PISA Einwandererkinder
 
HAZ, 16.05.2006 In Deutschland geboren, kein Deutsch gelernt
Neue Pisa-Auswertung: Die zweite Generation von Einwandererkindern hat größere Probleme in der Schule als die erste

Von Jörg Kallmeyer Hannover. So ändern sich die Zeiten: Als Ende 2001 die erste Pisa-Studie über die Lage in den deutschen Schulen vorgestellt wurde, machten die Experten um das Thema „ausländische Kinder“ einen großen Bogen. Man müsse sich vor Diskriminierungen hüten, hieß es damals.
Heute ist Integration das große Thema der Gesellschaft – und Präsentationen von Schulstudien klingen ganz anders: Die Bildungsforscher der OECD, die den Pisa-Test verantworten, legten gestern in Berlin eine Sonderauswertung ihrer Daten ausschließlich über die Schulergebnisse von Ausländerkindern vor. Dass die Kinder von Einwanderern in Deutschland besonders schlechte Zukunftsaussichten haben, überrascht inzwischen nicht mehr. Es hat sich herumgesprochen, dass das deutsche Schulsystem bei der Förderung von Migrantenkindern versagt. Aufhorchen lässt ein anderer Befund aus den Daten des Jahres 2003: Besondere Probleme haben nicht unbedingt die Jungen und Mädchen von Einwanderern, die gerade nach Deutschland gekommen sind. Schwierigkeiten bekommen eher diejenigen, die schon in Deutschland geboren sind. „Die zweite Generation kann deutlich schlechter lesen und rechnen als die erste Generation“, sagt die OECD-Bildungsforscherin Barbara Ischinger. In den anderen Industrieländern – und vor allem in den klassischen Einwanderernationen – ist es genau umgekehrt. Dort verbessern sich die Schulleistungen bei den Kindern im Laufe der Zeit. In Kanada zum Beispiel sind die Leistungen der 15-Jährigen aus der zweiten Generation ihren Altersgenossen aus Deutschland um gut drei Schuljahre voraus.
Allerdings: Pisa ist keine Langzeitstudie, sondern eine Momentaufnahme. So stammen die getesteten Kinder der ersten Generation vor allem aus Aussiedlerfamilien aus Osteuropa – die Kinder der zweiten Generation dagegen aus türkischstämmigen Familien. Hier gibt es ein besonderes Integrationsproblem.
Die Politik bemühte sich gestern eher müde um eine Antwort. Man habe in jüngster Zeit mit Sprachtests und Deutschkursen schon vor der Schule nachjustiert, hieß es bei der Kultusministerkonferenz (KMK). Nach den neuen Pisa-Ergebnissen aber steht die Frage im Raum, ob diese Bemühungen ausreichend sind. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte eine „Gesamtstrategie“ von Bund und Ländern an und ließ die Bereitschaft erkennen, über eine Neuauflage des Ganztagsschulprogramms zu verhandeln. Einig sind sich alle Parteien, dass die Sprachförderung schon im Kindergarten verbessert werden muss. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) forderte, ausländische Eltern, die ihre Kinder nicht an Deutschkursen teilnehmen ließen, müssten künftig „mit staatlichen Konsequenzen“ rechnen.

 
NP, 16.05.2006 Scheitern programmiert
Einwandererkinder haben in Deutschland geringere Bildungschancen - Ungerecht und ausländerfeindlich: Schon wieder gibt es schlechte Noten für das deutsche Schulsystem.

VON MICHAEL GRÜTER
BERLIN. Alarmierende Ergebnis einer neuen Vergleichsstudie der Organisation der Industrienationen (OECD): Kinder von Zuwanderern haben es in deutschen Schulen und Kindergärten schwerer als in den Bildungseinrichtungen anderer Industrieländer.
Besonders ein Befund wird auf dem Integrationsgipfel für Kopfzerbrechen sorgen, zu dem die Bundesregierung noch vor der Sommerpause einladen will. Im Gegensatz zu den meisten Vergleichsländern verstärken sich hier zu Lande die schulischen Misserfolge mit der Aufenthaltsdauer von Zuwandererfamilien.
Kinder ausländischer Eltern, die in Deutschland geboren wurden, schneiden noch schlechter ab als Kinder, die erst ins Land gekommen sind. Von den hier geborenen Migrantenkindern erreichen 47 Prozent nicht einmal Grundkenntnisse in Mathematik. Der Leistungsrückstand beträgt im Durchschnitt zwei Schuljahre. Besonders betroffen sind Kinder türkischer Einwanderer. Hier macht der Rückstand drei Schuljahre aus. Kindern, die im Ausland geboren wurden, fehlen zu einem Drittel die für die berufliche Integration unerlässlichen Basiskenntnisse. Nur in Dänemark und in Teilen Belgiens ist ein ähnliches Phänomen zu beobachten. In allen anderen fünfzehn untersuchten Ländern wachsen die Bildungschancen, je länger die Einwanderung zurückliegt.
Bei der Untersuchung handelt es sich um eine Sonderauswertung der Pisa-Studie von 2003. Sie räumt mit einigen vorschnellen Urteilen auf. Der mangelnde Schulerfolg ist nicht auf eine geringere Motivation zurückzuführen. Kinder von Migranten zeigen im Vergleich zu deutschen Kindern eine zumindest gleiche, wenn nicht sogar höhere Lernbereitschaft. Keinen Einfluss auf den Schulerfolg hat auch der Anteil von Migrantenkindern. Auch ein hoher Ausländeranteil steht dem Schulerfolg nicht im Wege. Schließlich kann der oft geringere Bildungsgrad der Zuwanderer das schlechte Abschneiden ihrer Kinder nur zum Teil erklären.
Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) hält die Ergebnisse für besorgniserregend. Die frühe Integration von Kindern sei eine Herausforderung für das deutsche Bildungssystem. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer setzt sich für eine systematische Sprachförderung vom Kindergarten über die Schule bis zur Berufsausbildung aus. Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) meint, bei der Integration sei „durch die absurde Debatte, ob Deutschland Einwanderungsland ist oder nicht, ein Jahrzehnt verschenkt“ worden.

 
NP, 16.05.2006 Kanada kriegt es viel besser hin
Eine gezielte Sprachförderung ist der beste Weg zu größerem Lernerfolg von Zuwandererkindern. Darauf machte die Leiterin des OECD-Bildungsdirektorats Barbara Ischinger aufmerksam.

Länder mit klar strukturierten Sprachprogrammen wie Kanada, die USA oder Schweden haben dadurch erheblich weniger Problemfälle. In Kanada verlassen nur rund zehn Prozent der Schüler die Schule ohne mathematische Grundkenntnisse. Dort schneiden Zuwandererkinder aus der zweiten Generation sogar besser als einheimische Zöglinge ab.
In den klassischen Einwanderungsländern Australien, Neuseeland und wieder Kanada sind die schulischen Leistungsunterschiede zwischen Zuwanderern und Einheimischen am geringsten. Aber auch im Nachbarland Schweiz gelingt es recht gut, Kindern türkischer Eltern zu Schulerfolgen zu verhelfen. Bei frisch zugewanderten Familien liegt die Quote der Problemfälle ähnlich hoch wie in Deutschland, bei einem Drittel. Bei der nachfolgenden Generation haben die Schweizer im Vergleich zu Deutschland nur halb so große Probleme. mg