| ZEIT, 14.10.2004 |
PISA-2004: Vierfach bestraft - Was die
Kultusminister ignorieren: Das gegliederte Schulsystem diskriminiert
Kinder aus der Unterschicht. Deshalb muss es schrittweise abgeschafft werden
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| HAZ, 22.11.2004 PISA-2004 |
PISA bestätigt:
Deutschland nur Mittelmaß Berlin/Hannover
(dpa). Bei der zweiten weltweiten Pisa-Schulstudie hat Deutschland erneut
schlecht abgeschnitten. Wie am Sonntag in Berlin bekannt wurde, landen
die deutschen Schüler in allen drei Testdisziplinen nur in der unteren
Hälfte der Leistungstabelle. Beim Schwerpunkt Mathematik konnten sie
sich um drei Plätze verbessern und belegen jetzt den 17. von 31 Rängen.
Beim Lesen und Textverständnis kommen sie dagegen nur auf Platz 20.
Drei Jahre nach der ersten Pisa-Studie bestätigt die Untersuchung:
In keinem anderen vergleichbaren Staat der Welt hängt der Schulerfolg
so stark von Einkommen und Vorbildung der Eltern ab wie in Deutschland.
Das deutsche Schulsystem versagt nach dem Fazit der Forscher bei der Förderung
von Arbeiter- und Migrantenkindern. Bei gleicher Begabung hat ein Akademikerkind
in Deutschland eine mehr als dreimal so große Chance, das Abitur zu
erlangen, als ein Facharbeiterkind.
Erschreckend hoch ist der Anteil so genannter Risikoschüler. Mehr
als 22 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland können der neuen
Pisa-Studie zufolge einfachste Texte nicht lesen und verstehen. In keiner
anderen Industrienation ist die Zahl der Schüler, die nur das unterste
Testniveau erreichen, so hoch wie in Deutschland. Offiziell werden die Ergebnisse
von der Kultusministerkonferenz und der OECD erst am 7. Dezember vorgestellt.
Beim diesjährigen Pisa-Schwerpunkt Mathematik zeigen deutsche Schüler
zwar mittelmäßige Leistungen, wenn es ums Grundrechnen geht. Bei
anspruchsvollen Aufgaben fallen sie jedoch zurück.
Das schlechte Abschneiden ist nach Ansicht von Niedersachsens Kultusminister
Bernd Busemann (CDU) nicht überraschend. „Bildungsergebnisse sind
Langzeitentwicklungen, die sich nicht von heute auf morgen sprunghaft verbessern
lassen“, sagte er am Sonntagabend in Hannover. Richtige Maßnahmen wie
die Einführung nationaler Bildungsstandards würden sich erst schrittweise
auswirken. |
| NP, 22.11.2004 PISA-2004 |
Deutschland hat kaum dazugelernt Wieder schlechte Noten bei Pisa-Test VON ALEXANDER DAHL HANNOVER. Note fünf, setzen! Erneut hat Deutschland in der internationalen Schülervergleichsstudie Pisa schlecht abgeschnitten – allerdings nicht mehr ganz so katastrophal wie noch in der Erstauflage des Tests im Jahr 2001. Dies wurde bereits gestern bekannt, obwohl die Studie offiziell erst am 7. Dezember veröffentlicht wird. Geprüft wurden diesmal 15-jährige Schüler in 31 Ländern. Beim Lesen und Textverständnis schaffte es Deutschland nur auf Platz 20; 2001 war es Platz 21. Im Bereich Mathematik konnten sich die deutschen Schüler immerhin auf Rang 17 vorschieben. Vor drei Jahren waren sie noch drei Plätze schlechter. In der Kategorie Naturwissenschaften schnitten die Pennäler am besten ab: Platz 16, nach dem 20. Platz im Jahr 2001. Erschreckend: Rund 22 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland können selbst am Ende ihrer Schulausbildung selbst einfachste Texte nicht lesen und auf dem Niveau der Grundschule rechnen. Und: In keinem anderen Land hängt die Schulkarriere mehr von der Herkunft ab als in der Bundesrepublik. Je besser die Eltern gebildet sind, desto eher macht ein Kind hier zu Lande Abitur. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) zeigte sich im NP-Gespräch „wenig überrascht“ über die neuen Pisa-Ergebnisse. „Bildung verbessert sich nur langfristig, nicht sprunghaft innerhalb so weniger Jahre.“ Wichtig sei, dass Pisa II nicht von Ideologen missbraucht werde, um neue Schulstrukturdebatten anzuzetteln. „Wir brauchen jetzt mehr frühkindliche Bildung, ein Bekenntnis zu mehr Leistung an den Schulen und mehr individuelle Förderung“, so Busemann.. |
| NP, 22.11.2004 PISA-2004 |
Bildung in Not Kein heilsamer
Schock Von Ulrich Neufert
Wieder nur Mittelmaß. Die zweite Pisa-Schulstudie, die jetzt in
groben Zügen bekannt wurde, beweist besonders eins: Gut Ding will Weile
haben. Niemand durfte annehmen, dass die 15-Jährigen in Deutschland
zwei Jahre nach dem ersten verheerenden Test plötzlich Glanzleistungen
vorweisen würden. Die Zeit zwischen den beiden Erhebungen war viel zu
kurz, um messbare Unterschiede vorweisen zu können.
Das ist jedoch kein Grund, die weltweite Schulstudie zu kritisieren.
Die Schulforscher belegen durch ihre Ergebnisse, dass die ersten Pisa-Erkenntnisse
keine einmaligen Momentaufnahmen waren, sondern gesichert sind. Deutschland
kann der Einsicht nicht entkommen, dass es sich zu lange schwerwiegende Defizite
in der schulischen Bildung seiner Kinder geleistet hat. Und es wird noch
einmal in aller Deutlichkeit auf zwei Tatsachen gestoßen: Unser
Schulsystem begünstigt eindeutig Kinder, die aus guten sozialen Verhältnissen
stammen und Deutsche sind. Man könnte darüber mit den Achseln
zucken und sagen, das war schon immer so. Aber wer das tut, ignoriert den
Druck der Probleme in unserem Land. Im wohlverstandenen eigenen Interesse
kann es sich unsere schrumpfende, älter werdende Gesellschaft nicht
leisten, Talente der nachwachsenden Generationen brachliegen zu lassen. Nicht
bei den Kindern deutscher Familien und auch nicht bei Kindern aus Familien
mit anderer ethnischer Herkunft.
Bildung sichert nicht nur die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes, sondern
sie ist ein direkter Beitrag zur inneren Sicherheit unserer Gesellschaft.
Sie ist der Schlüssel zur Integration der Kulturen, die in Deutschland
existieren. Kein ernsthafter Politiker wird diesem Satz widersprechen. Das aber ändert wenig: Schule, Ausbildung und Universitäten sind unterfinanziert geblieben. Richtig heilsam war bisher noch kein Pisa-Schock... |
| NP, 22.11.2004 PISA-2004 |
Miese Noten in Mathematik Deutschland beim zweiten SCHÜLERTEST wieder nur Mittelmaß. Kinder von Arbeitern und Ausländern zu wenig gefördert. Forscher kritisieren Schulstruktur. Egal, ob Lesen, Schreiben, Rechnen: Deutschlands Schüler bleiben international nur Mittelmaß. Das ergab die zweite Pisa-Studie. VON K.-H. REITH, A. DAHL UND N. ROSENBERGER BERLIN. Die Spannung war groß. In einigen Bundesländern wurden auf Anordnung der Ministerien monatelang vor der Untersuchung Pisa-Aufgaben aus dem ersten Test intensiv geübt. Es hat nicht viel genutzt. Auch beim zweiten großen Schulleistungstest landeten die Deutschen unter ferner liefen. Beim aktuellen Pisa-Schwerpunkt Mathematik zeigten die geprüften 50 000 deutsche Schüler zwar mittelmäßige Leistungen beim Grundrechnen. Bei anspruchsvollen Aufgaben in Wahrscheinlichkeitsrechnen oder Geometrie fielen sie jedoch zurück. Nach dem Pisa-Schock bei der ersten Veröffentlichung im Dezember 2001 hatten die Kultusminister einen Katalog von Sofortmaßnahmen auf den Weg gebracht. Über mehr frühkindliches Lernen waren sie sich schnell einig. Ideologischen Streit gab es dagegen schon um mehr Ganztagsschulen, mit denen sich einige Unionsländer zunächst schwer taten. Der Bund greift den Ländern dabei bis 2007 mit vier Milliarden Euro unter die Arme. Die von den Kultusministern in diesem Jahr vereinbarten bundesweiten Bildungsstandards zur Unterrichtsverbesserung konnten beim zweiten Pisa-Test natürlich noch nicht greifen. Kaum jemand hatte deshalb bessere Leistungsergebnisse erwartet. Was aber die Wissenschaftler erneut alarmiert: In keinem anderen vergleichbaren Industrieland der Welt hängt der Schulerfolg so stark von Einkommen und Vorbildung der Eltern ab wie in Deutschland. Immer deutlicher zeigt sich, dass dies eine Folge der frühen Selektion von Zehnjährigen auf die unterschiedlichen Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist. Kein anderes Land weltweit sortiert die Kinder so früh. Das deutsche Schulsystem versagt nach dem Fazit der Forscher bei der Förderung von Arbeiter- und Migrantenkindern. Bei gleicher Begabung hat ein Akademikerkind in Deutschland eine mehr als dreimal so große Chance, das Abitur zu erlangen, als ein Facharbeiterkind. Erschreckend hoch ist der Anteil der Risikoschüler. Mehr als 22 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland können laut der neuen PISA-Studie einfachste Texte nicht lesen und verstehen sowie selbst am Ende ihrer Pflichtschulzeit allenfalls auf Grundschulniveau rechnen. In keiner anderen großen Industrienation ist die Zahl der Schüler, die nur das unterste Testniveau erreichen, so hoch wie in Deutschland. Beim ersten Pisa-Test waren dies 22,6 Prozent. Für Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) zeigt Pisa II denn auch den „enormen Handlungsbedarf im deutschen Schulwesen“. So sei die frühkindliche Förderung in den Kitas zu verbessern und der Sprachunterricht für Migrantenkinder auszuweiten. „Außerdem müssen Kinder aus sozial schwachen Familien besser gefördert werden“, so Busemann, der ab August 2005 allen 3500 Schulen in Niedersachsen vorschreibt, für jeden Schüler einen individuellen Förderplan zu führen. Sein Appell an die Finanzpolitik: „Klar ist, dass bessere Bildung nicht zum Nulltarif zu haben ist.“ Erwartet wird nun, dass Pisa II wieder eine Diskussion um die Schulstruktur entbrennen lässt. Die meisten SPD-Kultusminister fürchten einen Kulturkampf in Deutschland um die Gesamtschule – wenn auch weltweit die Kinder in allen Pisa-Siegerstaaten acht bis zehn Jahre gemeinsam in einer Schule lernen. Pisa jedenfalls hat die Mär von der Überlegenheit des deutschen, gegliederten Schulwesens gründlich widerlegt... |
| NP, 22.11.2004 PISA-2004 |
41 Nationen beim Leistungstest dabei Darunter 50 000 deutsche 15-Jährige Die Abkürzung Pisa steht für „Programme for International Student Assessment“. 41 Nationen nahmen am Schulleistungstest teil – darunter alle 30 in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammengeschlossenen Industriestaaten. Für das Ranking wurden die 31 Staaten herangezogen, die auch beim ersten Test dabei waren. In Deutschland wurden im Frühjahr 2003 rund 50 000 Schüler im Alter von 15 Jahren getestet. Schwerpunkt war Mathematik. Beim ersten Mal standen Lesen und Textverständnis im Vordergrund. Pisa untersucht nicht nur das Wissen, sondern auch die Fähigkeit, dieses bei der Lösung lebensnaher Aufgaben anzuwenden. Zudem werden familiärer, sozialer und schulischer Hintergrund der Schüler erfasst sowie Zusatzdaten erhoben über Motivation, Lernmethoden und Unterstützung durch die Lehrer. dpa. |
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