DOPPELTE ABITUR-JAHRGÄNGE
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Goslarsche Zeitung,  29.09.2005  
Im Hörsaal wird es richtig eng
Die Grünen im Landtag fordern ein Konzept zur Bewältigung des Doppel-Abiturjahrgangs 2011
Von Michael Ahlers
HANNOVER. Niedersachsens Grüne schlagen Alarm. An den Hochschulen des Landes drohe 2011 durch zwei Abiturjahrgänge das Chaos, warnt die kleine Oppositionsfraktion im Landtag. Das Wissenschaftsministerium rät zur Gelassenheit – und setzt auf die Flexibilität der Hochschulen.
"Durch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur werden 2011 die Schulabsolventenzahlen regelrecht explodieren", warnt die Grünen-Abgeordnete Gabriele Heinen-Kljajic. Dann nämlich seien zwei Schüler-Jahrgänge gleichzeitig fertig.
Folge für die Hochschulen: Statt 43900 hochschulberechtigten Abgängern im Jahr 2010 könnten ein Jahr später theoretisch 68 400 an die Hochschulen drängen, so die Braunschweiger Abgeordnete. "Alle wollen eine Ausbildung, natürlich auch an den Hochschulen", sagt Heinen-Kljajic.
Doch wie das funktionieren solle, ohne dass Tausende auf der Strecke blieben, stehe in den Sternen. Während beispielsweise Baden-Württemberg noch in diesem Jahr Pläne vorstellen wolle, wie für zwei Abi-Jahrgänge genügend Studienplätze gesichert werden sollen, betone das Ministerium, dass "Schwankungen" bisher stets bewältigt worden seien.
Das Ministerium verweist in einer schriftlichen Antwort auf die Grünen-Anfrage nicht nur auf den so genannten Bologna-Prozess. Die Reform von Studiengängen und -abschlüssen soll auch kürzere Studienzeiten und damit laut Ministerium eine Entlastung der Hochschulen zur Folge haben. Steigende Studienanfängerzahlen und Nachfrageschwankungen könnten wie bisher durch die Kapazitätsverordnung aufgefangen werden.
"Wenn die Maßnahmen nicht ausreichen, sind die Hochschulen in der Lage, im Rahmen ihrer Globalhaushalte zugunsten stärker nachgefragter Bereiche Ressourcen intern umzuschichten", so das Ministerium weiter. Grundsätzlich könnten weiterhin "zentral vorgehaltene Mittel" zur Bewältigung vorübergehender Überlasten bereitgestellt werden.
"Die Kapazitätsverordnung heißt nichts anderes, als noch mehr Studierende in ohnehin überfüllte Vorlesungen und Seminare zu stopfen", kontert Heinen-Kljajic. Und Geld für Umschichtungen werde es 2011 gar nicht mehr geben. Als "Überlastmittel" seien beispielsweise 2006 ganze 431 000 Euro veranschlagt. Die Gelassenheit der Landesregierung sei also völlig fehl am Platz.


Doppelte Abitur-Jahrgänge
Frau Ursula Duppel-Breth, ehemalige Gymnasialelternvertreterin aus BaWü, hat bereits mehrfach und seit langer Zeit auf die Problematik der "doppelten Abiturjahrgänge" hingewiesen. Wie Sie den Ausführungen weiter unten entnehmen können, werden 2011, wenn neben Bayern und Hamburg in Niedersachsen das doppelte Abitur ansteht, bundesweit 60.000 Abiturienten zusätzlich auf den Markt kommen! Gymnasialelternvertreter erwarten, dass zu dieser Problematik Lösungen angeboten werden.

 

Probleme, die durch die doppelten Abiturjahrgänge in den Ländern vor allem zwischen 2011 und 2013 entstehen

 

Durch die Umstellung der gymnasialen Schulzeit von 9 auf 8 Jahre werden in den Jahren 2011 – 2013 in insgesamt 8 Ländern (Bayern, Hamburg, Niedersachsen, Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen und ½ Hessen) jeweils doppelte Jahrgänge das Abitur machen. Darunter sind die bevölkerungsreichsten Flächenländer mit großen Abiturjahrgängen.

Derzeit hat die Politik noch keine erkennbaren Maßnahmen getroffen, wie diese doppelte Anzahl junger Menschen in Studium oder Beruf untergebracht werden soll.

 

Eltern haben bereits vor der Umstellung auf die möglichen Probleme hingewiesen, wurden aber leider nicht gehört.  So versuchten z.B. die Baden-Württemberger zu erreichen, dass wie in Hessen die Umstellung in einem Umstellungskorridor von einigen Jahren vollzogen wird. Auch in anderen Ländern gab es Versuche, dieses erkennbare Problem für die Jugendlichen abzufedern. Dem wollte die Politik nicht stattgeben.

 

Die Probleme sind im Einzelnen:

 

·                     11 Bundesländer stellen zwischen 2007 und 2014 um, die meisten zwischen 2011 und 2013 .

·                     Zusätzliche Studierende aufzunehmen würde die Kapazität der Hochschulen übersteigen, die bereits jetzt in der Zeit der ohnehin ansteigenden Studierendenzahlen Überlastvereinbarungen getroffen haben.

·                     Im Osten werden aufgrund sinkender Schülerzahlen derzeit Studienplätze abgebaut, also sind dann dort keine freien Kapazitäten vorhanden, wie behauptet wird.

·                     Weder die Studentenwohnheime noch der private Wohnungsmarkt sind auf eine doppelte Anzahl von Wohnungssuchenden eingerichtet.

·                     Verdrängungswettbewerb. Wenn die Abiturienten keinen Studienplatz erhalten, werden sie auf den Ausbildungsmarkt drängen. Das wird für alle Schulabgänger Auswirkungen haben, fatale insbesondere für solche mit Hauptschulabschluss.

·                     Bundeswehr bzw. Ersatzdienstplätze sind nicht in erforderlicher Anzahl vorhanden

·                     Wenn die Schüler/innen Warteschleifen drehen, bekommen die Eltern kein Kindergeld, müssen sie selbst versichern und unterhalten. Das ist eine vom Staat verursachte unnötige Belastung, für die der Verursacher aufzukommen hat.

·                     Wenn Schüler/innen Warteschleifen drehen, wird die eingesparte Zeit bei G 8 für viele unnütz vertan.

·                     Einige Jahre später ergibt sich das Problem der mangelnden Arbeitsplätze für eine doppelte Anzahl von jungen Menschen. Arbeitsplätze auf Vorrat oder aufgrund einer sozialen Gesinnung schafft kein Betrieb

 

Die Eltern der heute jungen Schüler, die in diesen Jahrgängen sind, erwarten umgehend eine Antwort, wie diese Probleme gelöst werden. Eigentlich hätten sie erwartet, dass bereits vor der unabgestimmten Umstellung in den Ländern auf KMK-Ebene Abstimmungen getroffen werden. Die Eltern akzeptieren nicht, dass Schüler/innen auf Studienzweige umgelenkt werden, die nicht ihrer Begabung und Neigung entsprechen oder dass Eltern gezwungen werden, ihre Kinder zum Studium ins Ausland zu schicken und dafür aufzukommen.

 

Aus Sicht der Eltern gibt es verschiedene Lösungsansätze (hier einige Beispiele)

 

·                     ein (weiteres) Überlastprogramm für die Hochschulen wäre denkbar: die Reduktion in den Jahren 2007 bis 2012, anschließend Mehrarbeit. Widersinnig wäre es natürlich, wenn damit wieder das derzeitige unzureichende Betreuungsverhältnis für die Studierenden entstände.

·                     Ermöglichung des Studienbeginns im Sommer- und Wintersemester wie bisher schon bei einigen Fakultäten.

·                     gestaffelte Abiturtermine könnten dazu beitragen, dass ein Übergang schon ins Sommersemester möglich würde.

·                     Regelung auf KMK-Ebene, dass mit dem Abbau von Studienplätzen im Osten gewartet werden soll

·                     Zusatzausbildung für gute Gymnasiallehrer, um die Erstsemester zu unterrichten

·                     Zeitverträge für geeignete wissenschaftliche Mitarbeiter

·                     Für einige Jahre starke Reduzierung der ausländischen Studierenden

·                     Weiterzahlung von Kindergeld bzw. Einführung von Arbeitslosengeld für diese Ausnahmesituation

 

4.7.2005 - Ursula Duppel-Breth

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