Abwerbungen von Lehrkräften   -  Doku des Stadtelternrates Hannover
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15.01.2001 Ost-Länder kämpfen gegen Abwanderung (dpa)
11.01.2001 Auf dem Arbeitsmarkt für Lehrer geraten die Kurse in Bewegung (FR)
Auf dem Arbeitsmarkt für Lehrer geraten die Kurse in Bewegung
Auf die Politik der Abschreckung folgt die Politik der Abwerbung / Über Prognosen, Perspektiven und Landtagswahlen

Von Karl-Heinz Heinemann

KÖLN. Gestern noch glaubten die KultusminsterInnen, Lehrern und Bewerbern für den Schuldienst alles zumuten zu können - Teilzeitarbeit,Gehaltsabsenkungen, befristete Verträge. Jeder fertige Lehrer, der sich nicht bewarb, entlastete die Statistik und das Gewissen. Dann schaltet die hessische Kultusministerin eine Anzeigenserie, in der sie Bewerber sucht, nur in den Mangelfächern, versteht sich, und die Stimmung kippt radikal: Wo bleiben sie denn, die heiß umworbenen Lehrkräfte? Nicht nur die Aktienkurse spielen verrückt. Auch der Lehrerarbeitsmarkt scheint von Irrationalismen, der Psyche der Nachfrager und der Publicity abhängig zu sein.

Im Schuljahr 1999/2000 zählte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft noch fast 40 000 nicht zum Zuge gekommene Bewerberinnen und Bewerber für den Schuldienst, rechnet man Doppelt- und Dreifachbewerbungen heraus, so bleibt noch ein Überhang von rund 25 000 ausgebildeten Lehrkräften. In
Nordrhein-Westfalen blieben 10 000 ohne Anstellung, in Hessen 4000, in Baden-Württemberg über 7000. Für 1900 Bewerber an baden-württembergischen Realschulen gab es 260 Stellen.

Und ein Jahr später scheint der Arbeitsmarkt leergefegt zu sein. Die Kultusminister können nicht mehr aus einer vollen Reserve schöpfen, sondern müssen per Anzeigen Lehrer aus dem laufenden Betrieb in anderen Bundesländern abwerben, wie die hessische Kultusministerin Karin Wolff. Volle Bezahlung, voller Job, Anerkennung im Bildungsland Hessen versprach sie, und über 2000 Lehrkräfte wählten die Wiesbadener Hotline an, vor allem aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, wie Ministerin Karin Wolff wohl nicht ohne Häme bemerkte. 110 werden demnächst sicher eingestellt, die ausgelobten 1000 Stellen werden also bei weitem nicht besetzt, denn natürlich sucht sie nur Bewerber in Mangelfächern.

Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Gabriele Behler reagierte prompt und beleidigt auf diese "Wildwestmethoden", wie sie sagte: Auf ihr Betrieben verurteilten alle 15 anderen Kultsminister den Versuch, Lehrerinnen und Lehrer mitten im Schuljahr in Nachbarländern abzuwerben. Denn bisher galt
die Vereinbarung, dass jemand, der in einem Land beschäftigt ist, nicht einfach in ein anderes Land wechseln kann. Das war nur über komplizierte Tauschverfahren möglich. Und noch heute ist es so, dass ein Bewerber aus Ostdeutschland sich in Baden-Württemberg peinlichen Befragungen und Zusatzprüfungen unterziehen muss, auch wenn er erst jüngst dort sein Referendariat absolviert hat.

Behler reagierte mit einer eigenen Anzeigenserie in Nordrhein-Westfalen und Hessen: Nicht nur 1000, nein, 2200 Lehrerinnen und Lehrer würden "überjährig" eingestellt, wie es so schön verständlich in der
Haushaltsexpertensprache heißt: mitten im Jahr, zum 1. Februar, statt zu Beginn des neuen Schuljahres. Für die besonders raren Berufsschullehrer schob sie noch zwei weitere Einstellungstermine nach. So können die Referendare, die jetzt fertig werden, gleich einen Job bekommen und müssen nicht mehr, wie es zur bisherigen Abschreckungsphilosophie gehörte, ein halbes Jahr Durststrecke überbrücken. Oder eben nach Hessen abwandern.

Dort bekommen junge Lehrer eine Beamtenstelle mit dem üblichen Studienratsgehalt der Stufe A13, während in Nordrhein-Westfalen die Stufenlehrer für die Sekundarstufe I, mit A12 anfangen müssen. Und zwischen den beiden Gehaltsstufen liegen nicht nur rund 500 Mark monatlich, sondern der Sprung aus der "gehobenen" in die eigentlich akademische "höhere" Laufbahn. A 12 bekommt man auch mit dem "Kombilehramt", also wenn man am Gymnasium auch in der Oberstufe unterrichten kann. So unterrichtet an einem Kölner Gymnasium ein Englischlehrer ausschließlich Oberstufenkurse in Englisch, ist Fachleiter in seinem Bereich und bekommt das A12-Gehalt. Nun bietet Gabriele Behler Anfängern in Mangelfächern - und Englisch gehört dazu, wieder den Einstieg mit A13 an. So wird unser Fachleiter demnächst junge Kollegen begrüßen können, die gut 500 Mark mehr als er verdienen.

Was immer die hessische Anzeigenkampagne tatsächlich an Neueinstellungen bringt - sie war der Auslöser dafür, dass nun die Kurse auf dem Lehrerarbeitsmarkt in Bewegung geraten. Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm hatte im Frühjahr 2000 eine detaillierte Arbeitsmarktstudie vorgelegt.
Seine Prognose damals: ab 2005 wird die Nachfrage nach Lehrern deutlich das Angebot übersteigen, freilich differenziert nach Schulformen. In den Berufschulen sieht es bedrohlich aus, das hatten auch schon die Kultusminister bemerkt. Für den Fachunterricht gibt es einfach keine Referendare mehr. Ein Bewerber werde sich eine unter vier Stellen aussuchen können, andersherum: Drei von vier Stellen können nicht besetzt werden. Kein Wunder - gehörte es doch zur Abschreckungsstrategie der letzten Jahre, die Referendarsbezüge weiter zu senken. Mit 1400 Mark netto steht sich ein Junglehrer schlechter als von ihm unterrichtete Lehrlinge, etwa bei Fachinformatikern oder Mediengestaltern, abgesehen davon, dass er als Ingenieur mit seinen Fachkenntnissen in einem Betrieb mehr als das Dreifache verdienen kann. Sonderschullehrer werden fehlen, auch bei Haupt- und Realschullehrern wird der Bedarf langfristig steigen, währen die beliebten gymnasialen Studiengänge, und dort vor allem die Geisteswissenschaften nach Klemms Prognose weiter mit mehr Bewerbern zu rechnen haben.

Dass der Mangel nun so plötzlich virulent wurde, hat auch Klaus Klemm etwas überrascht. Abgesehen von der Marktpsychologie brachten zwei unberechenbare Faktoren die Prognosen durcheinander: Es gibt ein Wahlversprechen in Hessen, eine Koalitionsvereinbarung in Nordrhein-Westfalen und es stehen
Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz an. Da ist man bereit, das Säckel schon mal etwas mehr zu öffnen und Einstellungen vorzuziehen, die sonst erst drei oder vier Jahre später angestanden hätten, meint Klaus Klemm. In Hessen beispielsweise hätte es einen Ersatzbedarf für
1700 Stellen gegeben. 600 zusätzliche Stellen hat die Regierung beschlossen.

Und dann kommt der zweite Faktor hinzu, der die Berechnungen durcheinander bringt: Die drohenden Versorgungsabschläge. Wer sich 2001 oder später vorzeitig pensionieren lässt, verliert bis zu neun Prozent beim Ruhegehalt gegenüber demjenigen, der schon 2000 in Pension ging. Da setzte ein Run auf
die Amtsärzte ein, und allein in Hessen ließen sich 1600 Lehrkräfte mehr als erwartet frühpensionieren. Beide Faktoren sind nicht dauerhaft. Die Pensionierungswelle kommt etwas früher als erwartet, wird aber auch früher wieder abebben.

Ausserdem gibt es Engpässe nur für Mangelfächer: Mathematik, Physik und Chemie, das war zu erwarten, Erdkunde und Biologie sind gut besetzt. Englischlehrer fehlen, Romanisten überhaupt nicht. Musiklehrer braucht man zwar nur wenige, aber auch die gibt es nicht mehr. Prognosen für einzelne Fächer und Fächerkombinationen ließen sich aber nicht methodisch zuverlässig erarbeiten, meint Klaus Klemm, und sie seien auch sich selbst widerlegend: da hieß es einmal in der Zeitung, es fehlten Hauswirtschaftslehrer. Im nächsten Semester saßen in seinem Anfängerseminar nur noch angehende
Ökotrophologinnen.

Die hessische "Abwerbekampagne" hat offenbar nicht nur in Nordrhein-Westfalen für Unruhe gesorgt. In Rheinland-Pfalz habe ein empörter Schulleiter bei der GEW angerufen - mitten im Schuljahr fehlen ihm
Lehrkräfte für seine Abiturkurse. Selbst in Sachsen-Anhalt entstehen Lücken. Im Osten weiß jeder, dass der Lehrerberuf überbesetzt ist, dass man erstens nur das 88-prozentige Ostgehalt bekommt, zweitens nur auf einer Zwangsteilzeitstelle von maximal 88 %, drittens nur in A 12 landet und viertens ohnehin nicht verbeamtet wird.

Junge Lehrkräfte, die noch mobil sind, nehmen gern die besser bezahlten Stellen im Westen, zurück bleiben diejenigen, die in einigen Jahren pensioniert werden, und so steigt das Durchschnittsalter der Lehrer im Osten schnell an, obwohl dort der Lehrkörper zunächst um einiges jünger war als im
Westen. Während im Westen 2005 wirklich Lehrermangel herrschen wird, werden ab 2010 auch im Osten wieder mehr Pädagogen gebraucht.

In den Studienseminaren Sachsen-Anhalts bleibt der zähneknirschend geöffnete "Einstellungskorridor" fast leer: nur rund 180 von 350 Referendarsstellen wurden besetzt. Für die Berufsschule ließen sich etwa 35 Junglehrer ausbilden, von denen blieben drei im Lande, meint Hans-Dieter Klein, der Pressesprecher der sachsen-anhaltinischen GEW.

Doch bei der GEW, vor allem im Osten, sieht man diese Entwicklung durchaus positiv. Warum plötzlich das Gezeter über Wildwest-Methoden? Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis - die Marktwirtschaft funktioniert nun auch einmal so herum. Bisher waren die Kultusminister gewohnt, einem Überangebot
von Lehrkräften ihre miesen Bedingungen diktieren zu können, Zwangsteilzeitverträge, befristete Anstellungen, abgesenkte Referendargehälter und lange Wartezeiten. Nun geht es andersherum, und die
qualifizierten Bewerber können sich die besten Angebote aussuchen - so what?

Doch dazu konnte es nur kommen, weil die Kultusminister vorher bewusst die Anstellungsbedingungen verschlechtert haben, jeder für sich hier das Stundendeputat erhöht, dort die Zwangsteilzeit oder nur noch befristete Anstellungen eingeführt hat. Nun könnten sie auf die neue Mangelsituation
marktwirtschaftlich reagieren: Und dem mit einem vollen A13-Gehalt nach Hessen gelockten Lehrer ein Angebot machen, das ihn zum Bleiben bewegt. Auch müsste der Lehrerberuf attraktiver werden, meinen die Lehrerverbandsvertreter aller Couleur, so auch das GEW-Vorstandsmitglied Marianne Demmer. Früher, in der Nachkriegszeit, habe es vielleicht noch gereicht, mit dem sicheren Arbeitsplatz in der Schule zu locken. Heute erwarten junge Leute einen Beruf, in dem sie auch eine Perspektive haben.

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Dokument erstellt am 10.01.2001 um 21:09:37 Uhr
Erscheinungsdatum 11.01.2001

dpa-Dienst für Kulturpolitik  03/2001  15.01.2001     Lehrer/Bundesländer
Ost-Länder kämpfen gegen Lehrer-Abwanderung
Schwerin (dpa) – Die ostdeutschen Bundesländer kämpfen gegen die Abwanderung von Lehrern in die alten Bundesländer, die mit höherer Besoldung und besseren Arbeitsbedingungen locken können. Die meisten Regierungen der Ost-Länder haben inzwischen auf Abwanderungen und Abwerbungsversuche insbesondere von Hessen reagiert und die Bedingungen für die Lehrer verbessert. Das ergab eine dpa-Umfrage bei den Bildungsministerien der ostdeutschen Länder. Bei der Lehrer-Verbeamtung bleiben die Landesregierungen aber zurückhaltend.
Lehrer in den neuen Ländern erhalten bislang nur 88,5 Prozent des Tarifgehaltes ihrer Kollegen im Westen. Zudem werden sie in aller Regel nicht verbeamtet. Viele können auch nicht die volle Stundenzahl unterrichten, weil nach dem drastischen Geburtenrückgang in den neuen Ländern seit der Wende häufig nur Teilzeitstellen angeboten werden. Gleichzeitig herrscht in einigen Fächern aber schon Lehrermangel, zum Beispiel in den Fremdsprachen Englisch und Französisch sowie Musik, Kunst und in der Sonderschulpädagogik.
Mit der Abwanderung von Lehrern in die alten Bundesländer haben bislang vor allem Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zu kämpfen. Nach den Worten von Schwerins Bildungsminister Peter Kauffold (SPD) wandern junge Lehrer nach Hamburg und Schleswig-Holstein ab. Da einige Fächer nicht mehr ausreichend besetzt werden können, hat das Land die Notbremse gezogen: Bei Neueinstellungen müssen sich die Lehrer nicht mehr bereit erklären, Teilzeit zu arbeiten. Zudem werden wieder unbefristete Arbeitsverträge angeboten. Eine Verbeamtung der Lehrer soll es aber nicht geben. Kauffold fordert dagegen eine zeitliche Festlegung für die Angleichung der Ost- an die Westgehälter.
In Brandenburg hatte bereits im vergangenen Jahr die kurzfristige Abwerbung von Lehrern durch Berlin für erheblichen Unmut gesorgt. Seit September seien rund 300 Lehrer abgewandert, räumte der Sprecher des Potsdamer Bildungsministeriums, Martin Gorholt, ein. Brandenburg zahle weiterhin Ost-, Berlin dagegen volles Westgehalt. Nach Angaben der Berliner Senatsverwaltung sollen in diesem Jahr 2 500 Lehrer eingestellt werden. Brandenburg will daher eine verbindliche Regelung, wonach Berlin künftig vor jeder Lehrer-Einstellung zu prüfen hat, ob der Bewerber noch in brandenburgischen Diensten steht. Zudem sollen Anreize geschaffen werden wie geringerer Anteil von Teilzeit, feste Anstellungen sowie Verbeamtungen.
In Sachsen-Anhalt sichert der Tarifvertrag den Lehrern die Arbeitsplätze bis 2003. Sachsen hat trotz größerer Entfernung auf die Kampagne Hessens reagiert und erlaubt nun die „Entfristung“ befristeter Verträge junger Lehrer. Das Land bevorzuge aber weiter den Angestelltenstatus, um flexibler mit Lehrern arbeiten zu können, sagte der Sprecher des Kultusministeriums, Steffen Große. Beide Bundesländer verbeamten ausschließlich Schuldirektoren. In Thüringen können sich nur diejenigen Lehrer verbeamten lassen, die sich an einem Teilzeitmodell beteiligen. Thüringen schickt seit Jahren Lehrer-Kontingente nach Hessen. Nach Ministeriumsangaben sollen die Pädagogen auch mit guten Schulausstattungen im Land gehalten werden.

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