NP  Sonnabend, 13.Januar 2001
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NP, 13.01.01
Bei Bildung liegt noch vieles im Argen
Experten fordern neue Initiativen und mehr Experimente an Schulen.
Bildungspolitik ist das Thema der Zukunft. Über die Zukunft der Bildung diskutierten Wissenschaftler, Politiker und Gewerkschafter auf einer Tagung in Cuxhaven.
CUXHAVEN. "Wie viel ist 43 minus 17,6?" Diese Frage war vor 30 Jahren für 13-jährige in deutschland keine harte Nuss. 95 Prozent der Schüler der siebten Jahrgangsstufe an Gymnasien und 91 Prozent der Kinder an anderen Schulformen haben diese einfache Rechnung 1964 gelöst.
1997 konnten nur noch 80 Prozent der Gymnasiasten und etwa jeder zweite Schüler einer Real- oder Hauptschule (57 Prozent) die richtige Antwort geben. Das ist das Ergebnis einer Vergleichsstudie vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, die auf der Tagung der niedersächsischen Bildungsvereinigung "Arbeit und Leben" vorgetragen wurde. Deutsche Schüler müssten heute ein Jahr länger zur Schule gehen, um die gleichen Leistungen zu erzielen wie die Siebtklässler 1964, erläuterte der Wissenschaftler Olaf Köller.
Im internationalen Vergleich sieht es laut der TIMSS-Studie (Third International Mathematics and Science Study) von Ende 2000 nicht besser aus: In de mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundbildung liegt Deutschland laut Köller "eher im Mittelmaß". An Haupt- und Realschulen würden Schüler ein Wissensniveau erreichen, dass nicht weit über dem Alltagswissen liegt.
Köller kritisierte, dass im Unterricht zu wenig experimentiert und zu viel frontal unterrichtet werde. "Ein intelligenter Unterricht würde zu besserem Verständnis führen", ist der Wissenschaftler sicher. Er mahnte gleichzeitig an, dass Schule auch Verantwortung für die Lebensperspektiven der jungen Leute habe. Sie müssten befähigt werden, Einstellungtests zu bewältigen. "Wer keine Routinefragen beantworten kann, kommt erst gar nicht in die berufliche Ausbildung", warnte Köller.
Der frühere Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Dieter Wunder, begrüßte es, dass Bildungspolitik wieder "in" ist und viel über Schule diskutiert werde. Aber statt über bildungspolitische Ziele zu reden, werde über Lehrermangel und Unterrichtsausfall beklagt. Wunder bezweifelte, dass Schule automatisch besser werde, wenn es mehr Lehrer gebe und keine Stunden mehr ausfallen.
Die SPD-Regierung von Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel hat dier Bildungspolitik zum Schwerpunkt gemacht. "Wir wollen das Schulwesen zukunftsfit machen und mit der Schulentwicklung auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen zu reagieren", erklärte Kultusstaatssekretär Göttrik Wewer.
Ziel sei Chancengleichheit und Leistungsorientierung. Er beklagte, es gebe zu wenig Ganztagsangebote. Stufenweise sollte erreicht werden, dass 70 Prozent aller Schüler an den Sekundarschulen auch nachmittags unterrichtet werden.
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Mehr Abiturienten
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Mit einer Neuorganisation der Schulstruktur sollen vor allem die Abiturientenquoten gesteigert werden, so Wever. Mit 25,9 Prozent pro Jahrgang liegt Niedersachsen unter dem Bundesdurchschnitt: In Baden-Württemberg erhalten 29,6 Prozent das Reifezeugnis, in Nordrhein-Westfalen 28,9 Prozent und in Hamburg 33,4 Prozent. Gabriel will den Anteil im Land sogar auf 40 Prozent erhöhen. Im internationalen Vergleich gar kein so ehrgeiziges Ziel. Wie der schwedische Bildungsexperte Bo Scharping berichtete, besuchen 95 Prozent der Schüler seines Landes nach der neunjährigen Gesamtschule die Gymnasialstufe. 59 Prozent von ihnen wechseln nach zwei Jahren auf die Universität. In Finnland sind es 58 Prozent, in Großbritannien  48 Prozent und in den USA immerhin noch 44 Prozent pro Altersjahrgang, die studieren. In Deutschland liegt der Anteil bei 28 Prozent.
Auf einen dramatischen Lehrermangel in den kommenden Jahren machte die GEW-Bundesvorsitzende Eva-Maria Stange aufmerksam: "Da stehen uns heftige Zeiten bevor." Im Jahr 2010 würden  100 000 Lehrkräfte pensioniert. Es werde Kollegien geben, in denen 50 Prozent der Beschäftigten ersetzt werden müsten, aber nicht genug Lehrernachwuchs vorhanden sei. Vor allem für den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich wird das laut Stange zum Problem.
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Kreativität fördern
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Den starren Zeitplänen erteilte die Gewerkschafterin eine Absage: "Wir müssen weg vom 45-Minuten-Unterricht. Er zerstört die Lernkompetenz." Auch sie sprach sich für mehr Gruppenarbeit sowie neue Lern- und Lehrtechniken aus. Neben den alten Kulturtechniken müssten Schüler technische und inhaltliche Medienkompetenz ("Jugendliche müsen lernen, Informationen auswählen zu können"), Sprachkompetenz ("Englisch ab der ersten Klasse") und Lernkompetenz ("Bereitschaft und Fähigkeit zum Lernen") erwerben.
Um jungen Menschen ihre Chancen auf einem schrumpfenden Arbeitsmarkt zu erhalten, müssten Kreativität, Teamfähigkeit und Mobilität gefördert werden, stellte Peter Haase, Geschäftsführer von VW-Coaching fest: "Lehrer müssen zu Vermittlern und Grenzgängern werden. Sie stehen an der Schwelle zu Ausbildungs- und Arbeitswelt."

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