Bildungspolitik/SPD/Schulzeit
dpa-Dienst für Kulturpolitik 49/2000 04.12.2000
SPD: Für
gute Schüler Abitur künftig nach zwölf Jahren
Potsdam (dpa) – Die SPD-geführten
Bundesländer wollen begabten Schülern künftig bundesweit
das Abitur bereits nach zwölf Schuljahren ermöglichen. Eine generelle
Verkürzung der Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre für alle
Schüler lehnen sie jedoch wegen des individuell unterschiedlichen
Lerntempos ab. Darauf verständigten sich die SPD-Schulminister und
die bildungspolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktionen am 24./25.
November bei einem Treffen in Potsdam.
Durch die Verkürzung um ein
Jahr dürfe auf keinen Fall die Qualität des Abiturs gesenkt werden,
sagte der SPD-Bildungssprecher, der rheinland-pfälzische Bildungsminister
Jürgen Zöllner. Auch dürfe die Zahl der Abiturienten nicht
vermindert werden, weil durch das schnellere Lerntempo nicht alle folgen
könnten. Die Bundesrepublik brauche angesichts des Fachkräftemangels
und des Trends auf dem Arbeitsmarkt zu immer höherer Qualifikation
nicht weniger sondern „deutlich mehr Abiturienten“.
Für die leistungsstarken Schüler
– Zöllner sprach von etwa 20 Prozent eines Jahrgangs – soll in allen
SPD-Bundesländern nach dem Beschluss ein „flächendeckendes“ Angebot
für das Abitur nach zwölf Jahren geschaffen werden. Dies könne
mit „Schnellläuferklassen“ geschehen, die bereits in Rheinland-Pfalz
und in einigen anderen Ländern parallel zu den 13-jährigen Bildungsgängen
eingerichtet wurden, oder durch erleichtertes Überspringen der elften
Klasse – wie in Nordrhein-Westfalen. Die elfte Klasse dient in der Regel
vor allem der Orientierung für Überwechsler von der Haupt- und
Realschule zum Gymnasium und der Wiederholung des zuvor in der Mittelstufe
gelernten Stoffes.
Gleichzeitig wollen die SPD-Länder
durch bessere Abstimmung zwischen Abiturtermin, Bundeswehreintritt oder
Studienstart unnötige „Leerzeiten“ für die jungen Menschen vermieden.
In Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und künftig auch in Berlin ist
ohnehin nur noch eine zwölfeinhalbjährige Schulzeit bis zum Abitur
vorgesehen. Die Schulentlassung erfolgt dort rechtzeitig Ende März.
Durch ein solches Konzept könne besonders leistungsstarken Schülern
das Abitur sogar schon nach elfeinhalb Jahren ermöglicht werden, sagte
Zöllner.
Solche „flexiblen Lösungen“
bei der Schulzeit seien besser als die „apodiktische Entscheidung für
zwölf oder für 13 Jahre“, sagte Zöllner. Zudem werde durch
die starre Festlegung auf zwölf Jahre das Überwechseln von guten
Haupt- und Realschülern zum Gymnasium erschwert und „damit die Durchlässigkeit
des gegliederten Schulsystems in Frage gestellt“.
Nach dem Schulzeit-Beschluss der
Kultusminister von 1995 wird ein Abitur bundesweit dann anerkannt, wenn
von der fünften Klasse bis zur Reifeprüfung mindestens 265 Unterrichts-Wochenstunden
erteilt worden sind. Als einzige Bundesländer hatten Sachsen und Thüringen
nach der Wende an der in der DDR üblichen Schulzeit von zwölf
Jahren bis zum Abitur festgehalten. In jüngster Zeit waren aus der
Wirtschaft und auch aus der CDU wiederholt Rufe nach einer generellen Schulzeitverkürzung
laut geworden. In dem neuen CDU- Bildungsprogramm, dass Mitte November
in Stuttgart verabschiedet wurde, wird die flächendeckende Einführung
von zwölfjährigen Bildungsgängen gefordert.
Neue Diskussion
in Sachsen-Anhalt
Unterdessen löste der Beschluss
der SPD-Bildungspolitiker in Sachsen-Anhalt eine neue Diskussion um die
Schulzeit aus. CDU und auch die nicht im Landtag vertretene FDP forderten
am 27. November eine Rückkehr zum Abitur nach zwölf Jahren. Die
Entscheidung für ein Abitur nach 13 Jahren auch in Sachsen-Anhalt
sei ein schwerer Fehler und führe das Land in die bildungspolitische
Isolation, sagte die CDU-Politikerin Eva Feußner. Kultusminister
Gerd Harms müsse sich nun dazu äußern, ob er so genannte
Schnellläuferklassen unterstütze. FDP-Landeschefin Cornelia Pieper
plädierte für ein generelles Abitur nach zwölf Jahren, schließlich
sei das auch in anderen Ländern möglich. Auch ein „sozialdemokratischer
Mischmasch“ aus zwölf und 13 Jahren führe nicht weiter.
Die Sprecherin Harms, Brigitte Deckstein,
sagte dazu, die Linie Sachsen-Anhalts sei auf der Konferenz voll bestätigt
worden. Wenn der zurzeit an einigen Schulen laufende Modellversuch „13
kompakt“, also das Abitur nach zwölfeinhalb Jahren, erfolgreich verlaufe,
könne es in einigen Jahren flächendeckend umgesetzt werden. Erklärtes
Ziel sei es zudem, durch eine flexible Schuleingangsphase mehr geeignete
Schüler dazu zu bringen, ein Schuljahr zu überspringen.
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