PRIVATSCHULEN - Dokumentation des Stadtelternrates Hannover
 
HAZ, 16.05.2008 Die Flucht in die Privatschule

Von Michael M. Grüter und Bärbel Hilbig
Berlin. Vor drei Jahren startete Berlins erste zweisprachige private Ganztagsschule, die "Berlin Metropolitan School" (BMS) mit achtzehn Schülern
. Nun tummeln sich dreihundert Kinder in dem renovierten Plattenbau in Berlin Mitte. Der Unterricht in der Grundschule wird auf Deutsch und Englisch erteilt. Kleine Klassen mit maximal 20 Schülern, Lehrer, die sich regelmäßig in- und außerhalb der Schule fortbilden: das Konzept kommt an.
Die Privatschulen erleben seit Jahren einen Boom.
892 000 Schüler an katholischen, evangelischen Bildungseinrichtungen, Waldorfschulen oder rein kommerziellen Bildungsstätten zählte das Statistische Bundesamt im Schuljahr 2006/2007. Das ist gegenüber 1992 ein Zuwachs von 63 Prozent. Jeder 14. Schüler kehrt bundesweit dem staatlichen Bildungswesen den Rücken, bei den Gymnasiasten ist es schon jeder zehnte. Die Quote unterscheidet sich stark von Bundesland zu Bundesland. Niedersachsen liegt mit 8,8 Prozent (jeder elfte Gymnasiast) fast im Trend, wie auch Hessen mit 10,8 Prozent. Im benachbarten Nordrhein-Westfalen ist jeder sechste Gymnasiast Privatschüler (16,5 Prozent), in Schleswig-Holstein nur jeder fünfzigste (zwei Prozent).
In der Region Hannover gibt es 13 Privatschulen ganz unterschiedlicher pädagogischer Ausrichtung.
Ein elitäres Angebot für die Kinder besser gestellter Eltern bieten bisher keineswegs alle. Bis Ende der siebziger Jahre bestanden zwei katholische und zwei von drei Waldorfschulen. Seit 1989 setzte ein Gründungsboom ein: Eine evangelische Gesamtschule, ein kleines Gymnasium, ein handwerklich ausgerichtetes Angebot für Jugendliche mit Schulschwierigkeiten, drei kleine Montessori-Schulen, ein Gymnasium mit Förderangeboten für Einwandererkinder kamen hinzu. Die englischsprachige Internationale Schule richtet sich an Familien, die nur einige Jahre in Deutschland leben. Neu startet im August eine Phorms-Grundschule mit bilingualem Ganztagsunterricht. In anderen Städten wurde das Projekt bald mit Anmeldungen überrannt.
Das Schulgeld bei der Berliner BMS von monatlich durchschnittlich 400 Euro schreckt nicht ab
. Schulleiterin Cornelia Donner kann auf Wartelisten zurückgreifen. Im nächsten Schuljahr wird die Mittelschule mit den Jahrgangstufen fünf bis acht eröffnet. Im Jahr 2012 soll die BMS mit dem deutschen Abitur oder dem "International Baccalaureate Diplom" abgeschlossen werden können.
Die meisten Kinder kommen aus wohlsituiertem Elternhaus.
Ärzte, Unternehmer, Diplomaten und Politiker entscheiden sich nicht nur für das pädagogische Angebot, sie entscheiden sich auch gegen die öffentliche Schule. Unterrichtsausfall, in Elterneinsatz renovierte Klassenräume: Jahre knapper öffentlicher Kassen haben hässliche Spuren im staatlichen Bildungswesen hinterlassen. Schlechte Pisa-Ergebnisse sorgten für zusätzlichen Schub. Dabei ergaben Untersuchungen, dass sich staatliche Schulen im Vergleich mit Privatschulen bei Pisa sehen lassen können, wenn man "leistungsrelevante Merkmale" wie soziale Herkunft und Migrationshintergrund herausrechnet.
Berlin ist eine ehrliche Stad
t. Auf dem Internetportal des Bildungssenators lassen sich Schulporträts aller Schulen finden. Nicht nur die PC-Ausstattung und die Lehrer werden aufgelistet, auch die Quote von Schülern nichtdeutscher Herkunft wird auf die Kommastelle genau ausgewiesen. Im Jahr 2010 werden bundesweit die Hälfte der Neugeborenen Migrationshintergrund haben. In Berlin wird die Quote bereits jetzt an vielen Schulen weit übertroffen. Da kristallisieren sich rasch beliebte und weniger beliebte Schulen raus. Die Behörde reagiert mit Zuweisung von Schülern in "Problembezirke".
Für die wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten gab das den Ausschlag:
"Uns wurde nicht die nächstgelegene Schule zugeteilt, sondern natürlich eine Schule, wo man gerne durchmischen möchte und man hat uns dorthin - na, ich will mal fast sagen - zwangsvermittelt." Sie tauschte für ihr Kind die Sprachenvielfalt im Wedding gegen die bilinguale Erziehung bei der BMS in Berlin Mitte.
Der Abgang eines Teils der bildungsorientierten Elternschaft verändert das öffentliche Schulwesen.
Die staatlichen Schulen "brauchen eigentlich gerade diese Eltern, die sagen, wir wollen eben einen bestimmten Standard. Und die sich auch dagegen wehren würden, wenn der Standard unterschritten würde", skizziert die stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer, eine Negativspirale. Über zwei Jahrhunderte lang prägte das öffentliche Schulwesen Kultur und Gesellschaft in Deutschland. Diese Institution gerät ins Wanken.

Raus aus der Nische: Privatschulen wie die Waldorfschule in Hannover boomen. Schmidt
 
HAZ, 16.05.2008 Abends schließt sich der Zaun: Behütetes Wohnen in Berlin

Von Stefan Koch
Berlin. Das Besondere ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Die französischen Fenster, die bis zum Fußboden reichen, sind ein erstes Indiz.
Auch die großzügigen Dachterrassen und Balkone zeigen an, dass an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain die Wohnqualität steigt. Hier, wenige Schritte vom Volkspark entfernt, etabliert sich die neue Mittelschicht Berlins.
Die jungen Familien, die es geschafft haben, geben sich dezent.
Vor den Türen stehen keine schweren Luxuslimousinen, messingfarbene Klingelschilder sind verpönt. Es herrschen die Farben Weiß und Grau vor - fast so, wie in anderen gehobenen Berliner Kiezen. Aber eben nur fast.
Die Gehwege der Siedlung "Prenzlauer Gärten" sind akkurat gefegt
und Graffiti-Schmierereien mögen in der weiteren Umgebung zu finden sein, aber nicht hier, wo diejenigen wohnen, die gern ein bisschen beschauliche Idylle inmitten der Großstadt leben möchten. Eine Art Mikro- im Makrokosmos der Großstadt, im Architekten-Slang "Town House"-Siedlung genannt. Dass der Innenhof trotz letzter Bauarbeiten bereits so gepflegt ist und der Lärmpegel recht niedrig erscheint, liegt wohl auch am Metallzaun, der bei Einbruch der Dämmerung geschlossen wird.
Dennoch sind die "Prenzlauer Gärten" keine "Gated Communities", wie die streng bewachten Siedlungen in den USA und Lateinamerika heißen
. Hier herrscht kein lückenloses Kontrollsystem, das sogar Tagesmütter und Großeltern überprüft, die auf die Kleinen aufpassen wollen. Die Deutschen ziehen unauffälligere Methoden vor, den Großstadtalltag außen vor zu lassen. So spricht der Hausmeister Fremde freundlich an, denen er das erste Mal auf dem Gelände begegnet. Und der Zaun lässt sich zwar von Hartnäckigen überwinden, bleibt aber ein eindeutiges Signal: Wer hier wohnt, wünscht Distanz.
Die Abgrenzung kostet die gehobene Mittelschicht im Schnitt 2500 Euro plus X pro Quadratmeter und ist in erster Linie bei Zugereisten populär.
Unter Urberlinern, die mit der Kneipe um die Ecke aufgewachsen sind, findet das behütete Wohnen kaum Resonanz. Eine junge Mutter, die an diesem Donnerstag ihrer vierjährigen Tochter beim Spielen im Innenhof zuschaut, erzählt von ihrem neuen Zuhause: "Eigentlich ist es eine wunderbare Mischung aus Stadtleben und Dörflichkeit, so wie ich es in meiner Kindheit erlebt habe. Wenn ich keine Zeit habe, kann die Kleine auch mal alleine im Sandkasten buddeln", erzählt die 30-Jährige, die aus Heilbronn stammt. Eigentlich kennt sich die Neuberlinerin in ihrem Stadtteil noch gar nicht so richtig aus. Aber "das Gefühl" sage ihr, dass es wohl besser sei, wenn nicht jedermann ihren Hinterhof betreten könne. Eine Einschätzung, die vor allem von denjenigen geteilt wird, denen die Metropole noch fremd erscheint.
In den neunziger Jahren wurde über diese neue Wohnform ganz anders gesprochen
. Damals öffnete in Potsdam Deutschlands erste bewachte Appartement- und Villensiedlung, die "Arcadia". Wütende Leserbriefe in den örtlichen Zeitungen und diverse Nachfragen bei den Versammlungen der Stadtverordneten zeigten an, dass dieses "Getto der Reichen" nicht gern gesehen ist.
Der Ärger von damals hat sich gelegt, vielleicht auch, weil sich die "Arcadia"-Immobilien zunächst nur schleppend verkauften. Das Modell vom Wohnen hinter Mauer und Zaun gilt hier zu Lande offenbar als unattraktiv. Eins zu eins lassen sich die "Gated Communities" nicht auf Deutschland übertragen - dafür funktionieren die öffentlichen Dienstleistungen noch zu gut.
Die Pforte ist neben einer Umzäunung oder Mauer das Merkmal, das eine Siedlung zu einer Gated Community macht. In Kalifornien leben mittlerweile rund vierzig Prozent der Menschen in privaten, bewachten Wohnanlagen.
Meist sind ihre Bewohner weiß, sie gehören der Mittel- oder Oberschicht an, schätzen den Wert des Eigentums und fühlen sich vom Staat nicht in ausreichendem Maße geschützt.
Dass hinter den schönen Fassaden keine permanente Partystimmung herrscht, sondern eher Zukunftsängste die Runde machen, ist vielen Berlinern spätestens seit dem vergangenen Herbst bewusst
. In der Schaubühne wurde das Stück "Im Ausnahmezustand" aufgeführt: Eine Familie, die seit Jahren in einer "Gated Community" am Rande einer Großstadt lebt, fühlt sich zunehmend durch eine unsichere Außenwelt bedroht. Die Situation eskaliert, als der Ehemann seinen Job zu verlieren scheint und die Gefahr besteht, dass die Familie den abgeschirmten Raum verlassen muss. Ein Leben in Angst - zusammengefasst in zwei bedrückenden Stunden. Das Kammerspiel zeigte vielen Theaterbesuchern, wie der schützende Zaun der Siedlung zur Mauer eines inneren Gefängnisses wird - eine Metapher für die Abstiegsängste der Wohlstandsgesellschaft.
Das Theaterstück des Regisseurs Falk Richter mag zugespitzt sein
. Die Tendenz gilt als unstrittig: "Natürlich hat die Angst vor dem sozialen Abstieg die Mittelschicht erreicht", sagt der Soziologe Jan Wehrheim, der an der Universität Oldenburg über das Stadtleben forscht. Die zunehmende soziale Polarisierung habe Spuren hinterlassen. So macht Wehrheim die Beobachtung, dass diese Sorgen zu einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis führen würden: "Wer um seine Rente oder seinen Arbeitsplatz zittert, steigert sich schnell in eine Angst vor Raub und Diebstahl hinein." Das sei eine Art "Umkodierung". Die Angst vor einer zu großen Nähe zu der vermeintlich kriminellen Unterschicht bringe eine Kultur des Nichtberührens hervor. Man gehe lieber auf Distanz. "Im Vergleich zu den europäischen Nachbarn ist diese Tendenz in Deutschland noch schwach ausgeprägt", sagt Wehrheim, "aber sie steigt."

Abschluss mit Talar und Doktorhut, jenseits staatlicher Lehrpläne: Graduiertenfeier an der Internationalen Schule in Hannover im Jahr 2006. Surrey