet Eichholz, Vorsitzende des Stadtelternrats, sieht darin allerdings ein „Kurzschlussverfahren“. Sie findet es richtig, alle Fächer auf den Prüfstand zu heben und auch die Lehrpläne zu aktualisieren. Doch die Stundenzahl dürfe dann nicht automatisch abnehmen: „Für das Abitur nach Klasse zwölf muss der Unterrichtsstoff vertieft vermittelt werden – heute wird er aber einfach durchgezogen.“ Wichtig sei dagegen ein fundiertes Ganztagskonzept mit einer ausreichenden Zahl qualifizierter Lehrkräfte. Die neu genehmigten Ganztagsschulen seien „Mogelpackungen“. Dass Ministerpräsident Christian Wulff jetzt öffentlich kleinere Klassen fordert, verblüfft Eichholz: „Die Klassen sind derzeit doch so groß, weil das Land nicht genug Lehrer eingestellt hat.“ >> Stellungnahmen des Stadtelternrates
>> Abi nach 12 Jahren - vom "Turboabi" bis zum Schulstress 2008
 
>> PRESSESPIEGEL Feb 2008 "Kultusministerium hat seine Hausaufgaben nicht gemacht"
NP, 05.02.2008, Neuntklässler schon jetzt im Abi-Stress>> Abi nach 12 Jahren
NP, 05.02.2008, Dauerstress für Neuntklässler
NP, 05.02.2008, Elternrat: Neues Abitur führt zu Überlastungen
NP, 05.02.2008, Der längste Unterrichtstag endet um 17:00 Uhr
NP, 05.02.2008, Busemann will Lehrer und Schüler entlasten
NP, 05.02.2008, Immer mehr leiden unter Depressionen
Elternrat: Neues Abitur führt zu Überlastungen Laut Cordula Dietrich vom Stadtelternrat stehen die Neuntklässler nur deshalb unter Druck, weil das Kultusministerium seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. >> Stellungnahmen des Stadtelternrates
DRUCK DURCH DAUERSTRESS: Viele Neuntklässler sind mit den wachsenden Anforderungen aufgrund einer verkürzten Schulzeit völlig überfordert.
>> Abi nach 12 Jahren - vom "Turboabi" 2000 bis zum Schulstress 2008
 
>> PRESSESPIEGEL Jan 2008 Auf Schüler wartet 38-Stunden-Woche
HAZ, 30.01.2007 Auf Schüler wartet 38-Stunden-Woche
HAZ, 30.01.2008, Abitur nach 12 Jahren nur mit Zusatzstunde
Dabei haben die Neuntklässler bereits jetzt in der Regel 34 Wochenstunden: Die Unterrichtsstunden, die ihre Vorgänger noch in neun Jahren abarbeiten, sind bei ihnen auf nur acht Jahre verteilt. „Man will den Schülern etwas Gutes tun, damit sie den Stoff aufholen. Aber gerade für Schüler mit Schwierigkeiten ist das hart“, urteilt Cordula Dietrich vom Stadtelternrat Hannover.
>> Abi nach 12 Jahren - vom "Turboabi" bis zum Schulstress 2008
 
HAZ, 08.02.2008 Dicht gedrängt zum Abitur
Das erhöhte Arbeitspensum an den Gymnasien macht Schülern, Eltern und selbst Vereinen zu schaffen. Dass sie in besonders vollen Klassen lernen sollen, ist für die Jugendlichen ein zusätzliches Problem.

Von Bärbel Hilbig
Ausgerechnet die Schüler, die das Abitur als Erste schon nach zwölf Jahren ablegen, müssen sich in besonders vollen Klassen darauf vorbereiten. Nächstes Schuljahr, also in der zehnten Klasse, beginnt für die jetzigen Neuntklässler die Vorbereitungsstufe für das Abitur. Sie werden dann mit bis zu 32 Schülern in einer Klasse sitzen: Die Lernbedingungen sind deutlich erschwert. Für die jetzigen Zehntklässler, die dann im elften Jahrgang sind, gilt dagegen eine Klassenobergrenze von 26 Schülern. Beide Jahrgänge machen gleichzeitig das Abitur, die Älteren haben aber ein Jahr länger Zeit zum Lernen.
„Das ist einfach ungerecht. Das Problem brennt vielen Eltern unter den Nägeln, denn die Neuntklässler sind durch die verkürzte Zeit bis zum Abitur ohnehin stärker belastet“, sagt Cordula Dietrich vom Stadtelternrat Hannover
. Das Kultusministerium habe offenbar noch nicht realisiert, dass die zehnte Klasse in Zukunft zur Oberstufe gehört. „Ich weiß nicht, ob man das bewusst oder unbewusst übersehen hat“, sagt Dietrich. Der Stadtelternrat hält 32 Schüler pro Klasse in der Abiturvorbereitungsphase nicht für akzeptabel und will sich mit einem Brief an das Kultusministerium wenden, den der Arbeitskreis Gymnasien der Interessenvertretung gerade vorbereitet.
Die Eltern gehen auch davon aus, dass die Klassen in Hannover tatsächlich in den meisten Gymnasien bis auf den letzten Platz gefüllt sein werden
. „Die Klassen dieses Jahrgangs wurden schon beim Start im Gymnasium recht vollgepackt“, sagt Dietrich. Im zehnten Jahrgang werden dann noch zahlreiche Schüler hinzukommen, die von der Realschule auf das Gymnasium wechseln.
Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Bisher haben viele Schüler das Jahr für einen Auslandsaufenthalt genutzt und übersprangen so ein Schuljahr in Deutschland. Auch so wurden die Klassen kleiner. Diese Entlastung fällt jetzt weg. „Das Kultusministerium sagt ganz klar, dass Schüler, die ein ganzes Jahr wegbleiben, die Klasse wiederholen müssen“, sagt Elternvertreterin Dietrich.
Auch die Zeit nach dem Abitur bereitet vielen Eltern Bauchschmerzen, weil dann zwei Jahrgänge auf den Markt dränge
n. „In manchen Studienfächern wird der Numerus Clausus sicher anziehen“, sagt Dietrich. Und auch für Realschüler dürfte das Doppelabitur Folgen haben. „Wenn mehr Abiturienten eine Ausbildung beginnen, haben Real- und Hauptschüler schlechtere Karten.“
Aktion Schul-Zeit: Was für Erfahrungen haben Sie mit der verkürzten Schulzeit an den Gymnasien gesammelt? In der HAZ wollen wir kurze Texte von Schülern, Eltern, Lehrern und anderen Betroffenen veröffentlichen. Bitte schicken Sie uns Ihre Beiträge mit vollständigem Namen und Telefonnummer für Rückfragen möglichst bald an:

Hannoversche Allgemeine Zeitung
Stichwort Schul-Zeit
30148 Hannover
Fax: (05 11) 5 18-28 73
E-Mail: hannover@haz.de

 
HAZ, 08.02.2008 Freizeit ist ein knappes Gut

Die um ein Jahr verkürzte Zeit bis zum Abitur wirkt sich auch außerhalb der Schulen aus. Die gestiegene Arbeitsbelastung an den Gymnasien macht sich zum Beispiel bereits in manchen Sportvereinen bemerkbar. „Da die Kinder oft bis nachmittags in der Schule sind, wird es schwierig für sie, danach noch Reitstunden zu nehmen“, sagt August Schmidt, Vorsitzender des Reitvereins Hannover. Die Trainingsstunden für Kinder liegen in der Zeit von 14 bis 17 Uhr. Das kollidiert mit dem Schulunterricht, der zum Teil bis 15 oder sogar 16 Uhr dauert. „Am Spätnachmittag kommen bei uns aber die Besitzer privater Pferde an die Reihe, weil die Erwachsenen dann Feierabend haben“, sagt Schmidt.
Beim Deutschen Hockey-Club Hannover (DHC) kommt es inzwischen häufiger vor, dass Jugendliche einen Trainingstag ausfallen lassen müssen,
weil sie noch in der Schule sind oder zu Hause lernen müssen. „Wir machen uns Gedanken, wie es weitergehen soll“, sagt ein Trainer. Man wolle überlegen, in Zukunft vielleicht verstärkt Hockey in den Schulen anzubieten.
Anders scheint es dagegen bisher beim TSV Kirchrode auszusehen. „Wir haben keine Nachwuchsprobleme. Wir haben sogar den Eindruck, dass der Bewegungsdrang der Kinder durch den schulischen Leistungsdruck zunimmt“, sagt der Vereinsvorsitzende Peter Schrader. Die Eltern achteten jetzt mehr darauf, dass ihre Kinder regelmäßig Sport treiben. „Und auch für die Kinder selbst ist der Sport, besonders Mannschaftssport, offenbar sehr wichtig.“ Auch an der Musikschule Hannover scheint sich die Situation aus Sicht der Musiklehrer in der letzten Zeit offenbar nicht sehr stark verändert zu haben. „Es gab zwar die eine oder andere Abmeldung, aber das gab es früher auch schon“, sagt die stellvertretende Leiterin Verena Tschira. bil

 
HAZ, 08.02.2008 Auch Eltern leiden unter Schulstress

Von Bärbel Hilbig
Schulstress belastet nicht nur Schüler, sondern auch ihre Eltern immer stärker.
„Eigentlich habe ich das Problem. Ich sehe, dass mein Sohn keine Lust hat, dieses enorme Pensum zu bewältigen“, berichtete eine Mutter diese Woche auf einer Veranstaltung an der Lutherschule. Ihr Sohn, ein Achtklässler, leide selbst nicht unter seinen schlechten Leistungen. „Dafür versuche ich, seinen Kram zu machen“, sagte die Mutter. Sie stehe unter Druck, weil ihr Kind angesichts der Anforderungen aktiver und motivierter werden müsse.
Der Schulelternrat der Lutherschule hatte den Abend auch für Eltern anderer Schulen angeboten.
Auf das geschilderte Problem konnte auch Beate Schatten von der pädagogisch-therapeutischen Praxis Schatten&Blome keine schnelle Antwort geben. Die Fachfrau stellte vor rund 60 Eltern Beratungs- und Therapiemöglichkeiten vor. „Wenn Kinder einen Tick entwickeln und zum Beispiel permanent die Haare aufdrehen, ist das ein Stresssymptom.“ Auch bei Prüfungsängsten oder Kommunikationsstörungen riet sie dringend zu einer Beratung. „Viele Eltern kommen viel zu spät.“
Beate Schatten riet dazu, Stressabbau durch Bewegung zu suchen – und auch Lücken im Wochenablauf einzuplanen
. „Kinder wollen auch Zeit vertrödeln. Zwei freie Nachmittage sind ratsam.“ Außerdem empfahl sie Entspannungstechniken wie Yoga. „Die Kinder lernen so, sich selbst zu beruhigen, nicht in Panik zu verfallen.“ Doch das stieß bei manchen Eltern auf Skepsis. „Auch das ist ein Zeitproblem. Wie sollen sie das noch schaffen?“, fragte eine Zuhörerin. Eine andere Mutter bilanzierte: „35 Wochenstunden Schule und dann vielleicht noch ein Hobby. Da sind viele Zwänge, die wir nicht beeinflussen können.“

 
HAZ, 08.02.2008 Der freie Sonnabend rückt ins Visier
Unterricht an sechs Tagen? Busemann lässt Niedersachsens Schulen freie Hand / Wirbel um Senatorin in Hamburg

Von Jörg Kallmeyer und Karl Doeleke
Hannover/Hamburg. Eine Horrorvorstellung für Eltern und Schüler – oder vielmehr eine pragmatische Lösung für das Abitur nach zwölf Jahren? Der Unterricht am Sonnabend, eigentlich längst abgehakt, rückt wieder in der Blick, seit sich in der Bildungspolitik alles um die Überlastung der Gymnasiasten dreht. Wenn den Schülern schon so viel zugemutet werde, so meint mancher Bildungspolitiker, dann sollte das Programm wenigstens auf sechs Tage verteilt werden.
Mit dem Sonnabendunterricht könnten sich Schulen auch der lästigen Organisation des Nachmittagsprogramms und der Mittagsverpflegung entledigen.
So weit die Theorie. In der politischen Praxis allerdings ist das Thema heikel: Lehrer haben in der Regel wenig Interesse, auch am Sonnabend in die Schule zu gehen – und die meisten Eltern fürchten um das freie Wochenende mit den Kindern. Und überhaupt: Haben nicht auch die gestressten Schüler ein Recht darauf, sich nach fünf Tagen von der Schule zu erholen?
Dass es sich um vermintes Gelände handelt, musste Hamburgs Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig gestern erleben.
Die CDU-Politikerin hatte sich in einem Zeitungsinterview für die Wiedereinführung des Sonnabendunterrichts ausgesprochen – sehr zum Ärger von Regierungschef Ole von Beust, der am 24. Februar Landtagswahlen zu bestehen hat. Hamburgs Erster Bürgermeister pfiff seine Schulexpertin gestern mit harschen Worten zurück. Der Vorstoß sei nicht abgesprochen und daher eine „Privatmeinung“, sagte Beust. „Die Entscheidungskompetenz in dieser Sache habe ich.“
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat den freien Sonnabend auch schon einmal in den Blick genommen,
Entscheidungskompetenz in dieser Sache hat er allerdings nicht. Niedersachsens Schulen haben als „Eigenverantwortliche Schulen“ seit vergangenem Sommer die Möglichkeit, den bisherigen Erlass des Kultusministeriums zum Thema in den Papierkorb zu werfen. Ob eine Schule den freien Sonnabend opfert, entscheidet allein der Schulvorstand. In diesem Gremium sind Lehrer zu 50 Prozent sowie Eltern und Schüler zu jeweils 25 Prozent vertreten – spannende Debatten sind also garantiert, eine Mehrheit für den Sonnabendunterricht allerdings dürfte nur schwer zu finden sein. Hinzu kommt der Hinweis von den Kommunen als Schulträger, dass auf dem Land der Schülertransport in den Bussen geregelt sein muss.
Kultusminister Bernd Busemann kann sich bei dem Thema also zurücklehnen.
„Die Schulen haben völlig freie Hand“, sagt der CDU-Politiker. „Persönlich sehe ich den Sonnabendunterricht eher skeptisch.“

 
NP, 06.02.2008 Was sind die Probleme

Als die Verkürzung der Gymnasiallaufbahn von neun auf acht Jahre beschlossen wurde (G8), kürzten die Kultusminister der Länder nur das eine Schuljahr weg, ließen aber die Gesamtstundenzahl und den Lernstoff unberührt.
265 Jahreswochenstunden geteilt durch neun Jahre macht 30 Wochenstunden. Geteilt durch acht Jahre kommt man jetzt auf 33 Wochenstunden – plus AGs. Da Fünft- und Sechstklässler geschont werden, staut sich in der neunten Klasse eine Riesenwelle an Material. Die Folge: überforderte Schüler, von denen immer mehr an Depressionen leiden. ran

 
NP, 06.02.2008 Was wurde verändert

In den vergangenen Jahren wurden von der Landesregierung gleich mehrere große Schulveränderungen angeschoben.
Direkt nach Amtsantritt 2003 wurde mit einem Schlag die Orientierungsstufe abgeschafft. Kurz darauf wurde das Turbo-Abi (G8) beschlossen.
Mittlerweile ist auch das Zentralabitur in Niedersachsen eingeführt worden – dafür müssen alle Lehrpläne angepasst werden.
Seit August 2007 sind die Schulen eigenverantwortlich und sammeln nun erste Erfahrungen mit der neuen Freiheit. ran

 
HAZ, 06.02.2008 „Pädagogisch nicht überdacht“

Von Juliane Kaune
Prof. Thomas Ziehe findet deutliche Worte für die Schulpolitik der Landesregierung: Die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre sei überstürzt eingeführt worden
, kritisiert der Erziehungswissenschaftler der Leibniz-Uni. „Es war keine Zeit, das System entsprechend zu verändern.“ Vor allem der durch die Pisa-Studien erzeugte Druck, mit den kürzeren Bildungslaufbahnen der Gymnasiasten in anderen Staaten mithalten zu können, habe die Reform befördert – ohne dass die pädagogischen Konzepte hinreichend überdacht worden seien.
Ziehe bemängelt, dass die Schüler zu viele verpflichtende Unterrichtsstunden hätten und schon dadurch ein Leistungsdruck erzeugt werde.
Viele Schüler hätten das Gefühl, ständig unter dem Zwang einer Benotung zu stehen – selbst, wenn ihnen Freiräume zum Lernen wie in Förderstunden gelassen würden. „Deutlich mehr als 30 Stunden an der Schule zu verbringen halte ich für problematisch“, sagt Ziehe.
Offenbar erwägt das Land jetzt, auf die Klagen gestresster Schüler und Eltern zu reagieren.
Kultusminister Bernd Busemann hält es für möglich, die bundesweit vorgeschriebene Wochenstundenzahl an Gymnasien ohne Verlust des Lernniveaus zu reduzieren, wenn die Lehrpläne „entrümpelt“ würden.

Garnet Eichholz, Vorsitzende des Stadtelternrats, sieht darin allerdings ein „Kurzschlussverfahren“. Sie findet es richtig, alle Fächer auf den Prüfstand zu heben und auch die Lehrpläne zu aktualisieren. Doch die Stundenzahl dürfe dann nicht automatisch abnehmen: „Für das Abitur nach Klasse zwölf muss der Unterrichtsstoff vertieft vermittelt werden – heute wird er aber einfach durchgezogen.“ Wichtig sei dagegen ein fundiertes Ganztagskonzept mit einer ausreichenden Zahl qualifizierter Lehrkräfte. Die neu genehmigten Ganztagsschulen seien „Mogelpackungen“. Dass Ministerpräsident Christian Wulff jetzt öffentlich kleinere Klassen fordert, verblüfft Eichholz: „Die Klassen sind derzeit doch so groß, weil das Land nicht genug Lehrer eingestellt hat.“
Auch Wilhelm Bredthauer, Leiter der Goetheschule, plädiert für Ganztagsgymnasien. „Ich stehe hundertprozentig hinter der Entscheidung, die Schulzeit um ein Jahr zu verkürzen“, betont er. Es seien nicht alle Fächer bis zum Abi erforderlich. Die von den Politikern ins Spiel gebrachte „Entrümpelung“ der Lehrpläne dürfe jedoch nicht die Fächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen betreffen.Vermeintlich neue Lehrformen wie den von Wulff zitierten Projektunterricht hält Bredthauer für einen alten Hut: „Das machen die Schulen seit 30 Jahren.“
 
NP, 06.02.2008 Kommentar: Kinder dürfen nicht Verlierer sein

Sollte Bernd Busemann in Niedersachsen auch in der neuen Regierung Kultusminister sein, so würde ihm eine eigenartige Rolle zufallen: Er müsste die Baustellen bearbeiten, die er mit Reformen in den vergangenen Jahren aufgerissen hat.
Dabei waren seine Reformen im Kern richtig: Die Abschaffung der Orientierungsstufe, die Einführung eines Zentralabis und des Turbo-Gymnasiums und auch die Eigenverantwortliche Schule waren notwendige Schritte. Doch das Hauruck-Verfahren, mit dem sie umgesetzt wurden, hat bislang mehr Schaden als Nutzen gebracht. In einigen Jahren, so darf man hoffen, sind die meisten dieser Umstellungsschwierigkeiten vorbei. Durch den weiteren Ausbau von Ganztagsschulen und durch Nachjustierungen dürfte die Balance zwischen Anspruch und Machbarkeit wieder hergestellt werden.
Doch bis es so weit ist, sind die Schüler die Leidtragenden – sie sind die Versuchskaninchen, an denen die Tauglichkeit der Schulreform getestet wird.
Wozu das führen kann, hat sich beim ersten Zentralabi gezeigt, als zu schwierige Aufgaben die Abschlussnoten verdorben haben. Und es zeigt sich bei einem Lernpensum, das keinen Platz mehr für Kindheit lässt.
Die Schüler dürfen nicht zu Reformverlierern werden. Dafür muss die Politik mehr Toleranz bei den Abschlussnoten und mehr Flexibilität bei Lernstoff und Stunden möglich machen

Heiko Randermann
 
NP, 06.02.2008 Wulff will Stoff an Gymnasien entrümpeln

HANNOVER. Weniger Lernstoff, weniger Unterrichtsstunden: Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) will den Unterricht an Niedersachsens Gymnasien entrümpeln. Wie das aussehen soll, will er am 26. oder 27. Februar in seiner Regierungserklärung bekanntgeben.
Über eine Stundenreduzierung könne nur die Kultusministerkonferenz entscheide
n, so Wulff. Diese debattiere aber bereits viel zu lange über das Thema. Wulff betonte, Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) wolle die Frage der Stunden-Reduzierung innerhalb der KMK beschleunigt behandeln. „Ich bin zuversichtlich, dass die KMK erkannt hat, was von ihr erwartet wird.“ Bis zum Sommer werde es Ergebnisse geben.
Wulff warnte vor einer hysterischen Debatte: „Unsere Erkenntnisse zeigen, dass Eltern und Lehrer die Situation oft dramatischer sehen als die Schüler selber.“

 
NP, 06.02.2008 Die Last mit dem Turbo-Abitur
Niedersachsen ändert Lehrpläne

VON HEIKO RANDERMANN
HANNOVER. Vor vier Jahren startete in Niedersachsen der erste Gymnasialjahrgang, der das Abi schon nach acht statt nach neun Jahren absolvieren sollte (Fachbegriff: G8
). Nicht geändert wurde damals die Gesamtstundenzahl, so dass die Neuntklässler jetzt im Arbeitsstress stecken (siehe Kasten). Nun wollen Ministerpräsident Christian Wulff und Kultusminister Bernd Busemann (CDU) die Lehrpläne entrümpeln – doch was bedeutet das eigentlich?
„Es ist nicht so, dass dann in Geschichte einfach der Erste Weltkrieg weggelassen wird“, sagt Georg Weßling,
Sprecher des Kultusministeriums. Überhaupt hört man im Ministerium die Wörter „Entrümpeln“ oder „Weglassen“ nicht so gern, das klinge zu sehr nach Qualitätsverlust. Stattdessen werden die Lehrpläne in allen Fächern komplett neu aufgezogen: Statt wie bisher Inhalte aufzulisten sollen in den neuen Kerncurricula Kompetenzen als Lernziel genannt werden.
Das würde heißen, dass beim Ersten Weltkrieg nicht mehr die Daten der Schlacht von Verdun, des Kriegseintritts der Amerikaner und der Abdankung des Kaisers abgefragt würden, sondern das Erkennen historischer Prozesse im Zentrum stünde. So ließe sich lernen, wie man sich anhand alter Feldpostbriefe und medizinischer Berichte ein Bild von der Lage der Soldaten an der Front macht.
Grundgedanke: Wenn die Schüler gelernt haben, wie man sich selbstständig Themen erschließt, brauchen sie in der Schule nicht mehr alle Materialien durchzupauken.
„In Zeiten von schnell verfügbaren Informationen ist es nicht mehr zeitgemäß, alles Wissen in der Schule vermitteln zu wollen“, meint FDP-Bildungsexperte Hans-Werner Schwarz.
Eine richtige, aber keine neue Erkenntnis, kritisiert die grüne Bildungsexpertin Ina Korter
. „Seit Jahren steht das Abi nach zwölf Jahren fest – und die Landesregierung hat alle Bedenken über zu volle Stundenpläne abgewiegelt.“ Erst jetzt wache das Land auf.
Stimmt nicht, hält das Kultusministerium dagegen. Der Umbau von Lehrplänen zu Curricula habe schon 2005 begonnen. Damals wurde das Zentralabi beschlossen und damit auch eine Anpassung des Unterrichtsmaterials – weg von Inhalten hin zu Kompetenzen. Fachkommissionen, in denen Lehrer, Didaktiker und Ministeriumsmitarbeiter sitzen, haben für Mathematik, Deutsch und die drei Naturwissenschaften bereits die neuen Pläne erarbeitet. Derzeit werden die Ergebnisse geprüft. Die Kommissionen sind übrigens dieselben, die jährlich die Aufgaben für das Zentralabi formulieren.
Doch eine Entzerrung sei nicht in Sicht, meint Korter: Aus Angst vor einem Versagen beim Zentralabi bestehe der Unterricht in der Oberstufe derzeit nur aus Paukerei
– um in der Prüfung alle Daten des Ersten Weltkriegs parat zu haben. „Das erreicht man, wenn alles bis ins Detail vorgegeben ist“, so die Grüne.

Das Turbo-Abi in acht statt neun Jahren regt Eltern und Schüler auf – zu viel Inhalt in zu kurzer Zeit. Die niedersächsische Landesregierung will jetzt den Unterricht entrümpeln, auch die Stundenzahl soll verringert werden. Auch in Bayern herrscht Unmut über das Abi in acht Jahren.
 
NP, 06.02.2008 Auch Bayern ist kein Vorbild

VON RALPH MÜLLER
MÜNCHEN. Vier Jahre nach der Einführung ist die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur auf acht Jahre in Bayern noch immer reichlich umstritten.
Dabei fühlte sich der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber nach der bayerischen Landtagswahl 2003 auf der Höhe seiner Macht – immerhin hatte seine CSU 60,7 Prozent und zwei Drittel der Parlamentssitze errungen. Umgehend erklärte er, dass bayerische Gymnasiasten fortan nur noch acht statt neun Jahre die Schulbank drücken sollten. Alles kein Problem – Bayern will gern Vorbild sein.
Hauruck-Verfahren
Doch das von der Staatskanzlei verordnete Hauruck-Verfahren hat dem Projekt von Anfang an nicht gut getan
. Die Hypothek des „unüberlegten Hopplahopp“ wiegt auch vier Jahre nach Einführung des Turbo-Abis schwer. Bisher seien „keine befriedigenden Rahmenbedingungen“ geschaffen worden, beschwerte sich 2007 die Landeselternvereinigung der Gymnasien in einer Petition. Der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) kämpft vor allem gegen die nicht verstummende Klage, die Schüler würden durch den deutlich gestiegenen Leistungsdruck überfordert. Nachhilfeinstitute erlebten einen Boom, der Feierabend und das Wochenende gingen zum großen Teil fürs Pauken drauf. Vergebens wehren sich Schneiders Kultusbeamte.
Die Stundentafel in Bayern liege auf dem Niveau anderer Länder
wie Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen oder Sachsen, wehrt sich der Ministerialrat Walter Gremm. Die durchschnittlich 33 Wochenstunden seien nur zehn Prozent mehr als am neunjährigen Gymnasium. Das erscheine mit Blick auf Länder „mit deutlich höheren Unterrichtszeiten pädagogisch vertretbar“. Das gelte auch für die „ein bis zwei Stunden“, die täglich für Hausaufgaben aufgewendet werden müssten.
Der anhaltende Massenprotest hunderttausender Eltern zeigt langsam Wirkung in Form von Nachbesserungen.
Vor allem in unteren Klassen werde der Nachmittagsunterricht eingeschränkt, versprach Kultusminister Schneider.
Zwei Jahrgänge: Einen schlechten Schnitt hat die bayerische Schulpolitik bei den Klassenstärken. Durchschnittlich sitzen zwar gerade noch erträgliche 28 Schüler in einem Zimmer, im Einzelfall aber stiegen die Klassenstärken im Schuljahr 2006/2007 auf bis zu 36. Eine besondere Bewährungsprobe steht der bayerischen Bildungspolitik 2011 bevor, wenn zwei Abiturientenjahrgänge entlassen werden.
Der Stolz der Erfinder des bayerischen „G8“ sind die „Intensivierungsstunden“, bei denen die Klassen halbiert werden
. Kein anderes Land leiste sich diese Stunden, die – so das Kultusministerium – dazu beitragen, „die Verkürzung um ein Schuljahr pädagogisch aufzufangen und zu verhindern, dass sie zu einem erhöhtem Scheitern führt“.

 
HAZ, 06.02.2008 Kultusminister streiten über Pflichtstunden
KMK-Präsidentin unterstützt Niedersachsens Vorstoß

Hannover (dö). Niedersachsens Vorstoß, die Zahl der Pflichtstunden bis zum Abitur zu reduzieren, ist in der Kultusministerkonferenz (KMK) umstritten. Die KMK-Vorsitzende, die saarländische Bildungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), signalisierte gestern vorsichtige Zustimmung zu dem Plan, die Gymnasiasten zu entlasten.
Kramp-Karrenbauer will die Ergebnisse einer bereits im Dezember eingesetzten Arbeitsgruppe abwarten
. Dabei soll auch überprüft werden, wie gut die Länder jeweils ihre Stundenpläne vor der Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren entschlackt haben. Es gebe Signale aus allen Bundesländern, dass Gymnasiasten gerade in der Mittelstufe sich durch das verkürzte Abitur überfordert fühlen, hieß es im saarländischen Kultusministerium. Skeptisch wird die neue Debatte dagegen in Sachsen betrachtet, das über die längsten Erfahrungen mit dem Abitur nach zwölf Schuljahren verfügt. „Eine Lockerung bei der Mindeststundenzahl kann es nur geben, wenn gleichzeitig ein bundesweit einheitliches Abitur eingeführt wird“, sagte ein Sprecher des sächsischen Kultusministers Steffen Flath (CDU).
In Niedersachsen kritisierte SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner, dass CDU-Kultusminister Bernd Busemann bei allem Reformwahn die Belastungen für Schulen und Schüler aus den Augen verloren habe:
„Wer jetzt von notwendigen pädagogischen Reformen spricht, gibt zu, dass er die vergangenen fünf Jahre verschlafen hat.“ Der Vorsitzende des Landeselternrates, Matthias Kern, sagte, er fürchte, dass es bei der angekündigten „Entrümpelung“ der Lehrpläne zu einem Gezerre um die einzelnen Fächer kommen könnte: „Musik, Religion und Kunst könnten dabei auf der Strecke bleiben.“

 
HAZ, 06.02.2008 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Von Bärbel Hilbig
Sven Grupe hatte gestern mal wieder einen langen Arbeitstag. Um sieben Uhr verlässt der Neuntklässler das Haus, damit er pünktlich kurz vor dem Unterrichtsbeginn um acht Uhr in der Schule ist. Sechs dicke Stullen hat seine Mutter ihm geschmiert. Die Tellkampfschule bietet ihren Schülern im Gegensatz zu den meisten Gymnasien sogar eine Mensa mit warmem Essen, aber der 14-Jährige zieht bisher das Mittagessen zu Hause vor. Doch bis dahin ist es noch lang. Dienstags stehen vier Fächer, jeweils als Doppelstunde, auf seinem Plan: In Deutsch interpretieren die Schüler eine Geschichte von Marie Luise Kaschnitz, in Französisch üben sie das passé composé, in Geschichte geht es um die Novemberrevolution, und in der siebten und achten Stunde will Religionslehrerin Saskia Kuhr Luthers Lebenslauf wiederholen.
„In der achten Stunde kann ich mich oft nicht mehr so gut konzentrieren“, sagt Sven
. Doch dreimal in der Woche geht sein Unterricht so lang: Er verlässt die Schule erst um 15.10 Uhr. Das warme Mittagessen gibt es dann um 16 Uhr. Der Arbeitstag ist für Sven aber auch dann noch lange nicht vorbei. Eine Pause gönnt der 14-Jährige sich nicht. Zuerst erledigt er die Hausaufgaben, dann bereitet er sich auf den nächsten Tag vor. „Ich gucke, ob ich etwas nicht verstanden habe und arbeite das nach.“ Das dauert bis 18.30 Uhr oder 19 Uhr – je nachdem. Auch sonntags setzt Sven sich nachmittags für ein bis zwei Stunden an den Schreibtisch und bereitet sich auf die nächste Woche vor.
Es erscheint schon erstaunlich, dass der Neuntklässler nebenbei tatsächlich zweimal in der Woche zum Leichtathletiktraining geht,
beim Training der kleineren Kinder in seinem Verein hilft, am Wochenende zu Wettkämpfen fährt und auch noch Tennis spielt. „Ich brauche das einfach“, sagt der 14-Jährige. Manchmal setzt Sven sich deshalb so wie gestern, als er nachmittags Trainingsrunden rund um den Maschsee drehte, noch nach dem Sport abends zum Lernen hin. „Wenn ich richtig viel zu tun habe, lasse ich das Training manchmal auch ausfallen.“
Vielleicht ist Sven auch besonders diszipliniert, weil er erst vor einem Jahr von der Realschule aufs Gymnasium gewechselt ist.
Doch seine Mitschüler berichten von ähnlichen Tagesabläufen: Das Abitur nach zwölf Jahren hat die Stundenpläne deutlich verdichtet. Das macht sich bereits bei den Fünftklässlern bemerkbar. Doch im neunten Jahrgang ist die Belastung besonders angewachsen: Das Minimum liegt bei 34 Wochenstunden. Dazu kamen jetzt noch ein bis zwei Extra-Förderstunden, die viele Schulen verpflichtend anbieten.
Inklusive einer AG kommt Sven dieses Halbjahr schon allein auf 36 Unterrichtsstunden in der Schule
. Wenn der Gymnasiast von seinem Pensum erzählt, wirkt er stoisch. Seine Mutter sieht das weniger gelassen. Die schnelle Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren hält sie, wie inzwischen viele Eltern, für unausgegoren. „Die Politiker beklagen regelmäßig, die Kinder seien zu dick, sie sollten mehr Sport treiben und Musik machen, um ihre geistigen Fähigkeiten breit zu entwickeln“, zürnt sie. „Und die Familien sollen sich liebevoll um ihre Kinder kümmern. Nur wann denn noch?“ Bettina Grupe hat vor Augen, wie viel leichter ihr älterer Sohn Lars bisher die Schule gemeistert hat. Die elfte Klasse nutzt er gerade für ein Highschool-Jahr in den USA. „Im Nachhinein merke ich, dass die Orientierungsstufe ihn gut aufs Gymnasium vorbereitet hat.“
Bettina Grupe versucht, Sven und dem jüngeren Bruder Björn, so gut es geht, den Rücken freizuhalten
. „Es ist ganz wichtig, dass die Kinder ihre Freunde treffen und den Kopf mal freibekommen. Sie müssen auch noch Kind sein können.“ Doch unter Svens Mitschülern gehen die Sorgen um. In Religion durften die Jugendlichen jetzt Themen auswählen. Viele möchten sich mit „Zeit“ beschäftigen. Lehrerin Saskia Kuhr hält das für bezeichnend. „Sie fühlen sich überfordert.“ Selbst Fünftklässler machten sich bereits viele Gedanken, wie sie ihre knappe Freizeit sinnvoll nutzen könnten. Kuhr wundert das nicht. „Sie bekommen ja alle gesagt, sie müssten nun schneller sein als alle anderen.“ Und manche Themen tauchten in Deutsch jetzt so früh im Lehrplan auf, dass sie kaum altersgerecht seien.
Doch die Neuntklässler sorgen sich auch um die Zeit nach dem Abitur
. Dann konkurrieren sie mit den jetzigen Zehntklässlern, die gleichzeitig fertig werden, um Studienplätze und Ausbildungsstellen. „Wer ein schlechtes Abitur macht, hat es dann noch schwerer“, sagt Rebekka. Selbst eine Klasse zu wiederholen sei keine Lösung, meint die 14-jährige Laura. Die Stoffverteilung ist dort anders. In manchen Fächern liegen die Achtklässler mit den Neuntklässlern bereits gleich auf.
Die Lutherschule bietet heute um 19.30 Uhr einen Vortrag zum Thema Schulstress. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr in der Aula, An der Lutherkirche 18.

 
HAZ, 06.02.2008 Lernen ohne Lehrbuch
Die Lehrer an den Gymnasien haben eigens für die Neuntklässler einen sogenannten Sonderstoffverteilungsplan entwickelt. Dieser Jahrgang ist der erste in Niedersachsen, der das Abitur nach zwölf Jahren Schulzeit ablegt. Und die Schüler fallen aus jedem Raster: Sie kamen nach einem Jahr Orientierungsstufe ans Gymnasium. Ihre Vorgänger besuchen das Gymnasium erst seit der siebten Klasse und machen das Abitur nach 13 Jahren. Die jüngeren Schüler dagegen, die jetzt in der achten Klasse oder darunter sind, lernen von der 5. bis 12. Klasse am Gymnasium. Für sie haben die Schulbuchverlage inzwischen Lehrmaterial entwickelt, das den Stoff bis zum Abi systematisch auf die einzelnen Jahre verteilt.
Passende Schulbücher für die Neuntklässler gibt es dagegen nicht.
„Das ist schon blöd, weil man nicht nachschlagen kann“, sagt Neuntklässler Laurens von der Sophienschule. Zum Teil behelfen Lehrer und Schüler sich mit den alten Büchern, oft stellen die Lehrer eigens Material für die Neuntklässler zusammen. „Wir können nur die Sachen üben, die wir von den Lehrern bekommen. Das ist manchmal nicht so viel“, sagt Laurens’ Mitschülerin Alina. Jan-Henrik aus der gleichen Klasse nimmt seine Lehrer in Schutz. „Ich finde, wir werden eigentlich ganz gut mit Material versorgt.“
„Das sind alles Notlösungen“, räumt dagegen Rainer Topp, stellvertretender Leiter der Käthe-Kollwitz-Schule, ein.
Die Entscheidung für das verkürzte Abitur sei sehr schnell gefallen. Topp sieht vor allem für das Fach Mathematik ein Problem. Die Stundentafel sieht für die Neuntklässler hier nur drei Wochenstunden vor. Deshalb setzt sein Gymnasium wie viele andere die neue Zusatzwochenstunde, die es seit Montag gibt, verbindlich für Mathematik ein. bil

 
NP, 05.02.2008 Neuntklässler schon jetzt im Abi-Stress

HANNOVER. Neuntklässler unter Druck: In drei Jahren müssen zwei Jahrgänge das Abitur gleichzeitig ablegen. 38 Wochenstunden plus Förderunterricht, AGs und Hausaufgaben – das setzt die 14- und 15-Jährigen schon jetzt massiv unter Druck.
Über den immensen Schulstress klagen vor allem die Schüler – sie haben kaum noch Zeit für ihre Hobbys. Laut Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann aus Hannover hat die Zahl von Kindern mit Depressionen, Bauchschmerzen und Hyperaktivität stark zugenommen. Bei älteren Jugendlichen beobachtet Bergmann sogar zunehmenden Alkoholismus.

 
NP, 05.02.2008 Dauerstress für Neuntklässler

Volle Stundenpläne, wenig Freizeit, verschärfte Bedingungen auf dem Bewerbungsmarkt: Die Schüler in den neunten Jahrgängen der Gymnasien müssen das Abitur mit den Zehntklässlern ablegen. Das setzt die Jugendlichen unter Druck. SPD und Grüne werfen Kultusminister Busemann vor, er habe das Problem verschlafen.

 
NP, 05.02.2008 Elternrat: Neues Abitur führt zu Überlastungen

HANNOVER. Laut Cordula Dietrich vom Stadtelternrat stehen die Neuntklässler nur deshalb unter Druck, weil das Kultursministerium seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.
Klagen von den Eltern im Arbeitskreis Gymnasien hört Dietrich nahezu täglich. „Viele Schüler haben seit Halbjahreswechsel keine Zeit für Sport und Musik.“ Ein Neuntklässler sei angesichts der hohen Belastung bereits auf eine Ganztagsschule gewechselt. Dietrich: „Er hat Glück, dass er dort noch einen Platz bekommen hat.“
Gegen das Abitur nach 12 Jahren sei grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber 34 Wochenstunden, dazu Arbeitsgemeinschaften, Förderunterricht und Hausaufgaben:
„Das ist zu viel. Die Schüler stehen unter Druck. Nicht nur im Unterricht, auch später auf dem Arbeitsmarkt.“ Die Folge: „Es kommt zu Überlastungen. Und in den Gymnasien gibt es nicht einmal warmes Essen.“ Dies sei an Ganztagesschulen besser geregelt.
Schuld an der Misere sei das Kultusministerium: „Vor dem Start des neuen Abiturs hätten die Lehrpläne überarbeitet werden müssen“, kritisiert Dietrich. Um den Druck zu nehmen, hätte der Unterricht gezielt auf die jetzigen Neuntklässler zugeschnitten werden sollen. cc >> Abi nach 12 Jahren

 
NP, 05.02.2008 Der längste Unterrichtstag endet um 17 Uhr

VON CHRISTIAN CARSTENS
HANNOVER. 34 Schulstunden plus Arbeitsgemeinschaften (AGs), Förderunterricht, Hausaufgaben und drei Hobbys: Die Schule setzt Neuntklässlerin Judith (14) schon jetzt massiv unter Druck.

In drei Jahren will sie das Abitur gleichzeitig mit dem jetzigen zehnten Jahrgang der Bismarckschule absolvieren. Bis dahin muss sie den Vorsprung der Zehntklässler wettgemacht haben – die eng gestrickten Lehrpläne lassen ihr dabei kaum Freizeit: „Auf dem Stundenplan ist zum Halbjahreswechsel ganz schön viel dazugekommen. Für spontane Dinge habe ich kaum noch Zeit.“
An ihrem längsten Schultag sitzt Judith um 8 Uhr im Klassenraum und kommt um 17 Uhr nach Hause: „Dann habe ich noch nichts gegessen und muss oft noch Hausaufgaben machen.“
In den Klausur-Phasen müsse sie zusätzliche Lern-Zeit einplanen. Darüber hinaus helfe sie in der Schülervertretung (SV) der Bismarckschule, um ihre AG-Pflichtstunden zu erfüllen.
Freizeit – die bleibt Judith oftmals nur am Wochenende. Der Alltag der 14-Jährigen ist in der Regel zu Wochenbeginn verplant. Ihren Hobbys bleibt die Schülerin noch treu: Dreimal pro Woche Schwimmen, Unterricht in einer Tanzschule und außerdem das Saxofonspielen. Wenn sie könnte, sagt Judith, würde sie das Abitur nach 13 Jahren machen: „Dann wäre es in der Schule entspannter und ich hätte mehr Zeit für meine Freunde.“
Der Abschluss mit zwölf Jahren sorgt bei Judith und ihren 25 Mitschülern in der neunten Klasse schon jetzt für Unruhe. „Es gibt immer wieder Gerüchte, dass Kurse zusammengelegt werden und der Unterricht schon in der nullten Stunde beginnen soll“, sagt Judith. Das hieße Schule ab sieben Uhr morgens.
Viel schlimmer seien jedoch die voraussichtlich miesen Chancen ihres Jahrgangs auf Ausbildungs- und Studienplätze.
Wegen der hohen Zahl der Abiturienten rechnet Judith mit erschwerten Zugangsbedingungen an Universitäten: „Nur weil wir doppelt so viele Absolventen sind, wird es noch lange nicht doppelt so viele Plätze geben.“

 
NP, 05.02.2008 Busemann will Lehrer und Schüler entlasten

VON HEIKO RANDERMANN
HANNOVER. Von neun auf acht Jahre ist die Gymnasiallaufbahn von der Landesregierung gekürzt worden – doch am Lehrplan und an der Gesamtstundenzahl ist nichts getan worden.
Die Folge: Volle Stundenpläne und viel Stress für Lehrer und Schüler. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) will das ändern.
Die „Fessel der starren Stundengrenze“ müsse gelockert werden, sagte Busemann.
Das geht aber nur in Absprache mit den anderen Bundesländern in der Kultusministerkonferenz (KMK). Dort dränge Niedersachsen schon lange auf mehr Flexibilität, so Busemann.
Auch die Lehrpläne sollen geändert werden. Die werden derzeit sowieso überarbeitet, damit nach Einführung des Zentralabiturs in Niedersachsen und anderswo die Lernerfolge auch bundesweit vergleichbar werden. Ziel müsse dabei sein, die Lehrpläne zu entrümpeln.
Die Grünen werfen Busemann vor, das Problem verschlafen zu haben. Dass die Schülerinnen und Schüler überfordert sein würden, wenn man die Schulzeit verkürzt, die Lehrpläne aber stehen lässt, sei schon vor fünf Jahren bekannt gewesen, so Schulexpertin Ina Korter. Trotzdem habe Busemann auf einer überstürzten Einführung des Abiturs nach zwölf Schuljahren bestanden. „Der Kultusminister hat bis heute keinen Finger gerührt, um den Stoffplan am Gymnasium zu entrümpeln“, so Korter.
Auch die SPD kritisierte, dass die Optimierung nicht schon längst geschehen sei.
Sie forderte die Landesregierung auf, schnell zu handeln. Am sinnvollsten sei es, die Gymnasien rasch zu Ganztagsschulen umzubauen, um auch am Nachmittag Zeit für qualitativen Unterricht und individuelle Förderung zu haben.

 
NP, 05.02.2008 Immer mehr leiden unter Depressionen

Der hannoversche Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann warnt im NP-Interview vor zu viel Schulstress.

VON NORA LYSK
Abi nach 12 Jahren – befürworten Sie diese Verkürzung der Schulzeit?

Grundsätzlich schon. Jugendliche wohnen bei uns viel zu lange zu Hause, sind viel zu lange abhängig von Mama und Papa. Das Problem ist aber, dass das Abitur nach 12 Schuljahren miserabel vorbereitet wurde. Die Politik hat den Lehrern die Verkürzung der Schulzeit einfach vor die Füße geworfen. Mit der Folge, dass der Druck auf Lehrer, Eltern und natürlich auch auf die Schüler wächst.
Das Kultusministerium bietet den Schulen an, freiwillige Förderstunden für Neuntklässler einzurichten. Die Schüler hätten dann eine 38-Stunden-Woche.
Das ist natürlich viel zu viel. Ich frage mich, wie so ein Vorschlag überhaupt in die Welt gesetzt werden konnte. Jeder weiß, dass so die natürliche Intelligenz unserer Kinder zerstört wird, wenn sie noch weiter unter Stress gesetzt werden.
Dennoch muss der Stoff ja gelernt werden.
Seit Jahren wissen wir, dass mindestens ein Drittel des Unterrichtsstoffes überflüssig ist. Wichtiger ist, dass 16-Jährige lernen mit Wissen umzugehen, dass sie lernen, wo sie was nachlesen können. Das brauchen sie später in der Universität. Darüber hinaus sollte auch das ästhetische Empfinden, der Umgang mit Sprache und Musik nicht zu kurz kommen. Das belebt die Intelligenz von Kindern und Jugendlichen.
Was sind die Folgen von zu viel Stress?
Wir haben seit mehreren Jahren ein Anwachsen von Depressionen bei Schulkindern um 25 bis 30 Prozent. Immer mehr Kinder leiden unter Bauchschmerzen und Hyperaktivität. Bei älteren Jugendlichen beobachten wir zunehmenden Alkoholismus. Das hat viele Faktoren. Doch der Schulstress ist einer davon . Und auch in den Familien wird der Leistungsdruck spürbar und mehr. Mit der Folge, dass Vertrauen und Liebe den Bach runter gehen.
Sind das die Folgen des Pisa-Debakels?
Abgesehen davon, dass die Aussagen der Pisa-Studie begrenzt sind, so hat die Politik vor allem verpasst, von den Gewinnern der Studie zu lernen. In Finnland werden die Kinder nicht wie bei uns selektiert, sondern ohne wenn und aber integriert.

 
HAZ, 30.01.2008 Abitur nach zwölf Jahren nur mit Zusatzstunden

Hannover (bil). Auf die Neuntklässler, die als erste Schüler das Abitur bereits nach zwölf Jahren machen sollen, kommt von nächster Woche an noch mehr Arbeit zu. In der Regel haben die Schüler bereits jetzt 34 Pflichtstunden pro Woche, damit sie das gleiche Pensum wie ihre Vorgänger in verkürzter Zeit schaffen. Das Kultusministerium hat den Schulen 1,5 Förderstunden pro Woche zusätzlich angeboten. In Hannover wollen voraussichtlich alle Gymnasien das Angebot annehmen und vor allem den Mathematikunterricht aufstocken. Schüler, die auch noch AGs belegen, kommen nach Einschätzung eines Schulleiters dann leicht auf 38 Wochenstunden plus Hausaufgaben.
Eltern und Schulleiter sehen die neue Belastung zwiespältig. Die Förderung könne leicht zur Überforderung führen, warnen sie.
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HAZ, 30.01.2008 Auf Schüler wartet 38-Stunden-Woche

Von Bärbel Hilbig
Auf die Neuntklässler kommen ab der nächsten Woche gewaltige Belastungen zu. Die Gymnasien stocken ihren Unterricht um ein bis zwei Förderstunden pro Woche auf. „Viele Schüler kommen einschließlich der AGs dann locker auf 38 Unterrichtsstunden in der Woche“, sagt Hartwig Bergmann, Leiter der Lutherschule. Hausaufgaben tauchen in dieser Rechnung noch gar nicht auf.
Die Neuntklässler sind die ersten Schüler, die ihr Abitur bereits nach zwölf Jahren absolvieren
. Damit sie das Pensum schaffen, hat das Kultusministerium jetzt kurzfristig Förderstunden angeboten. In Hannover werden nach Einschätzung von Bergmann wohl alle Gymnasien von diesem Angebot Gebrauch machen.
Dabei haben die Neuntklässler bereits jetzt in der Regel 34 Wochenstunden:
Die Unterrichtsstunden, die ihre Vorgänger noch in neun Jahren abarbeiten, sind bei ihnen auf nur acht Jahre verteilt. „Man will den Schülern etwas Gutes tun, damit sie den Stoff aufholen. Aber gerade für Schüler mit Schwierigkeiten ist das hart“, urteilt Cordula Dietrich vom Stadtelternrat Hannover.
Die Schulen können ein Jahr lang 1,5 Förderstunden pro Woche und Klasse in Anspruch nehmen. Wie die Gymnasien das Angebot nutzen, entscheiden sie selbst. „Wir werden auf jeden Fall eine Stunde Mathe pro Klasse zusätzlich unterrichten“, sagt Bergmann. Außerdem will die Lutherschule im Wechsel Englisch- und Französischstunden aufstocken. Auch bei den anderen Gymnasien steht Mathematik meist ganz oben auf der Prioritätenliste. An der Schillerschule gibt es Mathe und Physik zusätzlich, bei Bedarf auch Deutsch und Englisch. Die Neuntklässler der Sophienschule wünschten sich in einer Umfrage selbst Matheförderung. Englisch, Deutsch, vielleicht auch Französisch und Latein wird es ebenfalls geben. Mit dem Geld aus dem Kultusministerium stocken zumeist Lehrer, die in Teilzeit arbeiten, ihre Stunden auf.
Doris Espel, Leiterin der Schillerschule, geht eigentlich davon aus, dass ihre Neuntklässler auch ohne die Förderstunden zurechtkommen
. „Aber die Sorgen der Eltern sind groß.“ Wie Espel sehen viele Schulleiter und wiederum auch Eltern die Zusatzstunden mit gemischten Gefühlen. Die Sophienschule hat sich deshalb für ein anderes Modell entschieden. Die Schüler entscheiden selbst, ob sie zur Förderstunde gehen. Knapp die Hälfte der 80 Neuntklässler hat sich angemeldet. „Wir wollten sie nicht verpflichten, bis 16 Uhr an der Schule zu bleiben“, sagt Schulleiterin Brigitte Helm.
Während viele Eltern Angst vor dem Versagen ihrer Kinder beim Abitur haben, wehren andere sich gegen die zusätzliche Belastung. Katrin Meinert hat deshalb den Ministerpräsidenten angeschrieben: „Für die Neuntklässler sollte man das Abitur verschieben“, sagt die Mutter aus Hemmingen.

 
HAZ, 13.01.2007 Hobbys helfen bis zum Abitur

Gymnasien erkennen auch AGs zur Erfüllung der vorgeschriebenen Stunden bis zur Reifeprüfung an

Von Bärbel Hilbig
Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur hat kuriose Folgen: Die Stundenpläne sind so vollgestopft, dass auch Arbeitsgemeinschaften zur Erfüllung der Pflichtstunden bis zum Abi dienen. Hintergrund: Die Achtklässler und jüngeren Schüler sollen genauso viel Unterricht bekommen wie ihre Vorgänger, die 13 Jahre Zeit haben. Die Schüler haben im Schnitt von der fünften bis zur zwölften Klasse pro Jahr 33 Schulstunden pro Woche – das ergibt insgesamt 265 Wochenstunden bis zum Abitur. Fünf von diesen 265 Stunden sollen die Schüler mit AGs, Förderunterricht oder der dritten Fremdsprache als Wahlunterricht bestreiten.
Etliche Schulen scheinen sogar dazu übergegangen zu sein, ihren Schülern private Aktivitäten im Sportverein, im Chor oder selbst die Teilnahme am Konfirmandenunterricht auf die vorgeschriebene Stundenzahl anzurechnen. Der Stadtelternrat Hannover hat etliche Fälle gesammelt. „Vieles ist in das Belieben der Schulen gestellt“, kritisiert Garnet Eichholz vom Stadtelternrat. Selbst von Eltern bezahlten Förderunterricht, den ältere Schüler geben, wollte eine Schule mitzählen.
„Wir haben auch Anträge von Schülern bekommen, die Reitverein oder Geigenunterricht anerkennen lassen wollten“, sagt Brigitte Helm, Leiterin der Sophienschule. Das Gymnasium hat das abgelehnt. Auf AG-Angebote von Ehrenamtlichen wie Schach oder Tierpflege scheinen die meisten Schulen aber nicht verzichten zu können. „Bei Lehrermangel müssen wir zuerst die AGs zusammenstreichen. Ohne Freiwillige hätten wir deshalb Probleme“, sagt Henning Lawes, Leiter der Humboldtschule. Die Sophienschule akzeptiert allerdings nur zwei AGs, die nicht von Lehrern gegeben werden. „Beide laufen in der Schule, denn wir müssen die Teilnahme überprüfen“, sagt Helm.
Bei vielen Eltern und Lehrern ist der „Unterricht“ durch Freiwillige allerdings umstritten, auch wenn es in den AGs keine Noten gibt. Das Kurt-Schwitters-Gymnasium in Misburg bietet mithilfe von Eltern, Vereinen und Kirche stolze 38 AGs. „Durch die besondere Kompetenz von Eltern gibt es zum Beispiel Businessenglisch“, sagt Schulleiter Winfried Baßmann. Die engagierten Eltern selbst sehen das jedoch als Notlösung. „Solange wir nicht mehr Lehrerstunden kriegen, geht es nicht anders“, sagt Elternsprecherin Kirsten Hohlfeld. Die Goetheschule setzt dagegen ausschließlich auf Lehrer als AG-Leiter oder in Einzelfällen als Begleiter für Externe. „Wir erwarten, dass Schüler bis zum Ende des Halbjahrs dabei bleiben“, sagt Schulleiter Wilhelm Bredthauer. Freiwillige könnten das oft nicht gewährleisten.

Lehrer Harald Liese mit Schülern der Chor AG der Goetheschule. Steiner >> 12 Jahre Abi >>Abitur >> Arbeitsgemeinschaften
 
NP, 20.05.2006 Schnell-Abi: Kein Konzept für Sitzenbleiber
2011 beginnt Prüfung nach zwölf Jahren – doch was machen Wiederholer aus Klasse 13?
2011 werden in Niedersachsen die ersten Schüler Abi nach nur zwölf Schuljahren machen – doch bisher weiß noch keiner, wie das funktionieren soll.
VON NORA LYSK
HANNOVER. Der Countdown läuft. Nur noch drei Jahre, dann werden die jetzigen Siebtklässler in die Oberstufe wechseln und bereits zwei Jahre später ihr Abitur in der Tasche haben – nach nur zwölf Jahren Schulzeit.
Nur: Ein Konzept zur Umsetzung der bereits 2003 beschlossenen Reform fehle bislang, klagen Lehrer und Eltern. „Die Lehrpläne müssten bald umgestellt werden, aber wir warten noch auf die neuen curricularen Vorgaben“, sagt Brigitte Schneider-Pachaly, Leiterin der Wilhelm-Raabe-Schule. Einzige Information, die die Schulen bisher erhalten haben: Die Wochenstundenzahl wird ab der zehnten Klasse auf 34 erhöht. Doch auch die Lehrbücher müssten erneuert werden. „Wir können doch nicht so tun, als ob das eine Jahr, das den Kindern weggenommen wird, so problemlos wäre“, kritisiert Schneider-Pachaly. Der Stadtelternratsvorsitzende Richard Lochte gibt der Schulleiterin Recht: „Es gibt eine Menge ungelöster Probleme im Hinblick auf das Abi nach zwölf Jahren.“ Viktor Reuter, Schulleiter der Richarda-Huch-Schule, sieht noch ganz andere Probleme: „Die Frage ist doch, wie wir mit den Sitzenbleibern umgehen sollen“, sagt er. Hintergrund: Schüler, die derzeit in der achten Klasse sind und im elften Jahrgang eine Ehrenrunde drehen, müssten dann eigentlich auch nach zwölf Jahren ihr Abitur machen. „Doch das Problem wird sein, dass diese Schüler ein Jahr im Stoff hinterherhinken“, erklärt Reuter. Die einzige Lösung könnte sein, dass die Sitzenbleiber nach dem alten System unterrichtet würden. Mit weniger Wochenstunden und mit der Abiturprüfung nach 13 Jahren. „Derzeit werden Schüler, die die elfte Klasse wiederholen mussten, auch nicht im Zentralabitur geprüft, sondern nach dem alten System“, erklärt der Schulleiter. Doch eine Extra-Jahrgangsstufe für drei bis vier Sitzenbleiber einzurichten, das kann sich auch Reuter nicht vorstellen.
Im Ministerium heißt es, nach und nach würden Kernkompetenzen für das Abitur erarbeitet. „Das Problem mit den Sitzenbleibern werden wir so lösen, dass es keinem Schüler zum Nachteil wird“, versichert Ministeriumssprecher Georg Weßling.
 

Bündnis 90/Die Grünen im niedersächsischen Landtag Antrag zur Schulzeitverkürzung"Durchlässigkeit erhalten und ausbauen - individuelle Schulzeitverkürzung erleichtern"  Die erste Beratung dieses Antrages wird am 14. Mai 2003 stattfinden. 
Grüne imLandtag, PM 86, 30.04.2003  Abi nach 12 Jahren an Gesamtschulen ist "schlitzohriges Minister-Angebot" Die Landtagsgrünen sehen in Kultusminister Busemanns Angebot, auch an Gesamtschulen das Abitur nach 12 Jahren einzuführen, eine "schlitzohrige  Offerte". "Der Minister macht den IGSen ein Angebot, dass sie nur  realisieren können, wenn sie ihre eigenen Bildungsgrundsätze aufgeben",  sagte die schulpolitische Sprecherin Ina Korter am Mittwoch (heute) in  Hannover. Das Abi nach 12 sei nur möglich, wenn für den gymnasialen Bildungsgang die Wochenstundentafel in der Sekundarstufe I deutlich erhöht  werde. Auch die zweite Fremdsprache würde im gymnasialen Bildungsgang künftig früher beginnen müssen. Der für die Integrierten Gesamtschulen wesentliche schulformübergreifende Unterricht sei dann wegen der sehr unterschiedlichen Stundentafeln nicht mehr möglich. 
NP, 04.04.2003  Schulstrukturreform / Abitur nach 12 Jahren:  Turbo-Abitur komt doch schon schneller   HANNOVER. Schüler, die im August in die fünfte Klasse der Orientierungsstufe (OS) kommen, sollen nun doch später in Klasse zwölf Abitur machen dürfen.        Man werde entweder Profilklassen für gute Schüler einrichten oder mehr Unterrichtsstunden an der OS erteilen, erklärte gestern Karl-Heinz Klare, Fraktionsvize und schulpolitischer Sprecher der CDU. Das neue Schulgesetz von Union und FDP, das im Juni den Landtag passieren soll, schafft die OS ab und verpflichtet Schüler nach der vierten Klasse zu Haupt-, Reralschule oder Gymnasium zu wechseln.          Weil die Schulen aber nicht so schnell aufs neue System umschalten können, soll die Dreigliedrigkeit erst 2004 eingeführt werden. Kinder, die 2003 noch zur O-Stufe kommen, müssten deshalb 13 Jahre bis zum Abi büffeln.          In mehreren Punkten wird der Entwurf derzeit noch verändert. Den Kooperativen Gesamtschulen (KGS) soll nun doch generell erlaubt werden, in Klasse zwölf das Abitur zu vergeben. Bisher war nur eine Kann-Bestimmung vorgesehen. Auch den Integrierten Gesamtschulen (IGS) soll jetzt das frühe Abitur genehmigt werden - aber nur, wenn im Unterricht nach Haupt- und Realschülern sowie Gymnasiasten getrennt wird. Laut Klare haben viele IGS-Leiter dies gefordert, da sie fürchten, mit einem Abitur nach Klasse 13 im Wettbewerb der Schulen nicht bestehen zu können.     Änderungen gibt es auch bei "Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen": Schulverweise oder der Ausschluss vom Unterricht als Sanktion gegen gewalttätige Schüler sollen künftig leichter verhängt werden können.    dl
Kommentar:   Schulgesetz eine Baustelle    von Dirk Racke       Es war überhastet. Um ihre Schulreform vor dem Sommer verabschieden zu können, haben CDU und FDP ihren Entwurf direkt nach der Wahl in den Landtag eingebracht. Ergebnis: Noch immer ist das Gesetz eine Baustelle. Doch die geplanten Änderungen sind richtig.  Die Benachteiligung der letzten OS-Schüler wird gemildert, die Diskriminierung der von der Koalition ungeliebten Gesamtschulen zumindest beim Abitur aufgehoben. Andere Fragen sind noch offen: Wie wird Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Schulformen organisiert ? Wo bleibt der Elternwille, wenn nach der 5. Klasse Lehrer entscheiden, wo Kinder weiterlernen ? 
NP, 03.04.2003  Schulstrukturreform / Abitur nach 12 Jahren: Abitur nach 13 Jahren noch bis 2012   HANNOVER. Abitur nach zwölf Jahren - so sieht es das neue Schulgesetz von CDU und FDP vor. Doch das Abi in Klasse 13 bleibt bis mindestens 2012.     Denn das Turbo-Abi gilt nur für Kinder, die nächstes Jahr in die fünfte Klasse wechseln - wie Annalena, die Tochter des Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). Die 87 300 Viertklässler dieses Jahres müssen als Letzte noch zwei Jahre Orientierungsstufe durchlaufen. Erfahrungsgemäß wählen 32 Prozent später den Gymnasialzweig. Als Spätstarter machen sie erst in der 13. Klasse Abi.      Nur die besten dieser 30 000 Schüler könnten es schneller schaffen: Im Kultusminister wird geprüft, ob sie die elfte Klasse überspringen können.      Helga Akkermann, die Vorsitzende des Schulleitungsverbandes, hält Gymnasien mit zwei Geschwindigkeiten sogar auf Dauer für notwendig: " Wir dürfen nicht nur die leistungsstärksten Schüler sehen." Sie fordert massive Fördermaßnahmen und Aufstiegschancen für Realschüler. "Wenn sie keine zweite Fremdsprache gewählt haben, müssen sie nachlernen. Da brauchen sie Zeit bis zur 13." dir 
NP, 02.04.2003  SchulstrukturreformO-Stufe für Viertklässler      Kinder, die im August in die fünfte Klasse wechseln, müssen noch zwei Jahre in die Orientierungsstufe (OS).   Ohne diese Übergangsphase gehe es nicht, stellte jetzt Kultusminister Bernd Busemann (CDU) klar. Nach bisherigem Stand werden diese Kinder auch erst nach 13 Jahren Abi machen können. Erst die Viertklässler 2004 werden direkt an die weiterführenden Schulen wechseln und können nach zwölf Jahren ein Abi ablegen.      Die OS wird jedoch geändert: Ab dem zweiten Halbjahr der Klasse fünf werden Deutsch, Mathe und Englisch in drei Leistungsstufen (A-, B-, C-Kurse) angeboten.  Weitere Entscheidungen:  Die 200 voll betreuten Halbtags-Grundschulen bleiben. Für die Rückumwandlung der schlechter ausgestatteten verlässlichen Grundschulen fehlt jedoch das Geld. Kooperative Gesamtschulen (KGS), die wie Sehnde und Wennigsen getrennt nach Schulzweigen unterrichten, dürfen ein Abi nach der Zwölf anbieten.  Busemann schließt das auch für die IGS nicht mehr aus.  mehr ...
Abitur nach 12 Jahren: Nicht für IGS-Schüler
NP, 14.03.2003  Schulstrukturreform / Abitur nach 12 Jahren:   Nicht für IGS-Schüler   Es ist der Paragraf 5a des neuen Schulgesetzes, der für Ärger sorgt. Darin ist geregelt, dass Gesamtschüler das Abitur nicht wie künftig an Gymnasien vorgesehen nach Klasse 12 ablegen dürfen. Schüler von IGS und KGS sollen weiter 13 Jahre zur Schule gehen.  Die Gesamtschulleiter sind empört. Sie wittern eine Kampagne, denn Gesamtschulen sollen nach dem Willen der neuen Landesregierung nur noch Bestandsschutz haben.  „Das ist Diskriminierung. Es kommt der Ideologie der CDU sehr gelegen“, sagt Georg Willmer von der IGS Mühlenberg. Er fordert eine flexible Abizeit. „Zwölf Jahre für die Stärkeren, 13 für die anderen.“   Die Pädagogen fürchten um den Ruf ihrer Schulen. Vorurteile, an Gesamtschulen bräuchten die Schüler länger, würden geschürt. „Das ist von den Gesetzgebern mit Sicherheit gewollt“, empört sich Bernd Steinkamp, Leiter der IGS Roderbruch.       Auch Kollege Christoph Walther von der IGS Linden ist sauer: „Ob Verfahren oder Qualitätsstandard – die Oberstufe an Gymnasien und Gesamtschulen ist exakt gleich. Das ist Diffamierung.“   Warum die Gesamtschulzeit weiter 13 Jahre dauern soll, weiß auch Georg Weßling, Sprecher des neuen Kultusministeriums, nicht so genau. An den Gesamtschulen würde nicht zielgerichtet gearbeitet, deshalb bräuchten die Schüler dort wohl mehr Zeit, argumentierte er etwas vage.        Die Zukunft der Gesamtschulen sehen deren Leiter optimistisch. „Die Leute laufen uns die Türen ein. Wir haben mehr Anmeldungen als Plätze. Steinkamp: Wir bieten denen, die glauben, dass das neue System ihren Kindern nicht gut tut, Zuflucht.“       Positive Resonanz auf das Abitur nach zwölf Jahren kommt von den Gymnasien. Uwe Rademacher vom Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium begrüßt wie fast alle seiner  Kollegen, dass die Schüler früher in den Beruf starten. „Das ist ein Jahr Lebenszeit“, sagt auch Brigitte Netzel von der Elsa-Brändström-Schule.     Sorgen macht den Direktoren nur das Auslandsjahr, das viele Elftklässler in die USA oder Australien führt. „Bisher haben die Schüler fließend in Klasse 12 weiter gemacht. Künftig werden die meisten wohl wiederholen müssen“, sagt Martin Kronenberg von der Käthe-Kollwitz-Schule   HANNOVER, VON JULIA PENNIGSDORF
12.06.2002 Goslarsche Zeitung, 12. 06.2002 
Ratsgymnasium will Abi in Klasse 12  ... Das RG-Modell sieht vor, alle Schüler nach Klasse 12 zum Abitur zu bringen. Das eingesparte Jahr soll nicht in der Oberstufe, den Klassen 11 bis 13 (Sekundarstufe II) wegfallen, sondern nach einer Grundsteinlegung in der Förderstufe (2. Fremdsprache ab Klasse 6) in den Schuljahren 7 bis 10 (Sekundarstufe I) „reingearbeitet“ werden. Die vier Jahre werden auf drei verkürzt. Wichtig dabei: eine enge Kooperation zwischen Grundschule und der in diesem Fall an das RG angebundenen Förderstufe. mehr ...
14.11.2001 Orientierungstufe hat ausgedient, Eltern entscheiden nach 4 und 6  Fördern soll sich wieder lohnen: Land will neue Schulstruktur (GZ)
14.11.2001 Aus für Orientierungsstufe -  Land setzt auf Förderklassen und Turbo-Abitur nach zwölf Jahren (NP) 
14.11.2001 Gabriel: Orientierungsstufe wird abgeschafft - Niedersachsen steht vor großer Schulreform, Abitur nach zwölf Jahren, neue Gymnasien auf dem Land  (HAZ) ->Schulstrukturreform  ->Abitur nach 12 Jahren
14.11.2001 Gabriel: "Wir müssen alle Bildungsreserven ausschöpfen - Gespräch des Ministerpräsidenten mit Jörg Kallmeyer 
0.03.2001 In D-Zug-Klassen schneller zum Abi  (HAZ)
02/2001 NRW gibt grünes Licht für "Begabten-Abitur nach zwölf Jahren

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Ratsgymnasium will Abi in Klasse 12
Goslarsche Zeitung, 12. 06.03.2001  Ratsgymnasium will Abi in Klasse 12
GOSLAR. Wie kann, wie sollte Schule nach der Schulstrukturreform in Niedersachsen ganz konkret in Goslar aussehen? Mit dieser zentralen Frage befassten sich auf Einladung des Elternrates und der Schülervertreter des Ratsgymnasiums (RG) am Montag Ratsvertreter, die Schulleitung des RG und rund 50 Zuhörer in der Aula.
In der Diskussion wurde deutlich, dassgroße Unklarheiten darüber bestehen, wie nach Abschaffung der Orientierungsstufe die neue „Förderstufe“ aussehen soll und wie groß der Spielraum für die einzelnen Schulen sein wird, das neue Schulgesetz, das am Freitag zur Abstimmung im Landtag vorliegt, an eigene Vorstellungen anzupassen. In dieser Situation prescht das Ratsgymnasium (RG) mit einer eigenen Idee nach vorn. Hartmut Humm, stellvertretender Schulleiter, erläuterte den „Schulversuch“: „Wir wollen einen etwas mutigeren Reformweg gehen.“ Das RG-Modell sieht vor, alle Schüler nach Klasse 12 zum Abitur zu bringen. Das eingesparte Jahr soll nicht in der Oberstufe, den Klassen 11 bis 13 (Sekundarstufe II) wegfallen, sondern nach einer Grundsteinlegung in der Förderstufe (2. Fremdsprache ab Klasse 6) in den Schuljahren 7 bis 10 (Sekundarstufe I) „reingearbeitet“ werden. Die vier Jahre werden auf drei verkürzt. Wichtig dabei: eine enge Kooperation zwischen Grundschule und der in diesem Fall an das RG angebundenen Förderstufe. 
Kontrovers diskutiert wurde der RG-Ansatz, ausschließlich ein „Turbo-Abi“/„D-Zug-Zweig“ oder „Expressabitur“ anzubieten. Nach Auskunft des Kultusministeriums besteht keine Chance auf Genehmigung des RG-Schulversuchs. Pressesprecherin Sonja Markgraf sagte am Dienstag auf Anfrage der GZ: „Es gilt der Grundsatz, dass alle Schulen künftig das Abitur in zwei Geschwindigkeiten anbieten müssen.“ kem    Goslarsche Zeitung, 12.06.2202
In D-Zug-Klassen schneller zum Abi
HAZ, 10.03.2001 SCHULEN  In D-Zug-Klassen schneller zum Erfolg. Die Elsa-Brändström-Schule in der Südstadt und die Humboldtschule in Linden richten zum kommenden Schuljahr jeweils eine der so genannten D-Zug-Klassen ein. An beiden Gymnasien können Schüler dann in zwölf statt in dreizehn Jahren zum Abi gelangen, indem sie im Klassenverband einen Jahrgang überspringen. Das Schulamt hat dem Vorhaben jetzt zugestimmt. Bereits vorher hatte sich das Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium als erste staatliche Schule in Hannover für eine D-Zug-Klasse zum kommenden Schuljahr entschieden. Die private katholische St.-Ursula-Schule bietet den schnelleren, lernintensiveren Weg zum Abitur bereits seit zwei Jahren an.       bil

NP, 09.03.2001
Schulreform nun doch schon 2002
Hannover. Wann kommt die Schulreform in Niedersachsen ? Wenn es nach Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) geht, ist bereits vor der Landtagswahl im Frühjahr 2003 alles klar.
Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD) sieht das laut Gabriel genauso - aber erst seit gestern. Noch Anfang der Woche hatte sie festgestellt: Wegen der komplizierten Beratungen könne das Verfahren bis zur Wahl nicht abgeschlossen werden und müsse anschließend neu beginnen   mehr ....

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10.03.2001 In D-Zug-Klassen schneller zum Abi  (HAZ)
02/2001 NRW gibt grünes Licht für "Begabten-Abitur nach zwölf Jahren
02/2001 Hohlmeier: Achtjähriges Ganztagesgymnasium als Renner
02/2001 Kabinett in Potsdam billigt Schulgesetz-Novelle
02/2001 F.D.P. besteht auf Leistungsdifferenzierung in gymnasialer Oberstufe
13.01.2001 Bei Bildung liegt noch vieles im Argen (NP)
11.01.2001 Bayern: "Die Eltern wollen's nicht" (Der Neue Tag)
11.01.2001 Brandenburg: Noch keine Klarheit für schnelleres Abi (Lausitzer Rundschau)
20.12.2000 KWRG: Für Hochbegabte gibt's das Abitur künftig nach zwölf Jahren(Hannoversches Wochenblatt Süd)
04.12.2000 SPD: Für gute Schüler Abitur künftig nach zwölf Jahren(dpa-Dienst f. Kulturpolitik)
Nov. 2000 "Mit Turbo-Gymnasium zu mehr Abiturabschlüssen ?"   (E&W (GEW)) 
30.11.2000 TIMMS zur gymnasialen Oberstufe: "Vier Fächer für das Leben" (FR)
23.11.2000 "Schnell-Abi im Saarland" (HAZ)
23.11.2000 "Schulzeitverkürzung bis zum Abitur - Was können Gesamtschulen dazu beitragen" (GGG)
23.11.2000 Deutschland braucht mehr Gymnasiasten" (HAZ)
22.11.2000 Bayern setzt auf dem Weg zum Abitur künftig auf Doppellösung (dpa-Dienst f. Kulturpolitik)
22.11.2000 MARKUS-Studie: Leistung nicht von Klassengröße oder Schulform abhängig (dpa-Dienst f. Kulturpolitik)
18.10.2000 Schüler nehmen Abkürzung zum Abitur  (HAZ)
08.01.2000 Nordrhein-Westfalen: "Abiturnoten sind 'angemessen'"-NRW ließ 30 000 Klausuren nachkorrigieren" (FR 8.1.2000)
Der Neue Tag Vermischtes 11.01.2001 11:35
"Die Eltern wollen's nicht"
Achtklassiges Ganztagsgymnasium für Direktor Wolfgang Minssen nicht praktikabel
Tirschenreuth. (hd) Der Weg zum Abitur soll kürzer werden. Die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier setzt auf ein
Doppelmodell. Sowohl in acht als auch (wie bislang) in neun Jahren will man die Schüler hochschulreif machen. Auch in Tirschenreuth? "Nein", sagt Wolfgang Minssen, Leiter des Stiftland-Gymnasiums. Er hält die Hohlmeiersche Lösung
für nicht praktikabel.  mehr .... Vor allem für die vielen Fahrschüler ergäben sich sonst längere Arbeitstage als sie Berufstätige haben.
Schon zum Schuljahr 2002/2003 sollen die ersten zehn "G8-Gymnasien" erprobt werden, informierte kürzlich Monika Hohlmeier in einem Interview. Das Interesse sei riesig. Für den Landkreis Tirschenreuth trifft diese Aussage aber nicht zu. Wolfgang Minssen hat bei Schülern und  Eltern schon mal vorgefühlt. "In acht Jahren zum Abitur - das ist vielen Schülern zu stressig." Und auch zahlreiche Eltern haben abgewunken. Sie wollen die Freizeit ihrer Kinder nicht noch mehr beschneiden.
Wolfgang Minssen: "Die Eltern wollen's nicht." Also mache es keinen Sinn, ein achtstufiges Gymnasium gegen ihren Willen einzuführen." So habe auch am Otto-Hahn-Gymnasium Marktredwitz das entsprechende Angebot mangels Interesse keinen Erfolg gehabt.
Direktor Wolfgang Minssen verweist im Gespräch mit unserer Zeitung zudem auf die zusätzliche zeitliche Belastung, die ein achtstufiges Gymnasium mit sich bringt. Eine erhöhte Stundenzahl führe verstärkt zu Nachmittagsunterrichten. "Da kann es in einer zehnten Klasse durchaus sein, dass in einer Woche zwei Schulaufgaben zu schreiben sind. Wann soll der Schüler da denn lernen?" Klar ist für Wolfgang Minssen, dass das "G8" einen erhöhten Auslesedruck mit sich bringt. Die Gefahr sei, einige Kinder könnten sich als "Schüler zweiter Klasse" fühlen. Freilich könnten von der Begabung her etwa 20 Prozent der Schüler in acht Jahren zur Hochschulreife gebracht werden.
Wer's packt, kann ein Jahr überspringen0
Noch eines ist dem Leiter des Stiftland-Gymnasiums in der Debatte um das "bayerische Doppelmodell" wichtig: "In acht Jahren zum Abitur ist eigentlich gar kein Thema. Das gibt's doch schon." Begabte können ein Jahr überspringen. Minssen weiß: "Es gibt viel mehr Schüler, die das könnten, aber es nicht tun." So manchen Schüler müsste man geradezu dazu drängen. "Wir hatten vor nicht allzu langer Zeit ein Mädchen an der Schule, das hätte sich sogar zwei Jahre schenken können."
Minssen: Acht Jahre reichen
Ganz abgesehen davon glaubt Wolfgang Minssen, dass acht Jahre Gymnasium ausreichen. Seiner Ansicht nach läuft's "über kurz oder lang" auf ein achtstufiges Gymnasium hinaus - allerdings ohne große Stundenzahlerhöhung. "In fünf Jahren brauchen wir über dieses Thema sehr wahrscheinlich nicht mehr reden."
Andere Bundesländer sind Vorreiter, Bayern müsse wohl nachziehen. In den neuen Bundesländern nehme man überwiegend nach der zwölften Klasse - also nach acht Jahren Gymnasium - das Studium auf. Minssen: "Die scheitern nicht häufiger als andere Studenten."
Lausitzer Rundschau Lokales 11.1.2001 10:34
Noch keine Klarheit für schnelleres Abi
(dpa/mkr) . Brandenburgs große Koalition hat sich nach Angaben aus dem Bildungsministerium bisher noch nicht auf die künftige Zahl der so genannten Schnellläuferklassen an Gymnasien geeinigt. Die Entscheidung müsse jedoch spätestens bis Ende Januar fallen, da bereits im Februar die Anmeldung der Schüler beginne, sagte Ministeriumssprecher Thomas Hainz.
Die Schnellläuferklassen werden mit dem Anfang September beginnenden neuen Schuljahr eingerichtet. Damit wechseln besonders leistungsstarke Schüler bereits ab der fünften Klasse zum Gymnasium und können das Abitur schon nach zwölf anstatt der üblichen 13 Jahre ablegen. Die Rede war bisher von 46 derartigen Klassen.

Hannoversches Wochenblatt,20.12.2000
Für Hochbegabte gibt's das Abitur künftig nach zwölf Jahren
MITTELFELD.  Niedersachsens Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper  hat sich an die Spitze der Hochbegabtenförderung gesetzt. Als Alternative zum regulären neunjährigen Gymnasium wird ab dem nächsten Jahr für Hochbegabte erstmals eine Klasse eingerichtet, deren Schülerinnen und Schüler dort lediglich acht Schuljahre durchlaufen werden.    mehr ...

Bildungspolitik/SPD/Schulzeit     dpa-Dienst für Kulturpolitik  49/2000   04.12.2000
SPD: Für gute Schüler Abitur künftig nach zwölf Jahren
Potsdam (dpa) – Die SPD-geführten Bundesländer wollen begabten Schülern künftig bundesweit das Abitur bereits nach zwölf Schuljahren ermöglichen. Eine generelle Verkürzung der Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre für alle Schüler lehnen sie jedoch wegen des individuell unterschiedlichen Lerntempos ab. Darauf verständigten sich die SPD-Schulminister und die bildungspolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktionen am 24./25. November bei einem Treffen in Potsdam.
Durch die Verkürzung um ein Jahr dürfe auf keinen Fall die Qualität des Abiturs gesenkt werden, sagte der SPD-Bildungssprecher, der rheinland-pfälzische Bildungsminister Jürgen Zöllner. Auch dürfe die Zahl der Abiturienten nicht vermindert werden, weil durch das schnellere Lerntempo nicht alle folgen könnten. Die Bundesrepublik brauche angesichts des Fachkräftemangels und des Trends auf dem Arbeitsmarkt zu immer höherer Qualifikation nicht weniger sondern „deutlich mehr Abiturienten“ ... mehr

HAZ, Donnerstag, 23.11.2000
"Deutschland braucht mehr Gymnasiasten"
HANNOVER.(jö)  Die internationale Schul-Vergleichsstudie TIMMS sorgt wieder für Aufsehen: In ihrem Schlussbericht werben die Experten des Berliner Max-Planck-Instituts fü Bildungsforschung dafür, mehr Schülern den Zugang zum Gymnasium zu ermöglichen. Die Öffnung der Gymnasien in den vergangenen Jahrzehnten habe keineswegs zu einer Abwertung des Abiturs geführt. Es gebe keine Leistungsnivellierung. Je mehr Schüler eines Jahrgangs die gymnasiale Oberstufe erreichen, heißt es im gestern vorgelegten TIMMS-Bericht, desto mehr Spitzenleistungen seien zu erwarten.
Bei dem internationalen Schulvergleich sind die Mathematik- und Physikleistungen in den neunten und elften Klassen untersucht worden - mit zum Teil nur mäßigen Ergebnissen für die deutschen Schüler. Mit Altersgenossen in Asien konnten sie zum Beispiel nicht mithalten.
Dem deutschen Abitur stellen die Bildungsforscher nun grundsätzlich ein gutes Zeugnis aus. Es sei auch keineswegs problematisch, dass inzwischen gut 27 Prozent aller Schüler eines Jahrgangs in Deutschland das Gymnasium besuchen. Im Gegenteil: Länder mit noch höheren Abiturientenzahlen wie Schweden ode Norwegen schnitten beim TIMMS-Leistungsvergleich in Mathematik und Physik sogar deutlich besser ab als Deutschland. In Schweden besuchen 70,6 Prozent der Schüler die gymnasiale Oberstufe, in Norwegen sind es sogar mehr als 80 Prozent. Die Gymnasiasten beider Länder belegten im Vergleich Spitzenplätze und ließen die deutschen Schüler deutlich hinter sich.
Kritik üben die Bildungsforscher an der Gestaltung des Unterrichts in Deutschland. Die Mathematikstunden in der gymnasialen Oberstufe seien "bemerkenswert variationsarm". Das "Vormachen, Nachmachen und Einüben" erreiche viele Schüler nicht. Je anspruchsvoller eine Aufgabe sei, umso weiter fielen die deutschen Abiturienten hinter Schüler anderer europäischer Länder zurück. Oft würden die Schüler mit zu viel Wissen vollgestopft, ohne die praktische Bedeutung zu verstehen.

HAZ, Donnerstag, 23.11.2000
Schnell-Abi im Saarland
Das Saarland führt als erstes westliches Bundesland flächendeckend das achtjährige Gymnasium ein. Damit können die Schüler schon nach zwölf statt bisher 13 Schuljahren ihr Abitur ablegen. Ein entsprechendes Gesetz ha der Saar-Landtag am Mittwoch mit der CDU-Stimmenmehrheit verabschiedet. Kultusminister Jürgen Schreier (CDU) sagte, die kürzeste Schulzeit werde den Abiturienten bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt bieten. dpa

dpa - Dienst für Kulturpolitik   47 / 2000          22.11.2000
Schulentwicklung/Bayern
Bayern setzt auf dem Weg zum Abitur künftig auf Doppellösung
Hof/Saale (dpa) – Im Länderstreit um einen kürzeren Weg zum Abitur setzt der Freistaat Bayern auf eine Doppellösung. Neben der bewährten neunjährigen Schulform soll künftig landesweit ein achtjähriges Ganztagsgymnasium angeboten werden. „Eltern und Schüler wählen den Schultyp, der ihren Interessen am besten dienen kann“, sagte Kulturministerin Monika Hohlmeier (CSU) am 16. November auf der Jahresversammlung des Bayerischen Philologenverbandes in Hof/Saale. Verbandschef Rainer Rupp äußerte sich skeptisch, aber nicht ablehnend über das neue bayerische Doppelmodell. Wichtig sei, dass das Unterrichtsvolumen und die Qualität des Abiturs erhalten blieben.
Mit ihrem Doppelmodell zieht die Ministerin die Konsequenz aus dem laufenden Modellversuch „Achtjähriges Gymnasium in Bayern“. Dort hatten Hochbegabte die Möglichkeit, den Stoff der Klassen sechs bis elf in fünf statt in sechs Jahren zu bewältigen. Wegen der notwendigen Stoffverdichtung und der höheren Leistungsanforderungen sei dieser Modellversuch bei Eltern, Lehrern und Schülern jedoch nur auf geringe Akzeptanz gestoßen.
Das achtjährige Ganztagsgymnasium ist laut Hohlmeier ein Angebot an alle Schüler. Durch die Verteilung des Unterrichtsstoffs auf individuell zugeschnittene Lern- und Trainingseinheiten in der Zeit zwischen 8.00 und 17.00 Uhr soll ein zusätzlicher Leistungsdruck vermieden werden. „Ein achtjähriges Gymnasium darf keine Elite-Schule werden, sondern muss für alle Schüler eine sinnvolle Alternative sein“, betonte die Ministerin. „Die Verkürzung darf die Schulzeit nicht zu einer Leidenszeit für die Schüler machen, sondern muss neue Chancen eröffnen.“
Im Gegensatz zu anderen Bundesländern werde es in Bayern keine „zeitgeistige Mogelpackung“ geben, meinte Hohlmeier. „Es gibt keine Verkürzung oder Verdichtung des Unterrichtsstoffs auf Kosten der Schüler und Lehrer.“ Das achtjährigen Ganztagsgymnasium soll spätestens vom Schuljahr 2002/2003 an an einigen Pilotschulen wählbar sein. Besonderes Gewicht legt die Ministerin auf einen kooperativ ausgerichteten Unterrichtsstil, der auf die Ausbildung von Schlüsselkompetenzen abzielt. Um den durch die Umverteilung der Stunden notwendigen Mehrbedarf an Lehrern zu decken, müssten in der Anlaufphase zusätzliche Planstellen geschaffen werden. Mehrarbeit komme auf die Lehrer aber nicht zu. Die neunjährige Form des Gymnasiums bleibe flächendeckend erhalten und erhalte die gleiche Unterstützung wie bisher, sagte Hohlmeier.

Rupp: Junger Mensch muss ausbüxen dürfen
Der Philologenverband sprach angesichts weiter steigender Schülerzahlen und des zu erwartenden Lehrermangels von einem schwierigen Akt. „Mir gefällt an dem Doppelmodell die Ehrlichkeit, dass man nicht einfach ein Neuntel des Unterrichtsstoffs wegstreicht“, sagte Rupp. Aus der Sicht der Gymnasiallehrer sei aber das neunjährige Gymnasium grundsätzlich der bessere Weg. Insbesondere im Alter zwischen 17 und 19 Jahren erlebten Jugendliche den stärksten Reifungsprozess. Die Schule dürfe sich nicht nur von kurzsichtigen Verwertungszwängen leiten lassen. Die Schüler bräuchten auch die notwendige Zeit für eine umfassende Bildungsarbeit. Rupp betonte: „Ein junger Mensch muss auch einmal ausbüxen dürfen.“
Schulentwicklung/Rheinland-Pfalz

(HAZ, Mi, 18.10.2000)
Schüler nehmen Abkürzung zum Abitur
Eine um ein Jahr verringerte Schulzeit will das Kaiser-Wilhelm-und Ratsgymnasium demnächst anbieten. Drei weitere Schulen diskutieren noch.
Das Kaiser-Wilhelm-und Ratsgymnasium (KWRG) bietet im nächsten Schuljahr als erste öffentliche Schule Hannovers die Möglichkeit, das Abitur in zwölf Jahren zu schaffen. Die Genehmigung dafür hat das Gymnasium im Hindenburg-Viertel bereits aus dem Kultusministerium bekommen. Über eine verkürzte Schulzeit für Begabte diskutieren auch die Humboldtschule in Linden, die Elsa-Brändström-Schule in der Südstadt sowie die Goetheschule in der Nordstadt. In der privaten St.-Ursula-Schule ist es bereits so weit.
"Die Entscheidung, ein Jahr früher zum Abitur zu kommen, wird jeweils am Ende der neunten Klasse fallen", sagt Uwe Rademacher, Direktor des KWRG. Wenn unter den rund 450 Jungen und Mädchen seines Gymnasiums genügend leistungsstarke Schüler interessiert seien, werde er im Sommer 2001 eine zusätzliche zehnte Klasse einrichten. Die kann laut Erlass gebildet werden, wenn dafür die Hälfte eine durchschnittlich großen Klasse zusammenkommt, was im KWRG 13 bis 14 Schülern entspricht. Diese müssen im Zeugnis mindestens einen Notendurchscnitt von "Zwei" haben und bereit sein, zu den üblichen 30 Wochenstunden Unterricht drei bis vier Stunden mehr zu büffeln. Lohn für den Einsatz: die Mädchen und Jungen können nach dem ersten Halbjahr der zehnten Klasse gleich in das zweite Halbjahr der elften Klasse überwechseln. Rademacher ist überzeugt, das im KWRG die für diese Klasse besonders leistungsstarken Schüler mühelos zusammenkommen - sogar mehr als benötigt. "Wir haben tüchtige junge Damen und Herren dabei", lobt er. Auch Eltern hätten sich schon nach den Möglichkeiten in der so genannten D-Zug-Klasse für ihren Nachwuchs erkundigt. Die wird übrigens nur genehmigt, wenn das Gymnasium übe eine solide Lehrerversorgung verfügt, um den zusätzlichen "Förder-" Unterricht auch erteilen zu können, der Defizite in Fremdsprachen oder in Naturwissenschaften ausgleichen soll.
Andere Gymnasien wie beispielsweise die Herschelschule haben sich von dem Vorhaben, D-Zug-Klassen einzurichten, wieder verabschiedet. Die geplante Schulreform des Ministerpräsidenten sehe ja sowieso den Erwerb der Hochschulreife innerhalb von zwölf Jahren vor, da seien D-Zug-Klassen bald überholt.
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dpa - Dienst für Kulturpolitik   47 / 2000 /22.11.2000
MARKUS-Studie: Leistung nicht von Klassengröße abhängig
Mainz (dpa) – Leistungen von Schülern hängen weniger von Klassengröße oder Unterrichtsausfall ab als häufig angenommen. Vielmehr sind das Lernklima in der Klasse und das familiäre Umfeld entscheidend für den Erfolg in der Schule. Das geht aus der ersten Auswertung der großen rheinland-pfälzischen Bildungsstudie MARKUS hervor, die Bildungsminister Jürgen Zöllner (SPD) am 13. November in Mainz vorstellte. „Ich habe wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung des Schulwesens bekommen“, sagte der Minister.
An der „Mathematik-Gesamterhebung Rheinland-Pfalz: Kompetenzen, Unterrichtsmerkmale, Schulkontext“, der bundesweit größten Studie dieser Art, hatten etwa 38 000 Achtklässler, 1 500 Lehrer und 500 Schulleiter teilgenommen. Die Studie wurde von den Professoren Reinhold Jäger und Andreas Helmke von der Universität Koblenz-Landau im Auftrag des Bildungsministeriums entwickelt und ausgewertet. Ein Mathematik-Test wurde mit Fragebögen zu Lernbedingungen und zum Schulumfeld ergänzt. Der Abschlussbericht soll Mitte 2001 vorliegen.
Für Minister Zöllner ist MARKUS wichtiger Bestandteil des Qualitätsmanagements, „um den einzelnen Schulen Hilfestellung für ihre Arbeit vor Ort“ zu geben. Als besonders bemerkenswert hob er die festgestellten Überschneidungen bei Spitzenleistungen zwischen den verschiedenen Bildungsgängen hervor. In den A-Kursen der Hauptschulen gebe es viele leistungsfähige Schüler, die die mittlere Reife erwerben könnten. Ebenso würden Schüler in den Regionalen Schulen und Integrierten Gesamtschulen vergleichbare Leistungen wie die gleicher Jahrgänge des gegliederten Schulsystem erreichen.
„Das ist eine Bestätigung für das dreigliedrige Schulsystem und seine Ergänzung durch integrative Schulformen“, betonte Zöllner. Die Studie beende damit „den alten Streit um die angeblich bessere Schulart“. In Zukunft müsse es darum gehen, die Durchlässigkeit des Schulsystems zu erhalten und weiter auszubauen. Zudem müsse nach den Befunden der Studie die Förderung von Schülern aus einem schwierigen sozialen Umfeld und mit einer fremden Muttersprache verstärkt werden.
Nach Angaben von Helmke zeichnen sich besonders leistungsfähige Klassen durch einen hohen Anteil von Schülern mit deutscher Muttersprache und einer geringen Sprachenvielfalt aus. „Nicht der Ausländeranteil ist entscheidend, sondern wie vertraut die Schüler mit der deutschen Sprache sind“, erklärte der Psychologe. Zudem sei die Bildungsnähe der Eltern von großer Bedeutung. In der Schule seien eine effiziente Klassenführung, eine gute Arbeitsatmosphäre und die Motivation der Schüler für einen erfolgreichen Unterricht entscheidend. Dagegen spiele die Größe der Klasse und der Unterrichtsausfall kaum eine Rolle.

CDU: Ergebnisse lächerlich
Die CDU-Opposition bezeichnete die ersten Schlüsse aus der MARKUS-Studie als lächerlich. „Dass erfolgreicher Unterricht davon abhängt, dass Schüler gefordert werden und klare Regeln vorhanden sein müssen, ist sicher nur für Herrn Zöllner eine neue Erkenntnis“, sagte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Erhard Lelle. Die ersten Ergebnisse seien „eine Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen“. Die 800 000 Mark für den Test seien „zum Fenster herausgeworfen“ worden. Für die Grünen im Landtag belegt der Zwischenbericht die Notwendigkeit, das Angebot an integrierten Schulformen auszuweiten. „Wenn in einem Hauptschul-Grundkurs noch Schüler unterrichtet werden, die Mathe-Spitzenleistungen auf Gymnasial-Niveau erbringen, müssen durchlässige, integrierte Schulformen flächendeckend ausgebaut werden“, forderte die Fraktionsvorsitzende, Ise Thomas.

Gymnasium ist am beliebtesten
Das Gymnasium ist nach wie vor die beliebteste Schulform in Hannover. Das geht aus einer Statistik des Schulamtes hervor. Im vergangenen Schuljahr meldeten 45,9 Prozent der Eltern von Kindern, die die Orientierungsstufe (OS) absolviert hatten, ihren Nachwuchs im Gymnasium an. Das ist die stärkste Nachfrage seit 20 Jahren. Eine Empfehlung für diese Schulform von der jeweiligen OS hatten jedoch nur 34,8 Prozent der Kinder bekomen.
Wenig gefragt waren die Hauptschulen. Während 30 Prozent der OS-Schüler dieser Schultyp empfohlen wurde, wechselten nur 18.2 Prozent in eine Hauptschule über. Lediglich im Realschulbereich wichen Empfehlung und tatsächliches Verhalten nur gering voneinander ab. Einem Drittel ihrer Schüler und Schülerinnen trauten die Kollegien die weitere Laufbahn in einer Realschule zu, de facto wurden 32,4 Prozent dort angemeldet, von ihnen hatte ein Drittel aber nur eine Hauptschulempfehlung.  (HAZ, 29.1.2000)                          he

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