GLOCKSEESCHULE

Glockseeschule, Besuchertage nach Absprache, Am Lindenhofe 14, 30519 Hannover, www.glockseeschule.de, glockseeschule@hannover-stadt.de, Tel. 16 84 91 97, Schulleiter: Herr Hermann

Schülerzahl: 215 (von Kl.1 bis 10), Vollzeitlehrerstellen: 16 (20 Lehrer), Altersdurchschnitt der Lehrer: keine Angaben, Klassengröße 5. Jg.: 22

Schwerpunkte: Projektunterricht, jahrgangsübergreifendes Lernen. Besonderheiten: Reformschule. In der Regel keine freien Plätze, weil Schüler von der 1. - 10. Klasse in der Schule bleiben. Einzügige Ganztagsschule von Kl. 1 bis 10, schülerzentrierter Unterricht, Freiraum für selbstbestimmtes Arbeiten, Umweltschule, Elternmitarbeit. Prominente Abgänger: keine Angaben.

Infotage und Anmeldung 

 

 
Glocksee-Schule in der Wikipedia Homepage der Glocksee-Schule
04.11.2006 Millionen für den Neubau
12.02.2004

Pisa-Sieger in der "Glocksee"...

24.08.2002 30 Jahre Glockseeschule - 30 Jahre Unterricht ohne Angst und Noten ..
24.08.2002 Oskar Negt: "Glocksee ist die richtige Schule" Soziologie-Professor Oskar Negt, seit kurzem im Ruhestand, war einer der Gründungsväter der Glocksee-Schule ... (
11.06.2002 Die Schule wird zur Jobbörse Eine 13-Jährige im Stempelladen und zwei Mitschüler auf der Jagd nach Mottennestern
07.11.2001 Vom Experiment zur Regelschule Älter, vielleicht angepasster, sicher realistischer: Nicht nur die Lehrer an der Glockseeschule haben sich verändert
 
Stadt-Anzeiger Süd, 09.11.2006 Mensa hilft durch den Tag

Glockseeschule mit Stadt-Hilfe saniert und erweitert - Die Stadt finanziert der Glockseeschule einen Neubau für 3,1 Millionen Euro.

VON ANNIKA SZANKOWSKI
„Eins, zwei, drei, an der Glocksee-Schule ist was neu – vier, fünf, sechs, den Anbau gibt es jetzt.“ Mit selbstgedichteten Liedern haben 220 Schüler, Lehrer, Eltern und Gäste die Fertigstellung des Anbaus und die abgeschlossene Sanierung der Glockseeschule gefeiert. In zwei Bauabschnitten war die alternative Schule seit 2002 für insgesamt 3,1 Millionen Euro rundum erneuert und erweitert worden. „Ich bin sehr stolz und beeindruckt über die Summe, die hier investiert wurde“, sagt der Schulgründer und bekannte Soziologieprofessor Oskar Negt. In Zeiten knapper Kassen zeige eine solche Investition, dass das besondere pädagogische Konzept – von der ersten bis zur zehnten Klasse in der selben Schule – zukunftsfähig sei.
Saniert wurden die Wasser- und Elektroleitungen des denkmalgeschützten Gebäudes, die Fenster und der von Hausschwamm befallene Dachboden. Jetzt wurden der Dachboden wärmegedämmt und die Heizungsanlage von Erdöl auf energiesparenderes Gas umgerüstet. Auch der Schulhof wurde neu gestaltet, zusätzlich erhielt die Turnhalle behindertengerechte Toiletten sowie neue Umkleide- und Duschräume. Während der einjährigen Bauphase waren Lehrer und Schüler im ehemaligen Hannover-Kolleg in der Spittastraße in Mittelfeld untergebracht worden (der Stadt-Anzeiger berichtete).
Die Erweiterung des 1887 erbauten Gebäudes war notwendig geworden, da die Glockseeschule seit Jahren unter Raummangel litt. Vor allem die fehlende Mensa erschwerte den Ganztagsbetrieb. Das ist jetzt anders: In dem 620 Quadratmeter großen Anbau ist eine geräumige Mensa entstanden. In den oberen Geschossen befinden sich Verwaltungsräume sowie helle Kunst- und Textilräume.
Der rund 1,6 Millionen Euro teure zweite Bauabschnitt wird je zur Hälfte von der Stadt und aus dem „Investitionsprogramm Zukunft, Bildung und Betreuung (IZBB)“ des Bundes bezahlt. Die Sanierung während des Schulbetriebs sei eine große Herausforderung gewesen, betonte der Dezernent für Wirtschaft und Umwelt, Hans Mönninghoff. Nicht zuletzt deshalb bezeichnete Schulleiter Dieter Hermann den Umbau auch als „kleines Wunder“.

Schulleiter Dieter Hermann mit Schulgründer Oskar Negt und dem Künstler Guido Kratz (hinten v.l.) vor dem „Netzwerkbild“ aus Keramikkacheln.
 
NP, 04.11.2006 Millionen für den Neubau

Glockseeschule mit Stadt-Hilfe saniert und erweitert - Die Stadt finanziert der Glockseeschule einen Neubau für 3,1 Millionen Euro.

VON NORA LYSK
HANNOVER. Lehrer und Eltern der Glockseeschule sind nicht gerade dafür bekannt, ständig übers Geld zu reden. Gestern war einer dieser seltenen Tage. Der neue Anbau wurde eingeweiht. Selbst Oskar Negt, Gründer der einzigen staatlich unterstützten Alternativschule Hannovers, lobte: „Immer wieder wurde unsere Schule unterstützt. Egal von welcher Fraktion.“
Die Stadtverwaltung hatte für 3,1 Millionen Euro den neuen Anbau und die Sanierung des alten Schulgebäudes Am Lindenhofe ermöglicht. „Ein Bekenntnis zu dieser außergewöhnlichen Schule“, so Baudezernent Hans Mönninghoff, der seine Rede mit den Worten abkürzte: „Wie überstehe ich sonst nur die nächsten zehn Minuten vor diesem Chaos.“ Damit meinte er die rund 300 Schüler, die vor der Bühne tobten.
Vor 30 Jahren hatte Negt die Schule gegründet – ohne Zeugnisse und ohne „Angst vorm Lernen“. Dass der Schulversuch heute aktueller denn je sei, habe Pisa gezeigt. „Ich bin überzeugt, dass vieles, was Pisa kritisiert hat, bei uns nicht zutrifft“, so Negt. Die Möglichkeit, die emotionale Entwicklung der Kinder in die Lernprozesse einzubeziehen, sei der große Erfolg der Glockseepädagogik – „Auch wenn ich immer wieder Angst hatte, dass manche Politiker uns nach ihren Besuchen lieber geschlossen als gefördert hätten“, scherzte der Soziologe.

ALS VERSUCH GEDACHT: Mehr als 200 Glocksee-Schüler weihen den Neubau ein. Mit dabei: Gründer Oskar Negt. Foto: Behrens
 
HAZ, 12.02.2004 Pisa-Sieger in der "Glocksee"

BrundalenSkoleVON NORA LYSK
  Die Verblüffung war auf beiden Seiten groß: Da haben Schulreformer in Norwegen und in Deutschland fast gleichzeitig Reformschulen ins Leben gerufen - aber erst 30 Jahre später voneinander erfahren. Dabei sind die Brundalen Skole in Trondheim und die Glockseeschule in Hannover einander in vieler Hinsicht ähnlich: Es gibt keinen 45-Minuten-Takt, keine Schulglocke, kein Sitzenbleiben. Beide setzen zugleich auf soziale Integration und individuelle Förderung. „Es ist schon faszinierend, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen uns gibt“, sagt Schulleiter Kåre Moum aus Trondheim - und sein Glockseekollege Dieter Hermann peilt bereits eine Partnerschaft beider Schulen an. „Wir verstehen offenbar pädagogische Herausforderungen auf die gleiche Weise - geradezu neidisch sind allerdings wir darauf, wie wunderbar bei den Norwegern pädagogisches und architektonisches Konzept harmonieren.“ In der Tat gibt es auch große Unterschiede: In der „Glocksee“ wird - bei allem Bemühen um offenen Unterricht - in traditionellen Klassenzimmern gearbeitet. Die Brundalen Skole verfügt über ein auch architektonisch konsequent umgesetztes Konzept des „Open Space Learning“: Die vierzig Schüler der ersten und zweiten Klasse sind beispielsweise in einem einzigen, 175 Quadratmeter großen Raum untergebracht, mit Blick auf Trondheim-Fjord und Fichtenwald. Da ist Platz genug, um in kleinen, so genannten Familiengruppen eine eigene Nische zu finden und um etwa in der Bibliothek mitten im Raum mit Schülern auf gleichem Lernniveau zusammenzutreffen. Und noch einen Unterschied gibt es: Die 1972 gegründete Glockseeschule genießt zwar Anerkennung unter Experten und hat unbestreitbar Erfolge vorzuweisen - mehr als zwei Drittel ihrer Absolventen erreichen das Abitur. Aber sie ist ein Solitär in der niedersächsischen Bildungslandschaft geblieben. Die 1973 gegründete Brundalen Skole hat dagegen in Norwegen beispielhaft Schule gemacht: Alle seither entstandenen 35 Schulneubauten folgen baulich ihrem Konzept. Die einheitliche „Grunnskole“ bis zum Ende der Klasse 7 ist in Norwegen ohnehin die Regel. Das dreigliedrige Schulsystem wurde in dem Land, das beim Pisa-Vergleichstest durchweg in der Spitzengruppe landete, 1972 komplett abgeschafft. Norwegen steckt freilich auch mehr Geld in die Bildung: Es liegt mit 6,6 Prozent des Bruttosozialprodukts auf Platz zwei unter den OECD-Ländern, nach Schweden und noch vor dem Pisa-Sieger Finnland. Deutschland liegt in derselben Kategorie auf Platz 18. das       BILD: Viel Platz für stille Nischen - und zum spielerischen Lernen: Schüler der norwegischen Brundalen Skole beim Englischunterricht. Moum

 
HAZ, 24.08.2002 30 Jahre Glockseeschule - 30 Jahre Unterricht ohne Angst und Noten

Aus einer Initiative für Kleinere Klassen entwickelte sich vor 30 Jahren das wohl einflssreichste Bildungsexperiment der Bundesrepublik: Die Glocksee-Schule Hannover feiert im September Jubiläum.  Von Evelyn Beyer.    

Die Bilder erhitzten bundesweit die Gemüter: Bunt bemalte kleine Nackedeis tobten und zündelten auf dem unaufgeräumten Hof eines Jugendzentrums, und das Ganze nannte sich Schule. Schulversuch Glocksee: Wer hätte diesem leicht chaotischen Experiment eine Lebensdauer von 30 Jahren eingeräumt? "Die ersten Jahre waren extrem, da gibt es köstliche Berichte", erzählt Doris Krammling-Jöhrens, Gründungsmitglied und Didaktische Leiterin, "andererseits ist vieles, was damals als revolutionär galt, heute selbstverständlich."

Glocksee-Schule heute: "Rufst du mal alle zusammen?", bittet Lehrerin Martina Reinecke Zweitklässler Florian und der stürmt durch Gang und Schulhof: "Klassenversammlung!"  Von Fußballplatz und Kletterberg, aus Baumhaus und Spielzimmer kommen die "Delfine" in die Klasse geströmt, platzieren sich in der "Kuschelecke", einer Bank-Sitzgruppe. Jeden Morgen werden hier die Arbeitszeiten abgesprochen:  Wer lernt wann Schreibschrift, wer Druckschrift? Wer geht werken, wer hat Musik? Auch was die Kinder beschäftigt, wird angesprochen, Konflikte diskutiert. Die "Delfine" haben sich eine klare Regel gegeben: Sagt ein Kind dreimal "Lass es!", muss das andere auifhören. Das funktioniert ? "Das funktioniert, das haben gerade die Neulinge wieder erleichtert erfahren", berichtet Reinecke. Denn erster bis dritter Jahrgang werden gemeinsam unterrichtet. In drei Klassen, die sich "Mambas, "Zicke-Zacke" und "Delfine" nennen: "Damit haben wir natürliche Unterschiede in der Klasse, die der Konkurrenz entgegenwirken", erklärt Doris Krammling-Jöhrens. "Schüler lernen von Schülern: Dieser Grundsatz hat sich bis heute bewährt. Die Älteren können ihr Wissen weitergeben, ohne den dicken Max markieren zu müssen." Seit neuestem sind auch die Klassen vier bis sieben altersgemischt.  

Nach wie vor haben die individuellen Bedürfnisse der Kinder Raum, unterwirft man sich keinem 45-Minuten-Takt, gibts bis zur Oberstufe keine Hausaufgaben und erst in der zehnten Klasse Zensuren: "Der Verzicht auf Noten spielt eine große Rolle dabei, die Lernmotivation zu erhalten", berichtet Krammling-Jöhrens. "Das Lerntempo ist eben verschieden." Und: "Wichtig ist für uns das Kind als ganze Person, nicht nur der Ausschnitt 'Schüler". Wir ermutigen die Kinder, ihre Gefühle mit einzubringen."
Prinzipien, die oft auf Widerspruch stießen, deren Vorzüge aber wissenschaftlich belegt sind. Mit Ulrike Köhler hat Doris Krammling-Jöhrens in einem Buch die Abschlüsse der Glocksee-Kinder ebenso analysiert wie ihren weiteren Weg: "Erhaltene Lernfreude, gute Kommunikationsfähigkeit, positives Selbstbewuß´tsein", das sind Pluspunkte, die von weiterführenden Schulen bestätigt wurden.

So ist aus dem Schulversuch eine öffentliche Angebotsschule mit besonderer pädagogischer Prägung geworden. Solide untergebracht in einem Backsteinbau in Döhren, der nur just zum Jubiläum saniert werden muss - Schwamm im Mauerwerk. Dennoch wird am 31. August in der Schule, am 6. September im Pavillon gefeiert. Fünf der neuen Eltern treffen dann ehemalige Mitschüler: Aus Glocksee-Kindern wurden Glocksee-Eltern

 
NP, 24.08.2002 Oskar Negt: "Glocksee ist die richtige Schule"

Soziologie-Professor Oskar Negt, seit kurzem im Ruhestand, war einer der Gründungsväter der Glocksee-Schule und gehörte zur ersten wissenschaftlichen Begleitung.
Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Pisa-Studie?
Ich bin der Überzeugung, dass ein Großteil der Ergebnisse der Pisa-Studie die Glocksee-Konzeption bestätigt. Nehmen wir die verstehende Lesekompetenz, die getestet wurde: In der Glocksee-Schule sind Leselern-Techniken eingebunden in Kommunikationsprozesse zwischen den Kindern, die sonst meist außerhalb der Schule ablaufen. Daher entwickeln die Glocksee-Kinder eine sehr hohe Deutungsfähigkeit. Das ist auch dokumentiert in verschiedenen Studien.
Hätten also Glocksee-Kinder gut abgeschnitten ?
An der Glocksee-Schule wird versucht, kognitives, emotionales und soziales Lernen miteinander zu verknüpfen. Das verschafft den Kindern einen stabilen Unterbau für Lernprozesse. Mag sein, das sie aktuell bei bloßem Wissensabfragen Nachteile haben im Vergleich zu anderen. Doch was die Grundausstattung betrifft, entspricht die Glocksee komplett den Kriterien der Pisa-Studie.
In welche Richtung müssten sich die Regelschulen ändern ?
Sie müssten heute viel stärker Zusatzfunktionen übernehmen. Wenn bestimmte Tugenden wichtig sind für eine friedensfähige Gesellschaft - zum Beispiel Kompromisse eingehen, teilen zu können -, dann müssen sie gelernt werden. Aber wo ? In den fragmentierten Familienverhältnissen ? Wohl kaum. Dazu aber gehört ein freundlicheres Betriebsklima. Manche Schulen sind ja wirklich so, dass man das Motto von Dantes Hölle drüber schreiben könnte: Wer hier durchgeht, lasse alle Hoffnung fahren. Dazu kommt die Perspektive der Arbeitslosigkeit, die bis in die Grundschulen hinein auf die Kinder drückt. Ob Orientierungsstufe oder nicht: Das ist gemessen am Gesamtzusammenhang dessen, was in Schulen abläuft, ebenso belanglos wied der Streit ums Abitur nach der zwölften oder 13. Klasse. So sind auch die regierungsamtlichen Reaktionen auf die Pisa-Studie falsch: Es geht eben nicht darum, Techniken zu intensivieren und Zensurgebungen zu verschärfen.
Gegründet wurde die Glocksee als antiautoritäre Schule. Welchen Stellenwert hat das heute ?
Die antiautoritäre Bewegung hatte nur pädagogischen und politishen Sinn, solange es die autoritären Strukturen hab, gegen die sie rebellierte. Heute aber erodieren die alten Werte, verlieren ihre Gültigkeit, und neue werden gefühlt, sind aber eigentlich noch nicht da. Eine Zeit der Suchbewegung also. Da ist es für pädagogische Prozesse zentral, die Selbstregulierung zu binden an Formen der Strukturierung. Aber die Selbstregulierung bleibt ein unerlässliches Element dafür, dass man überhaupt weiß, was in den Seelen und in den Köpfen der Kinder vorgeht.
Sie sind zum vierten Mal Vater an der Glocksee-Schule. Hat sich für Sie umgesetzt, was Sie sich theoretisch vorgestellt haben ?
Ich würde nicht aus bloßer Solidarität zu einem Projekt, das ich mitbegründet habe, meine Kinder hinschicken. Auch wenn es Konflikte gab und ein Kind eher als vorgesehen gewechselt hat: Ich bin der Überzeugung, dass in der Grundausstattung die Glocksee die richtige Schule für meine Kinder ist.

 
HAZ, 11.06.2002 Die Schule wird zur Jobbörse

Eine 13-Jährige im Stempelladen und zwei Mitschüler auf der Jagd nach Mottennestern: Auch die Glockseeschule beteiligt sich am kommenden Dienstag an der Aktion „Schüler helfen leben“. Bislang sind rund 5000 Schüler in der ganzen Region dabei.
Eigentlich ist an der Glockseeschule zum Ende des Schuljahres genug zu tun: Klassen aufräumen, renovieren, die Zehntklässler verabschieden. Trotzdem beteiligen sich etliche Schüler am „Sozialen Tag“. Sie jobben einen Tag lang statt zur Schule zu gehen und finanzieren mit ihren Einnahmen Projekte für Jugendliche auf dem Balkan. Organisiert wird das Ganze vom Verein „Schüler helfen leben“, in dem sich Schüler und Studenten engagieren.
„Wir vom Schülerrat fanden das erstmal eine ganz gute Sache und haben das in die Klassen weitergetragen“, sagt Ole. Sarah aus der achten Klasse will zu Hause für ihre Eltern den Hausflur putzen – gegen Bezahlung versteht sich.
„Aber wie lange dauert das denn?“, fragt ihre Mitschülerin Milena kritisch nach. Die Schule hat nämlich festgelegt, dass die Schüler fünf Stunden lang arbeiten sollen, erläutert Lehrerin Mucke Kudraß. „Wenn jemand eine halbe Stunde eine Blume streichelt und dafür sechs Stunden andere Arbeit liegen lässt, ist das nicht so effektiv“, sagt sie mit einem wissenden Lächeln.
Doch Sarah will sich gar nicht vor der Arbeit drücken. „Ich putze ordentlich, und auch Fenster und Türklinken.“ Die Schule hat eigens eine Jobbörse eingerichtet, damit Eltern und Lehrer den Schülern Arbeit anbieten können. „Malerarbeiten, 5–6 Stunden“ steht zum Beispiel auf einem Zettel, der am Schwarzen Brett im Schulflur hängt.
Die 13-jährige Lea hat sich auf anderem Wege einen Job gesichert. „Der Laden, in den ich gehe, stellt Stempel und Schriften her und ich soll Botengänge übernehmen.“ Gefunden hat Lea die Arbeitsstelle über das Jobangebot von „Schüler helfen leben“ im Internet. „Ich mache das, weil ich finde, dass der soziale Tag eine gute Sache ist.“
Mucke Kudraß ist auch schon mit zwei Schülern handelseinig geworden, um den Job beneiden die Mitschüler die beiden allerdings nicht. „Fidelis und Jakob stauben bei mir 600 alte Bücher ab, aus denen die Motten herausfliegen. Sie müssen die Nester suchen und sie richtig entfernen.“ Mehr als drei Stunden dieser Arbeit will die Lehrerin ihren Schülern allerdings nicht zumuten. „Da gibt es auch noch ein Aquarium zu reinigen und auseinander zu nehmen.“ bil Veröffentlicht 10.06.2002 21:20 UHR

 
Süddeutsche Zeitung, 07.11.2001 Vom Experiment zur Regelschule

Älter, vielleicht angepasster, sicher realistischer: Nicht nur die Lehrer an der Glockseeschule haben sich verändert Von Jonas Viering

So richtig laut ist es gar nicht. Nicht so laut, wie es sein könnte, mit 21 quicklebendigen Fünftklässlern. Kay und Doreen (Namen der Kinder geändert) streiten sich ausführlich, ob sie besser "Das Insektenauge" oder "Der Aufbau des Insektenauges" über ihren gemeinsamen Text schreiben sollen, vorläufig obsiegt "Die Struktur des Insektenauges". Statt in einem dicken Buch etwas über Ameisen zu lesen, benutzt Frank es lieber als Schnappfalle, vielleicht um imaginäre Krabbeltiere zu fangen, und knallt es immer wieder kraftvoll zu. Laura schreibt hochkonzentriert in ihr Heft: "Laufkäfer sind tole Jeger. Sie schten unter Schuz." Zwei Kinder gehen einfach raus, vielleicht um mal in eine andere Klasse zu schauen. Aber irgendwann kommen sie auch wieder rein.
Alles normal, alles ruhig also - jedenfalls nach den Maßstäben der Glockseeschule. Dreißig Jahre alt wird sie in einigen Monaten, ist in Hannover eine Institution, hat sich vom bundesweit beachteten Erziehungsexperiment zur ganztägigen Regelschule bis Klasse Zehn gewandelt. Eine Reformschule, die zu Zeiten ihrer Gründung "für die Entschulung der Schule" eintrat und eine radikal andere Gesellschaft wollte. Und die immer noch etwas Besonderes ist, auch wenn sich ihre Maßstäbe geändert haben.
Großartige neue Zeit Als alles begann, im aufgegebenen städtischen Fuhramt in der Glockseestraße, war es oft richtig laut. "Wachsmaler wurden auf den Heizkörpern zu Kunstwerken verschmolzen, Malpapier zum Feuermachen aufgebraucht", berichten Lehrer von damals - und das alles geschah natürlich mitten im Klassenzimmer. Kinder brachen sogar Ziegel aus den maroden Wänden, um einen Durchschlupf zu haben - "Selbstregulierung" war das Schlüsselwort für dieses Spiel zwischen Anarchie und Kreativität. Es war eine großartig neue Zeit, und es war auf Dauer eine Überforderung aller Beteiligten. Schwierige Kinder gingen manchmal unter in dem bunten Treiben, und auch Lehrer verzweifelten an sich, weil sie das hohe Ziel des befreiten Lernens nicht verwirklichten.
In eine alte Dorfschule im Stadtteil Döhren ist die Glockseeschule inzwischen umgezogen, fort aus dem Provisorium in der namengebenden Straße. Zweihundert Schüler und zwanzig Lehrer teilen sich den zweistöckigen Bau aus nachgedunkelten, roten Ziegeln und mit Sprossenfenstern. Nicht Graffiti zieren die Wände, sogar das Jungsklo ist erstaunlicherweise fast frei von Schmierereien, sondern wandgroße Spiegelsplitter-Mosaike und Fischschwärme. Auch der Raum der Fünften Klasse ist zum Teil von den Kindern selbst ausgemalt. Doch das ist nicht das eigentlich Besondere, ganz normale Schulen haben solche Verschönerungsaktionen längst der damit einst besonders fortschrittlichen Glockseeschule und anderen Alternativschulen nachgemacht, genauso wie die gepolsterten Kuschelecken in allen Räumen.
"Wie wir mit der Zeit umgehen, das ist der größte Unterschied", meint Schulleiter Dieter Hermann. Die "Eigenzeit" der Kinder, wie an der Glockseeschule deren subjektive Tageseinteilung genannt wird, hat einen hohen Stellenwert. Es gibt keine Schulklingel, auch der insektenkundliche Unterricht in der Fünften ist nicht in Stundenschablonen gepresst. Er fügt sich in das projektorientierte Lernen der Glockseeschule, bei dem der Gegenstand oft von den Kindern selbst mitbestimmt und weniger wichtig ist als der sehr auf Eigenständigkeit setzende Lernprozess selbst. Dieses exemplarische Lernen ist längst ein pädagogischer Allgemeinplatz - und doch herrschen in vielen Schulen oft noch immer Frontalunterricht und Paukerei. Wo es anderswo einmal im Jahr eine extra Projektwoche gibt, hat die Glockseeschule deren vier. Die Eltern, erzählt die Lehrerin der Fünften Klasse, müsse man oft beruhigen - wegen der lange schlechten Rechtschreibung der Kinder. "Die verwächst sich schon noch", sagt sie fröhlich.
Die Freiheiten der Schüler bedeuten immer auch Zwang, den Zwang zur frühen Selbstverantwortlichkeit. Auch Hermann verwendet dieses Wort: "Wozu wir die Kinder zwingen, das ist, dass sie sich mit uns auseinander setzen und eine Form finden, wie sie lernen wollen." Ein bisschen mehr Vorgaben macht aber inzwischen auch die Glockseeschule. "Es kann fatal sein, wenn man bloß der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung der Kinder hinterher hechelt und so tut, als gebe es keine Mathe oder Vokabeln, die eine Schule vermitteln muss", sagt Hermann. Umgekehrt wirft er konventionellen Schulen vor, "das Leistungspotential" von Kindern oft zu verschwenden, weil sie ihnen nicht genügend Freiheit geben.
Die antiautoritäre Glockseeschule ist heute legendär - in doppelter Weise. Sie ist berühmt, aber sie ist auch eine Illusion. "Die Leute meinen, das ist ne Schule, wo man nicht lernen muss, wo man nicht mal hingehen muss", erzählt sehr ernst eine Zehntklässlerin. Das müsse sie dann immer gerade rücken. "In der siebten Klasse bin ich mal ein halbes Jahr immer zu spät gekommen, da hieß es dann von den Lehrern, wenn ich das weiter mache, dann müssen wir drüber reden...". Die Schülerin ist dann lieber wieder pünktlich gekommen. Und wer bei den Kleinen in der Insektenkunde gar nicht mehr aufkreuzt, der wird "da abgeholt, wo er ist" - im wörtlichen, nicht im sozialpädagogischen Sinne. Auch die geringe Größe der Glockseeschule sorgt nicht nur für mehr menschliche Wärme, sondern automatisch zugleich für eine engere soziale Kontrolle.
Nur ganz wenige Reformschulen reichen heute so wie die Glockseeschule bis zur zehnten Klasse. Die Entscheidung hierfür war erbittert umstritten, von Verrat war die Rede - bedeutete sie doch, anders als in den unteren Klassen erstmals auch Zensuren zu geben. Hermann ist überzeugt, dass es richtig war, aus der Nische an den Markt zu gehen: "Wir sind es unseren Schülern schuldig, sie auch darauf vorzubereiten". Aber es hat die Schule verändert. So wurde in den Klassen sieben bis zehn ein verbindlicher Stundenplan eingeführt. Immerhin: Mehr als zwei Drittel der Absolventen erreichen einer Glocksee-Umfrage zufolge den erweiterten Realschulabschluss, viele sind auf weiterführenden Schulen erfolgreich, nur eine winzige Minderheit scheitert an dieser Hürde völlig.
Stolz sind alle darauf, die Vorurteile zu widerlegen, an einer Alternativ- Schule lerne man zuwenig. Auch das dürfte dazu beigetragen haben, dass es inzwischen jedes Jahr es doppelt so viele Anmeldungen wie freie Plätze in der Ersten Klasse gibt. Manche Eltern wählen die Glockseeschule jetzt allerdings auch, weil sie ganztägig ist und man die Kinder hier so schön abgeben kann - und nicht wegen der besonderen Pädagogik.

Zur Selbstständigkeit erziehen Antiautoritär, das sagen die Lehrer offen, ist die Glockseeschule nicht mehr. "Das war eine andere Zeit", erklären alle - sie selbst sind älter, vielleicht angepasster, sicher realistischer geworden; aber die Gesellschaft ist umgekehrt auch liberaler geworden. Und unübersichtlicher: "Das Problem der Kinder ist heute nicht mehr ein Zuviel an Autoritäten, sondern der Mangel an Orientierung", sagt Hermann. Keinesfalls stimmt er damit in das zur Zeit modische Plädoyer ein, mehr Autorität sei gefragt. Zwar sagt er heute, die Lehrer müssten für die Heranwachsenden auch ein Widerpart sein, an dem diese sich reiben können. Aber mehr denn je setzt die Glockseeschule auf die Erziehung zur Selbstständigkeit. Das jedenfalls ist der hehre Anspruch, auch nach 30 Jahren.