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Älter, vielleicht angepasster, sicher realistischer: Nicht nur
die Lehrer an der Glockseeschule haben sich verändert Von Jonas
Viering
So richtig laut ist es gar nicht. Nicht so laut, wie es sein könnte,
mit 21 quicklebendigen Fünftklässlern. Kay und Doreen (Namen
der Kinder geändert) streiten sich ausführlich, ob sie besser
"Das Insektenauge" oder "Der Aufbau des Insektenauges"
über ihren gemeinsamen Text schreiben sollen, vorläufig obsiegt
"Die Struktur des Insektenauges". Statt in einem dicken Buch
etwas über Ameisen zu lesen, benutzt Frank es lieber als Schnappfalle,
vielleicht um imaginäre Krabbeltiere zu fangen, und knallt es immer
wieder kraftvoll zu. Laura schreibt hochkonzentriert in ihr Heft: "Laufkäfer
sind tole Jeger. Sie schten unter Schuz." Zwei Kinder gehen einfach
raus, vielleicht um mal in eine andere Klasse zu schauen. Aber irgendwann
kommen sie auch wieder rein.
Alles normal, alles ruhig also - jedenfalls nach den Maßstäben
der Glockseeschule. Dreißig Jahre alt wird sie in einigen Monaten,
ist in Hannover eine Institution, hat sich vom bundesweit beachteten Erziehungsexperiment
zur ganztägigen Regelschule bis Klasse Zehn gewandelt. Eine Reformschule,
die zu Zeiten ihrer Gründung "für die Entschulung der Schule"
eintrat und eine radikal andere Gesellschaft wollte. Und die immer noch
etwas Besonderes ist, auch wenn sich ihre Maßstäbe geändert
haben.
Großartige neue Zeit Als alles begann, im aufgegebenen städtischen
Fuhramt in der Glockseestraße, war es oft richtig laut. "Wachsmaler
wurden auf den Heizkörpern zu Kunstwerken verschmolzen, Malpapier
zum Feuermachen aufgebraucht", berichten Lehrer von damals - und
das alles geschah natürlich mitten im Klassenzimmer. Kinder brachen
sogar Ziegel aus den maroden Wänden, um einen Durchschlupf zu haben
- "Selbstregulierung" war das Schlüsselwort für dieses
Spiel zwischen Anarchie und Kreativität. Es war eine großartig
neue Zeit, und es war auf Dauer eine Überforderung aller Beteiligten.
Schwierige Kinder gingen manchmal unter in dem bunten Treiben, und auch
Lehrer verzweifelten an sich, weil sie das hohe Ziel des befreiten Lernens
nicht verwirklichten.
In eine alte Dorfschule im Stadtteil Döhren ist die Glockseeschule
inzwischen umgezogen, fort aus dem Provisorium in der namengebenden
Straße. Zweihundert Schüler und zwanzig Lehrer teilen sich
den zweistöckigen Bau aus nachgedunkelten, roten Ziegeln und mit
Sprossenfenstern. Nicht Graffiti zieren die Wände, sogar das Jungsklo
ist erstaunlicherweise fast frei von Schmierereien, sondern wandgroße
Spiegelsplitter-Mosaike und Fischschwärme. Auch der Raum der Fünften
Klasse ist zum Teil von den Kindern selbst ausgemalt. Doch das ist nicht
das eigentlich Besondere, ganz normale Schulen haben solche Verschönerungsaktionen
längst der damit einst besonders fortschrittlichen Glockseeschule
und anderen Alternativschulen nachgemacht, genauso wie die gepolsterten
Kuschelecken in allen Räumen.
"Wie wir mit der Zeit umgehen, das ist der größte Unterschied",
meint Schulleiter Dieter Hermann. Die "Eigenzeit" der Kinder,
wie an der Glockseeschule deren subjektive Tageseinteilung genannt wird,
hat einen hohen Stellenwert. Es gibt keine Schulklingel, auch der insektenkundliche
Unterricht in der Fünften ist nicht in Stundenschablonen gepresst.
Er fügt sich in das projektorientierte Lernen der Glockseeschule,
bei dem der Gegenstand oft von den Kindern selbst mitbestimmt und weniger
wichtig ist als der sehr auf Eigenständigkeit setzende Lernprozess
selbst. Dieses exemplarische Lernen ist längst ein pädagogischer
Allgemeinplatz - und doch herrschen in vielen Schulen oft noch immer Frontalunterricht
und Paukerei. Wo es anderswo einmal im Jahr eine extra Projektwoche gibt,
hat die Glockseeschule deren vier. Die Eltern, erzählt die Lehrerin
der Fünften Klasse, müsse man oft beruhigen - wegen der lange
schlechten Rechtschreibung der Kinder. "Die verwächst sich schon
noch", sagt sie fröhlich.
Die Freiheiten der Schüler bedeuten immer auch Zwang, den Zwang zur
frühen Selbstverantwortlichkeit. Auch Hermann verwendet dieses Wort:
"Wozu wir die Kinder zwingen, das ist, dass sie sich mit uns auseinander
setzen und eine Form finden, wie sie lernen wollen." Ein bisschen
mehr Vorgaben macht aber inzwischen auch die Glockseeschule. "Es
kann fatal sein, wenn man bloß der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung
der Kinder hinterher hechelt und so tut, als gebe es keine Mathe oder
Vokabeln, die eine Schule vermitteln muss", sagt Hermann. Umgekehrt
wirft er konventionellen Schulen vor, "das Leistungspotential"
von Kindern oft zu verschwenden, weil sie ihnen nicht genügend Freiheit
geben.
Die antiautoritäre Glockseeschule ist heute legendär - in
doppelter Weise. Sie ist berühmt, aber sie ist auch eine Illusion.
"Die Leute meinen, das ist ne Schule, wo man nicht lernen muss, wo
man nicht mal hingehen muss", erzählt sehr ernst eine Zehntklässlerin.
Das müsse sie dann immer gerade rücken. "In der siebten
Klasse bin ich mal ein halbes Jahr immer zu spät gekommen, da hieß
es dann von den Lehrern, wenn ich das weiter mache, dann müssen wir
drüber reden...". Die Schülerin ist dann lieber wieder
pünktlich gekommen. Und wer bei den Kleinen in der Insektenkunde
gar nicht mehr aufkreuzt, der wird "da abgeholt, wo er ist"
- im wörtlichen, nicht im sozialpädagogischen Sinne. Auch die
geringe Größe der Glockseeschule sorgt nicht nur für mehr
menschliche Wärme, sondern automatisch zugleich für eine engere
soziale Kontrolle.
Nur ganz wenige Reformschulen reichen heute so wie die Glockseeschule
bis zur zehnten Klasse. Die Entscheidung hierfür war erbittert
umstritten, von Verrat war die Rede - bedeutete sie doch, anders als in
den unteren Klassen erstmals auch Zensuren zu geben. Hermann ist überzeugt,
dass es richtig war, aus der Nische an den Markt zu gehen: "Wir sind
es unseren Schülern schuldig, sie auch darauf vorzubereiten".
Aber es hat die Schule verändert. So wurde in den Klassen sieben
bis zehn ein verbindlicher Stundenplan eingeführt. Immerhin: Mehr
als zwei Drittel der Absolventen erreichen einer Glocksee-Umfrage zufolge
den erweiterten Realschulabschluss, viele sind auf weiterführenden
Schulen erfolgreich, nur eine winzige Minderheit scheitert an dieser Hürde
völlig.
Stolz sind alle darauf, die Vorurteile zu widerlegen, an einer Alternativ-
Schule lerne man zuwenig. Auch das dürfte dazu beigetragen haben,
dass es inzwischen jedes Jahr es doppelt so viele Anmeldungen wie freie
Plätze in der Ersten Klasse gibt. Manche Eltern wählen die Glockseeschule
jetzt allerdings auch, weil sie ganztägig ist und man die Kinder
hier so schön abgeben kann - und nicht wegen der besonderen Pädagogik.
Zur Selbstständigkeit erziehen Antiautoritär, das sagen
die Lehrer offen, ist die Glockseeschule nicht mehr. "Das war
eine andere Zeit", erklären alle - sie selbst sind älter,
vielleicht angepasster, sicher realistischer geworden; aber die Gesellschaft
ist umgekehrt auch liberaler geworden. Und unübersichtlicher: "Das
Problem der Kinder ist heute nicht mehr ein Zuviel an Autoritäten,
sondern der Mangel an Orientierung", sagt Hermann. Keinesfalls stimmt
er damit in das zur Zeit modische Plädoyer ein, mehr Autorität
sei gefragt. Zwar sagt er heute, die Lehrer müssten für die
Heranwachsenden auch ein Widerpart sein, an dem diese sich reiben können.
Aber mehr denn je setzt die Glockseeschule auf die Erziehung zur Selbstständigkeit.
Das jedenfalls ist der hehre Anspruch, auch nach 30 Jahren.
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