Gutachten zur Schulreform  -  Dokumentation Stadtelternrat Hannover
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03.11.2001 Schulreform: Wird die OS ganz abgeschafft? - Ministerin kritisiert Modell der Gutachter (NP)
01.11.2001 Grundschule wieder Ausleseanstalt  (NP)
01.11.2001 Turbo-Abi bald in Niedersachsen  (NP)
01.11.2001 Kommentar: Letzte Runde im Schulstreit  (NP)
01.11.2001 Gutachter empfehlen Turbo-Gymnasien statt Orientierungsstufe  (HAZ)
01.11.2001 Kommentar: Neue Orientierung (HAZ)
31.10.2001 Kultusministerium: DIPF überreicht Gutachten
Positionen der Arbeitskreise des Stadtelternrates
Arbeitskreis Grundschulen:  Mehr Lehrer, keine Reduzierung der elterlichen Mitspracherechte über die weitere Schullaufbahn ihrer Kinder, Freies Wahlrecht der Schulform, Ausweitung der Informations- und Beratungspflicht der Lehrer, kein Selektionsdruck in den ersten 4 Schuljahren, Erhalt vielfältiger Wahlmöglichkeiten.   mehr ...
des Arbeitskreises Grundschulen zur "Verlässlichen Grundschule"      mehr ...
Arbeitskreis Gesamtschulen:  Angemessene Förderung während der gesamten Schulzeit, stabile Klassengemeinschaften, Ausbau der Gesamtschulen - Gemeinsam lernen von 1 bis 10,  Erhöhung der Abiturientenzahlen durch Erhalt der Wahlfreiheit in der Oberstufe und Erhalt der Regelzeit bis zum Abi von 13 Schuljahren, inhalltiche Weiterentwicklung durch Profilbildung, konsequente Verbesserung der schulischen Qualität statt Hau-Ruck-Methoden   mehr ...
des Arbeitskreises Gesamtschulen zu den Schwerpunkten der Bildungspolitik "Wir fordern andere Schwerpunkte in der Bildungspolitik: Förderung statt Auslese"      mehr ...
Kultusministerium, 31.10.2001  ->Schulstrukturreform
DIPF überreicht Gutachten "Stand und Perspektiven der Orientierungsstufe in Niedersachsen" - Landesregierung sieht sich voll bestätigt
     Nach nur 11 Monaten liegt das Gutachten zur Orientierungsstufe und zur Schulstruktur in Niedersachsen vor. Jetzt komme es darauf an, dass alle Beteiligten die Ergebnisse und Vorschläge der Untersuchung vorurteilslos und ohne ideologische Scheuklappen beraten, erklärte die Kultusministerin: Es liegt jetzt an uns, die Zukunftschancen der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt zu stellen und nicht Verbands- oder Parteipolitik. Das Gutachten zeigt eindeutig: Das einfache "Weiter so" liegt genauso nicht im Interesse der Schülerinnen und Schüler, wie ein "Zurück in die 50er Jahre". 

      Am heutigen Mittwoch nahm die Niedersächsische Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper das Gutachten zur Schulstruktur vom Sprecher der Arbeitsgruppe des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Prof. Dr. Avenarius, entgegen. 

      Das renommierte Frankfurter Institut hat seine wissenschaftliche Untersuchung gemeinsam mit der Universität Erfurt durchgeführt. Mit dem heutigen Tage legen die Wissenschaftler auf fast 100 Seiten und einer CD-Rom mit umfangreichen Anlagen die Ergebnisse ihrer Arbeit vor. 

Kernaussagen des Gutachtens sind: 
Eine inhaltliche und organisatorische Reform der Orientierungsstufe ist unerlässlich 
Die Defizite der Orientierungsstufe sind unzureichende Förderung der Schülerinnen und Schüler, eine weiterhin ausgeprägte Selektivität nach sozialer Herkunft der Kinder und eine eingeschränkte Prognosesicherheit der Schullaufbahnempfehlung am Ende der Orientierungsstufe 
Die niedersächsische Schulstruktur sollte sich zu einem "Zwei-Säulen-Modell" entwickeln: Ein gymnasiales Angebot ab Klasse 5 mit Abitur nach 12 Jahren für die sehr leistungsstarken Schülerinnen und Schüler und einem Verbundsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium (Abitur nach 13 Jahren), das eine gemeinsam zu verantwortende Orientierungsstufe in den Klassen 5 und 6 anbietet. 

      Die Landesregierung sieht sich nach Vorlage des wissenschaftlichen Gutachtens zur Orientierungsstufe und zur Schulstruktur in Niedersachsen in ihrer Haltung voll bestätigt. Kultusministerin Jürgens-Pieper erklärte in Übereinstimmung mit dem Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel: "Die Ergebnisse zeigen, wie notwendig es im Interesse der Zukunftschancen unserer Kinder war, die Diskussion um die Orientierungsstufe anzustoßen und zu einer gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung zu kommen." Angesichts des jetzt vorgelegten Gutachtens müssten nach Auffassung der Kultusministerin auch diejenigen von der Untersuchung überzeugt sein, die bislang entweder keinerlei Notwendigkeit für eine Debatte zur Orientierungsstufe gesehen hätten, oder ohne jede Überprüfung zu schnellen Entscheidungen aufgerufen hätten. Beides wäre angesichts der differenzierten Ergebnisse schlicht falsch gewesen, so Jürgens-Pieper. 

      Ministerpräsident und Kultusministerin erinnerten daran, dass die Untersuchung letztlich auf die Initiative und die sachliche Diskussion des Landeselternrates zurückzuführen sei: Angesichts der sachlich fundierten Ergebnisse des Gutachtens ist die Landesregierung dem Landeselternrat dafür ausdrücklich zu Dank verpflichtet." 

      Die Wissenschaftler haben in den vergangenen elf Monaten Organisationsformen und pädagogische Konzepte des 5. und 6. Schuljahrgangs in anderen Mitgliedsstaaten der OECD und in anderen Bundesländern verglichen, eine umfangreiche Erhebung unter Eltern, Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern und Schulleiterinnen und Schulleitern zur Akzeptanz der Orientierungsstufe durchgeführt und diese quantitativen Befragungen durch vertiefende Interviews mit "Abnehmern" und Experten sowie durch detaillierte Schulportraits von sechs 
      Orientierungsstufen ergänzt. Darüber hinaus haben sie die verfügbaren schulstatistischen Daten über Eignungsgutachten der Orientierungsstufe und Bildungsbeteiligung der Schülerinnen und Schüler unter dem Aspekt sozialer und regionaler Chancengleichheit ausgewertet. Schließlich haben sie in sechs Regionen Simulationsrechnungen zu verschiedenen Modellvarianten der Schulstruktur hinsichtlich der Auswirkungen u.a. auf Raumbedarf, Schulwege und Kosten bei den Schulträgern und beim Land durchgeführt. 

Das Gutachten kommt zu folgenden Ergebnissen: 
 
1.  Mehrheitlich positive Bewertung der Beteiligten 
Die Orientierungsstufe in der jetzt bestehenden Form wird von Eltern, Schülerinnen und Schülern, aber auch von Lehrerinnen und Lehrern, Schulleiterinnen und Schulleitern mehrheitlich positiv bewertet. 
2. Kritik der Abnehmer 
Demgegenüber fällt das Urteil der in den Interviews befragten "Abnehmer", Bildungsexperten, Schulleiter und Vertreter der Jugendarbeit weniger positiv aus; diese bemängeln insbesondere die Dominanz der Auslesefunktion gegenüber der Förderfunktion. 
3. Keine übereinstimmende Zustimmung zu einem der Alternativmodelle 
Die Befragten geben keinem der zu prüfenden alternativen Strukturmodelle den Vorzug. Vielmehr sind die Meinungen gespalten: Die einen hätten gerne eine Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit; die anderen plädieren für ein gegliedertes Schulsystem unmittelbar im Anschluss an die Grundschule. Die Gutachter empfehlen deshalb ein eigenes Modell. 
4. Unzureichende Förderung und soziale Selektivität 
Die Kurseinstufung auf drei Leistungsebenen führt zu einer unzureichenden Förderung der Schülerinnen und Schüler und reproduziert schichtspezifische Unterschiede. Daraus folgen nach Auffassung der Gutachter eine Verfestigung der eingeschränkten Erwartungen der Lehrkräfte in die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler und restrikte Schullaufbahnempfehlungen. Bei leistungsstärkeren Schülerinnen und Schülern haben auch die Lehrkräfte der Orientierungsstufen selbst Zweifel, ob sie dem Lern- und Förderungsbedarf angemessen Rechnung tragen. 
 5. Eingeschränkte Prognosesicherheit der Schullaufbahnempfehlung
Es wurde festgestellt, dass die Eignungsgutachten stark vom Interesse am Erhalt der mit der Orientierungsstufe verbundenen Schulformen (also der Hauptschule oder der Haupt- und Realschule) beeinflusst wird. Ein weiteres Indiz für Zweifel an der Prognosesicherheit der Schullaufbahnempfehlung ist die relativ große Anzahl von Schülerinnen und Schülern, die eine abweichende Schulform besuchen und erfolgreich absolvieren. Außerdem weichen die tatsächlich erreichten Abschlüsse erheblich von der  Schullaufbahnempfehlung ab. 
6.  Regionale Unterschiede 
Die Unterschiede in der Bildungsbeteiligung sind in nicht unerheblichem Maße durch das Schulangebot bedingt. Insbesondere wegen des ungleichgewichtigen gymnasialen Angebots sehen die Gutachter die Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern in den ländlichen Regionen stark beeinträchtigt. Gemessen am Schüleraufkommen müssen nach ihrer Auffassung in ländlichen Regionen vielfach zusätzliche gymnasiale Standorte eingerichtet werden. Deshalb muss die weitere Entwicklung der Orientierungsstufe von einer regionalen Angleichung der Bildungsstrukturen flankiert werden. 

    Auch die Situation des Arbeitsmarktes und die demographische Entwicklung stellen nach Auffassung der Gutachter die niedersächsische Bildungspolitik vor neue Herausforderungen. Das Land Niedersachsen müsse besondere Anstrengungen unternehmen, um im sich verschärfenden Standortwettbewerb bestehen zu können. Für den Schulbereich folge daraus, dass höhere Anteile eines Altersjahrgangs durch Erhöhung der Bildungsbeteiligung und Verringerung der Quote von Abgängern ohne Schul- und Ausbildungsabschluss zu qualifizierten Abschlüssen geführt werden müssen. 
      Die Wissenschaftler empfehlen, nicht am Status quo festzuhalten, sondern eine inhaltliche und organisatorische Reform der Orientierungsstufe. 
      Dabei erscheint die inhaltliche Reform den Wissenschaftlern vorrangig. Sie müsse sich insbesondere auf die Ziele der pädagogischen Arbeit beziehen und mit Maßnahmen der Qualitätssicherung verbunden werden, um einerseits die vorhandenen Begabungspotenziale optimal auszuschöpfen und andererseits sozial bedingte Leistungsunterschiede zu verringern. 
      Hinzu kommen müssten jedoch auch strukturelle Veränderungen. Dabei dürften jedoch die historische Entwicklung des niedersächsischen Schulsystems und die besonderen Probleme eines Flächenstaates nicht außer Acht gelassen werden. 
      Für die künftige Organisation des 5. und 6. Schuljahrgangs und der weiterführenden Bildungsgänge erscheint den Wissenschaftlern unter dem Gesichtspunkt der Chancengleichheit und mit Blick auf den Qualifikationsbedarf des Beschäftigungssystems ein "Zwei-Säulen-Modell" als realistische und aussichtsreiche Entwicklungsperspektive: 
      Die eine Säule dieses Modells ist das achtjährige Gymnasium, beginnend mit dem 5. Schuljahrgang. Sie sei solchen Schülerinnen und Schülern vorzubehalten, die erwarten lassen, dass sie das gymnasiale Pensum in acht statt in neun Jahren bewältigen. Als Eignungskriterium sollte in den Fächern Deutsch und Mathematik des Abschlusszeugnisses der Grundschule eine Durchschnittsnote von mindestens 2,0 gelten. Von einem Eignungsgutachten empfehlen die Gutachter Abstand zu nehmen. 
      Die andere Säule besteht aus einem Verbundsystem, das die Orientierungsstufe, die Hauptschule, die Realschule und das siebenjährige Gymnasium umfasst. Daneben sollten die bestehenden Integrierten Gesamtschulen weitergeführt werden; bei den Kooperativen Gesamtschulen sei zu prüfen, wie sie in das Verbundsystem einbezogen werden können. 
      Das Verbundsystem knüpft an die bisherige Schulstruktur im Sekundarbereich I an. Die Orientierungsstufe bleibt als Bindeglied zwischen dem Primarbereich und den drei weiterführenden Schulformen mit dem Auftrag erhalten, leistungsschwächere und leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler gemeinsam zu fördern. Durch die Einbeziehung eines gymnasialen Bildungsgangs soll sichergestellt werden, dass ihr weiterhin ein Teil der leistungsfähigeren Schülerinnen und Schüler erhalten bleibt. 

      Das Verbundsystem lasse sich nicht von heute auf morgen, sondern nur in Etappen verwirklichen. Denn die Befunde der Strukturuntersuchungen in sechs ausgewählten Regionen zeigen, dass die Schulträger aufgrund der weitgehenden Auslastung der Schulgebäude kurzfristig kaum in der Lage sind, die erforderlichen räumlichen Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. 

Hinweis: 
    Verantwortlich für die Untersuchung zu Stand und Perspektiven der niedersächsischen Orientierungsstufe war eine aus den folgenden Personen bestehende Forschungsgruppe: Prof. Dr. Hermann Avenarius (DIPF/Frankfurt am Main), Dr. habil. Hans Döbert (DIPF/Berlin), Ministerialdirigent a.D. Georg Knauss (München), Prof. Dr. Horst Weishaupt (Universität Erfurt) und Prof. Dr. Manfred Weiß (DIPF/Frankfurt am Main). Das Gutachten wird allen Dialogpartnern zur Verfügung gestellt. Interessierte können es im Internet unter www.nibis.de abrufen. 

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