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Berlin. Es gibt ein Gesellschaftsspiel, dessen Reiz darin liegt, dass
die Teilnehmer ein bestimmtes Wort nicht benutzen dürfen. Welches
Wort es jeweils ist, steht auf einem Kärtchen. Einer redet drum herum,
die anderen müssen raten. Gelegentlich geht es bei diesem Spiel ziemlich
verbissen zu. Es heißt Tabu.
Neuerdings spielen etliche Politiker dieses Spiel, vorwiegend solche aus
der SPD. Das Wort, das sie nicht in den Mund nehmen sollen, heißt
soziale Unterschicht. Genau genommen hat ausgerechnet der
SPD-Chef die erste Runde schon verloren, weil ihm das Wort herausgerutscht
ist. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist Kurt
Beck auf das Thema Langzeitarbeitslosigkeit zu sprechen gekommen: Deutschland
hat hier ein zunehmendes Problem. Manche nennen es ,Unterschichten-Problem.
Es gibt viel zu viele Menschen in Deutschland, die keinerlei Hoffnung
mehr haben, den Aufstieg zu schaffen. Es besteht die Gefahr, dass dieses
Streben in Teilen der Gesellschaft verloren geht. Das ist besorgniserregend.
Beck hat, als er zu Beginn des Monats mit dieser Erkenntnis nicht nur
viele Parteifreunde und Gewerkschafter überraschte, keineswegs aus
dem Bauch heraus geklagt. Er kannte schon eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung,
nach der acht Prozent der Menschen in Deutschland in unsicheren Arbeitsverhältnissen
leben, folglich in einer prekären Lebenslage stecken und häufig
mit sozialer Lethargie darauf reagieren. In Ostdeutschland gehöre
sogar jeder Fünfte zu dieser Unterschicht.
Der Umstand an sich ist nicht neu. Regelmäßig sind in den Zeitungen
Geschichten über Leute zu lesen, die sich notgedrungen oder selbstgenügsam
in einem Leben eingerichtet haben, das ihnen vom Staat finanziert wird.
Eine wahre Flut von Berichten über das Leben mit Transferleistungen
brachte die Debatte um die Hartz IV genannten Gesetzesänderungen
mit sich.
In diesen Wochen reifen in der Großen Koalition die Gedanken heran,
wie man Schwächen von Hartz IV ausmerzen könnte,
es ist also nicht verwunderlich, dass das vermeintliche Tabuthema wiederkehrt.
Es ist auch nicht auszuschließen, dass alte Rechnungen beglichen
werden unter Sozialdemokraten im Allgemeinen und mit dem früheren
Kanzler Gerhard Schröder im Besonderen.
Nur das Wort, nein, das wollen die Genossen nicht haben. Becks Amtsvorgänger,
Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, wandte am Montag
ein, mit dem Wort Unterschicht würden Menschen stigmatisiert.
Bundesarbeitsminister Franz Müntefering bestreitet gleich alles:
Es gibt keine Schichten in Deutschland, wandte er sich gegen
den Begriff lebensfremder Soziologen. Es gibt Menschen,
die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das
hat es schon immer gegeben. Aber ich wehre mich gegen die Einteilung der
Gesellschaft. Und sein Sprecher Stefan Giffeler betonte: Der
Klassifizierung von Menschen schließen wir uns dezidiert nicht an.
Für andere in der SPD stellt sich die Klassenfrage schon. Endlich
haben die Linken eine Gelegenheit gefunden, mit der Ära Schröder
abzurechnen. Hartz IV sei eine Lebenslüge,
sagte SPD-Fraktionsvize Stefan Hilsberg. Wir haben den Menschen
vorgegaukelt, dass mit Fordern und Fördern jeder den ersten Arbeitsmarkt
erreichen kann, sagt er und nennt einen Schuldigen: Gerhard
Schröder hat zu kurz gedacht.
Der Altlinke Ottmar Schreiner, Mitglied des Parteivorstandes, knüpft
den Zusammenhang zwischen sozialem Abstieg und Schröder noch enger:
Armut und soziale Ausgrenzung sind nicht über uns gekommen,
sie sind das Ergebnis der Politik von Gerhard Schröder. Dessen
Arbeitsmarktpolitik habe bewirkt, dass Millionen Menschen keine Chance
hätten, aus dem Niedriglohnsektor mit seinen Hungerlöhnen
herauszufinden. Besonnener klingt SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus
Brandner: Wenn es um Probleme der sogenannten Unterschicht geht,
müssen wir uns ehrlich machen. Es gebe viele Menschen
in Deutschland ohne Chance auf sozialen Aufstieg. Wir dürfen uns
nicht mit Sozialhilfekarrieren abfinden.
Die Union hat sich den Hauskrach beim Koalitionspartner ein Weilchen genüsslich
angehört, mahnte dann aber doch zu Mäßigung. Unionsfraktionschef
Volker Kauder stimmte immerhin zu, man solle lieber nicht Unterschicht
sagen. Das verletze die Leute. Dass das Entstehen neuer Bedürftigkeit
mit den Arbeitsmarktreformen zu tun habe, bestritt der CDU-Sozialpolitiker
Ralf Brauksiepe: Hartz IV ist nicht schuld an den Problemen.
Angela Merkel wartete mit der Erkenntnis auf, das Thema Spaltung
der Gesellschaft hänge ganz eng mit Familien zusammen.
Man müsse überlegen, wie die Erziehungsfähigkeit der Eltern
durch den Staat gestärkt werden könnte. Wir finden uns
nicht ab damit, versprach die Kanzlerin, dass diese Spaltungen
so existieren.
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