E&W   Erziehung und Wissenschaft    November 2000
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Ein innerer Widerspruch in Gabriels Vorschlag
Mit Turbo-Gymnasium zu mehr Abiturabschlüssen?
Von Eberhard Brandt

Im Chat des Ministerpräsdidenten konnte man es lesen. Sigmar Gabriel erklärte, seine Freunde aus der Wirtschaft hätten ihm gesagt, das Land Niedersachsen müsse die Abiturquote erhöhen. Der Konkurrenzfähigkeit des Landes wegen und weil die Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft von mehr höherwertigen Abschlüssen abhingen. Auf 40% müsse die Quote steigen. Führwahr ein beachtliches Ziel. Wir wollen es ausdrücklich befürworten. Wir sagen es auch schon länger. Erfreulich, dass dies Ziel nun auch zum Regierungsprogramm gehört. Gehen wir der Frage nach, wo wir Niedersachsen bisher stehen und ob "Unser Vorschlag - Zukünftige Schulstruktur in Niedersachsen" zum Ziele führen kann.
Mit 25,9 % ist die Abiturientenquote in Niedersachsen unter dem Bundesdurchschnitt. 1985 lag sie noch bei 20,6 %. 15 Jahre zuvor bei der Hälfte. Die Bildungsexpansion erfolgte in Niedersachsen über den Aufbau der Orientierungsstufe und durch den Aufbau von gymnasialen Schulangeboten auf dem Lande, oft in Schulzentren. Der gymnasiale SchülerInnen-Anteil war in den städtischen Regionen stets deutlich höher als der auf dem Land. Obwohl der Anteil der Abiturabschlüsse auf dem Land angestiegen ist, hat sich das Stadt-Land-Gefälle nicht verbesert. Dafür ein grober Beleg: Im Regierungsbezirk Hannover besuchen mehr SchülerInnen die Sekundarstufe I des Gymnasiums (23.500) als die Hauptschule (16.000), im Regierungsbezirk Weser-Ems dagegen 30.500 die Hauptschule und 29.300 die Sekundarschule I des Gymnasiums.
Es ist ein beschwerlicher Weg gewesen, den Anteil der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen, die den gymnasialen Bildungsgang absolvieren. In den letzten fünf Jahren stagniert die Quote. Ein wesentliches Element neuer Anstrengungen zu einer höheren Abiturientenquote müsste darin liegen, das Stadt-Land-Gefälle zu verringern, die Zungänge zum gymnasialen Bildungsgang auf dem Lande zu verbessern. Dies wird nicht einfach durch mehr Gymnasien zu erreichen sein, sondern eher in integrierten Systemen, die auch den gymnasialen Bildungsgang einschließen. Falls die SchülerInnenzahlen ab 2004 zurückgehen, wird dieser Vorlschlag der GEW Niedersachsen der einzig realistische.
Außerdem müsste die Erfolgsquote des Gymnasiums verbessert werden. Nur 69,1 % der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten halten von Klasse 7 bis zum Abitur durch. Die übrigen wechseln in der Sekundarstufe 1 auf Real- und Hauptschulen oder gehen nach der 10.Klasse ab. Nun schlägt die Landesregierung vor, die Orientierungsstufe abzuschaffen und das Gymnasium durch die Verlagerung der Wochenstunden des 11.Jahrgangs auf dei Jahrgänge 5 bis 10 zu straffen.
Wie wirkt sich die Einführung des Turbo-Gymnasiums auf die Abiturientenquote ?  Nach allem, was wir aus Baden-Württemberg wissen, bewältigt nur ein kleiner Teil der Gymnasiasten die erhöhten Belastungen, die aus dem erhöhten Lerntempo und der erhöhten Wochenstundenzahl resultieren. Warum sollte dies in Niedersachsen anders sein, es ist zu erwarten, dass dei "Erfolgsquote" am Gymnasium sinkt, dass die Zahl der Abbrecher und Rückläufer zunimmt. Die Vorstellungen der GEW für die Reform an Gymnasien setzen nicht auf Strukturveränderungen, sondern auf eine Entwicklung der pädagogischen Arbeitsweisen, die auf mehr Selbstständigkeitund Individualisierung der Lernwege setzt.
Da die Durchlässigkeit vom Realschulbildungsgang zur gymnasialen Oberstufe praktisch verstopft wird, wird die Zahl der Abiturientinnen und Abiturienten, die bislang von der Realschule in die Sek II kamen, geringer. Allenfalls über die gymnasialen Angebote an beruflichen Schulen hätten sie eine Chance. Diese sind aber insbesondere auf dem Lande selten vertreten. Wenn die positive Wirkung der Orientierungsstufe entfällt, die den Kindern eine Chance bot, deren Leistungsprofil in der Grundschule noch nicht eindeutig war (sogenannte Spätentwickler) oder deren Selbstvertrauen noch nicht genug entwickelt war, wird der Anteil der gymnasialen Zuweisungen tendenziell eher geringer. Aus eben diesem Grund war ja die Orientierungsstufe eingeführt worden.
Es ist nicht zu erkennen, wie der "Vorschlag" der Landesregierung zu einer höheren Abiturquote führen kann. Alles spricht für das Gegenteil. Stellt sich die Frage, ob der Ministerpräsident sein im Chat geäußertes Ziel ernst meint und nicht das Ziel verfolgt, eine stärker eliteorientierte Gymnasialbildung zu forcieren. Er wird sich entscheiden müssen, was er denn wirklich will und ob er bestimmten Ratgebern weiter folgen will.
Eberhard Brandt

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