ZENTRALABITUR - Doku des Stadtelternrates Hannover
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Abitur in 12 Jahren    Abitur: Zentralabi       Abitur-Jahrgänge, Doppelte
19.02.2010, HAZ Zentralabitur soll gerechter werden

Hannover. Die Aufgaben beim Zentralabitur sind überall gleich. Die Benotung kann aber unterschiedlich sein, je nachdem, was ein Gymnasium oder eine Gesamtschule von Schülern an Leistung erwartet. Wer an einer Lehranstalt mit hohem Anspruch die Hochschulreife erwirbt, kann bei der Bewerbung um einen an Noten gebundenen Studienplatz die schlechteren Karten haben.

Im Kultusministerium wird jetzt überlegt, nach 2011 für Prüfungsarbeiten unabhängige Fremdgutachter einzusetzen - das berichten übereinstimmend Vertreter verschiedener Fachverbände. Einen Schwenk gibt es auch im Philologenverband, der die in manchen Bundesländern übliche Praxis lange als bevormundend abgelehnt hat: In einer neuen "Arbeitsgemeinschaft zur Vergleichbarkeit der Leistungen in der Oberstufe" haben die Gymnasiallehrer einen entsprechenden Vorstoß gewagt. Ein Sprecher von Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) sagte zwar auf Anfrage: "Eine Veränderung ist nicht geplant." Das heißt jedoch nicht, dass es nicht schon Signale an die Verbände gegeben hat, beim Zentralabitur nachbessern zu wollen. Denn für viele Schüler ist es ernüchternd zu sehen, wie auf Nachbarschulen - sei es ein anderes (Fach-)Gymnasium oder eine Gesamtschule - gewechselte Klassenkameraden plötzlich und anscheinend ohne Mühe ihre Noten verbessern.

Korrektoren von fremden Schulen, die wie etwa in Baden-Württemberg anonym vorgelegte Prüfungsarbeiten gegenlesen, könnten möglicherweise zu einer Angleichung von Anforderungen beitragen. Zurzeit begutachten zwei Lehrer derselben Schule die Arbeiten, die Landesschulbehörde nimmt nur stichprobenhaft Einblick. Nicht zuletzt der auf die Durchschnittsnoten bezogene landesweit veröffentlichte Vergleich, genannt "Ranking", kann dazu führen, dass bestimmte Schulen um eine gute Benotung besonders bemüht sind - spielt diese doch für viele Eltern und Schüler bei der Schulauswahl eine bedeutende Rolle. Gerichtsbekannt geworden ist das Beispiel eines Schulleiters im südlichen Niedersachsen, der einer Fachlehrerin vorschrieb: "Fünfen gibt es hier nicht."

Die Abschlussprüfung selbst spielt für den Abiturdurchschnitt allerdings eine untergeordnete Rolle. "Sie macht nur rund zwölf Prozent an der Gesamtnote aus", sagt Roland Neßler, Geschäftsführer des Philologenverbands in Hannover. Im Verband werde deshalb nicht nur über die Fremdkorrektoren, sondern auch über Vergleichsarbeiten in der Oberstufe neu nachgedacht, ebenso über Möglichkeiten, das Leistungsniveau stärker bei der Schulinspektion zu berücksichtigen.

Keinesfalls dürfe der Wunsch nach mehr Abiturienten dazu führen, die in den vergangenen Jahrzehnten schon "erheblich gesunkenen" Anforderungen weiter herabzusetzen. "Wir müssen die Schüler in die Lage versetzen, mit Aussicht auf guten Erfolg ein Studium oder eine Ausbildung anfangen zu können", sagt der ehemalige Schulleiter des Gymnasiums in Gehrden. Die wachsenden Abbruchquoten an den Hochschulen zeigten, dass dies längst nicht immer der Fall sei.

Die Veränderungen, die nach dem doppelten Abiturjahrgang eingeführt werden könnten, stoßen auch auf Skepsis. "Fremdkorrektoren können die Bedingungen des Lehrens und Lernens nicht berücksichtigen", meint Henner Sauerland von der Lehrergewerkschaft GEW. Von "Scheinobjektivität" spricht auch Sabine Hohagen vom Landeselternverband. Ihr Vorschlag: "Man müsste weg vom Numerus clausus."
Die Prüfungsaufgaben beim Zentralabitur sind für alle gleich - doch bei der Benotung haben die Lehrer Spielräume.Thomas
dt.

19.02.2010, HAZ Kommentar: Ein mutiger Schritt

Es ist ein offenes Geheimnis: Manche Schulen benoten strenger als andere. Das gilt bei den zentralen Abiturprüfungen, deren Bewertung in vielen Fächern Spielräume lässt. Das gilt vor allem für die Jahre davor, die in die Abi-Note wesentlich einfließen. Zu leiden haben darunter Mädchen und Jungen, die wegen besonders hoher Anforderungen an ihrer Schule mit einem schlechteren Durchschnitt "bestraft" werden und an der Hürde des Numerus clausus scheitern. Zu leiden haben aber auch diejenigen, die an großzügig benotenden Schulen auf das Studium nicht ausreichend vorbereitet werden. Was nützt ihnen der "leichte Weg" durch die Oberstufe, wenn sie mit ihren Kommilitonen - auch aus anderen Bundesländern - an der Uni nicht mithalten können? Der Einsatz schulfremder Gutachter wäre ein mutiger Schritt Richtung Chancengleichheit. Gabriele Schulte

 

NP + HAZ, 14.04.2007

Zentralabi startet mit Deutsch

HAZ, 14.04.2007 Büchner oder Schiller: Zentralabi startet mit Deutsch >> Zentralabitur 2007

HAZ, 17.06.2006 Schulleiter mauern bei Abi-Noten
Rektoren der Gymnasien wollen Ergebnisse des ersten Zentralabiturs geheim halten / Stadtelternrat übt Kritik
VON BÄRBEL HILBIG
Die Noten beim ersten landesweit einheitlichen Abitur stehen noch nicht fest. Aber die Leiter der Gymnasien in Hannover haben bereits verabredet, ausgerechnet diesmal keinen Jahrgangsschnitt ihrer Abiturienten an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Auch die Zahl der durchgefallenen Schüler soll diskret verschwiegen werden. Im vergangenen Jahr hatte die HAZ beides veröffentlicht.
„Wir machen alle gute Arbeit“, sagt Doris Espel, die seit kurzem im Team mit Winfried Baßmann für die Gymnasialleiter in Hannover spricht. Die Schulleiter fürchten ein Ranking: Eltern könnten die Schulen nur danach bewerten, wie gut das Abitur dort ausfällt. Für die Schulleiter sagt der Abi-Durchschnitt nur sehr begrenzt etwas über die Leistungsfähigkeit einer Schule. Und es gebe gute Gründe, warum an manchen Gymnasien die Durchschnittsnoten nicht so glänzend ausfallen wie an anderen.
„Wenn kein Schüler durchfällt, weil die Lehrer auch Wackelkandidaten genügend unterstützen, ist das doch eine Leistung“, sagt Espel, Leiterin der Schillerschule. Aber natürlich senke das den Jahrgangsschnitt. Auch Schulen, die Einwandererkinder bis zum Abitur bringen, leisteten wichtige Arbeit, betont Baßmann. Manche Gymnasien nähmen im elften Jahrgang auch etliche Wechsler von Realschulen auf, die meist kein hervorragendes Abitur ablegten. „Dahinter steckt aber viel Engagement der Schulen“, sagt Baßmann, Leiter des Kurt-Schwitters-Gymnasiums.
Baßmann hält deshalb die Ergebnisse der Schulinspektion besser für geeignet, die Qualität einer Schule zu beschreiben. Dort werden zahlreiche Kriterien wie Beratung der Schüler, pädagogisches Klima und Unterricht bewertet. Richard Lochte, Vorsitzender des Stadtelternrats, sieht das dennoch bisher nicht als Alternative an – weil auch hier das Kultusministerium keine Veröffentlichung vorsieht. „Natürlich posaunen Schulen, die gut abschneiden, das heraus. Aber wir bekommen keinen Überblick und können nicht vergleichen.“
„Wir Eltern wollen einigermaßen objektive Werte über die Leistungsfähigkeit der Schulen an die Hand bekommen. Das Zentralabitur wäre dabei ein Baustein“, sagt Lochte. Schulen, die viele Realschüler zum Abitur führen, könnten doch auch darüber informieren. Für Eltern gebe es im Übrigen zahlreiche Kriterien zur Beurteilung einer Schule, etwa die angebotenen Fächerprofile in der Oberstufe, die Schwerpunkte in der Unterstufe, die Größe und Wohnortnähe. „Schulleiter können sich nicht darauf ausruhen, dass Eltern bei der Wahl eines Gymnasiums nur nach dem Abi-Schnitt entscheiden“, sagt Lochte.
 
HAZ, 17.06.2006 Kommentar: Mehr Mut
Es ist erstaunlich, wie sehr besorgt die Schulleiter um den Ruf ihrer Schule sind. Das Zentralabitur soll Leistungen besser vergleichbar machen. Dennoch wollen die Leiter der hannoverschen Gymnasien ausgerechnet dieses Jahr Notenschnitt und Zahl der durchgefallenen Abiturienten unter der Decke halten. Eltern, die ihr Kind auf ein Gymnasium schicken, sind meist nicht gerade auf den Kopf gefallen. Sie können sich ausrechnen, dass gute Noten jedes Jahr wieder von Schülern und Lehrern erarbeitet werden müssen und auch von den Voraussetzungen jedes einzelnen Schülers abhängen. Der Jahrgangsschnitt kann deshalb nicht mehr als eine Momentaufnahme sein. Diese Einsicht sollten Schulleiter Eltern zutrauen – und auf Geheimniskrämerei verzichten, wenn sie auf die Mitarbeit der Eltern Wert legen. Bärbel Hilbig
 
 

HAZ, 25.04.2006: Ministerium verwechselt Plus und Minus von BÄRBEL HILBIG
HANNOVER. Vergangenen Sonnabend brüteten Niedersachsens Abiturienten über ihren Mathe-Klausuren - doch auch etlichen Schulleitern bereiteten die Aufgaben aus dem Kultusministerium Kopfzerbrechen.
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NP, 21.04.2006: Beim Zentral-Abi holperts noch VON NORA LYSK
HANNOVER. Gegen 13.30 Uhr fiel die erste Anspannung ab. 320 Minuten hatten in ganz Niedersachsen die ersten Abiturienten über den Fragestellungen im ersten landesweiten Zentralabitur gebrütet. Bis zum 5. Mai werden in der Region Hannover 3750 Schüler geprüft, landesweit sind es 25 500 Abiturienten, die das erste Zentralabitur schreiben werden.
Der gestrige Donnerstag war für die Deutschklausuren reserviert. Zwei Aufgabenstellungen hatte das Kultusministerium zur Wahl gestellt. Entweder konnten die Schüler sich über den Freiheitsbegriff in Hilde Domins Gedicht „Ich will dich“ und Urs Widmers Stück „Top Dogs“ Gedanken machen – oder über Fontanes „Mathilde Möring“ und Hölderlins „Brief an den Bruder“ grübeln.
Das stieß auch auf Kritik. „In dieser abwegigen Kombination hätte ich die Aufgaben nicht gestellt“, so Elke Kantian, Deutschlehrerin und Oberstufenkoordiantorin an der Käthe-Kollwitz-Schule. Auch Schulleiter Martin Kronenberg nannte die Aufgaben „künstlich und verkrampft“. Die Schüler schienen zwar erschöpft, aber zufrieden. „Auch wenn die Ungewissheit groß war, hatten uns unsere Lehrer doch gut vorbereitet“, fand die 19-jährige Jennifer Bürgel.
Am Erich-Kästner-Gymnasium in Laatzen waren Schüler und Lehrer kaum überrascht von den Aufgabenstellungen. „Ich mache mir nur Gedanken, ob wir es hinkriegen, die Bilder für die Kunstklausuren aus dem Internet zu laden“, sagte Schulleiter Hans-Ulrich Becker – Teile von Laatzen verfügen nicht über die schnelle Datenleitung DSL. Bereits im Vorfeld hatte das Ministerium mitgeteilt, dass die Ladezeit mehr als eine Stunde betragen könnte. „Diesen Verwaltungsaufwand halte ich für unnötig“, kritisierte Elke Kantian.
Am gelassensten war gestern die Stimmung der Ministeriumsmitarbeiter an der für Notfälle geschalteten Hotline. Nur wenige Schulen riefen an. „Ernsthafte Probleme gab es nur, an einer Schule, die den Zugangsschlüssel zum Runterladen der Aufgaben verbaselt hatten“, sagte Matthias Günther. Auch gestern hatten nach 50 Minuten bereits 85 Prozent aller Schulen die Englischaufgaben für die heutigen Prüfungen heruntergeladen. „Schwierig wird es nur am 26. April“, so Günther. Dann müssen die Schulleiter neun Klausurthemen in nur drei Stunden aus dem Internet laden.
 
NP, 20.04.2006: Abi-Aufgaben kommen aus dem Internet
VON NORA LYSK
HANNOVER. Heute ist die Premiere, heute schreiben die Schüler das erste Zentralabitur in Niedersachsen. Gestern mussten die Aufgaben aus dem Internet geladen werden.
Ausgestattet mit Pins und Tans, saßen zwischen 15 und 18 Uhr Schulleiter und Oberstufenkoordinatoren aufgeregt vor ihren Schulcomputern und luden die Aufgaben für die Deutschprüfung aus dem Internet. „Wie beim Online-Banking“, erklärte Oberstufenkoordinator Klaus Rockmann von der IGS Mühlenberg. „Das begrenzte Zeitfenster und die Tans sorgen für die Sicherheit.“
Um 15.30 Uhr kannte Brigitte Schneider-Pachaly, Leiterin der Wilhelm-Raabe-Schule, die Aufgaben für die Deutschprüfung. „Das dauerte gerade mal ein paar Minuten“, sagte sie. „Auch bei uns verlief alles reibungslos“, meldete Schulleiter Winfried Baßmann vom Kurt-Schwitters-Gymnasium. Technisch sei das System einwandfrei.
Nach dem Herunterladen wurden die Aufgaben, „die übrigens durchaus unseren Erwartungen entsprechen“, so Baßmann, im sicheren Schulsafe verstaut. Erst heute Vormittag können auch die Fachlehrer die Aufgaben einsehen. „Wäre vorher was durchgesickert, würden heute in ganz Niedersachsen die Abi-Klausuren ausfallen“, erklärt Rockmann. 13 Tage, auch sonnabends, wird sich dieses Prozedere jetzt täglich wiederholen – jeden Tag ein anderes Fach.
Niedersachsen ist das erste Bundesland, das die Aufgaben im Internet bereitstellt. In anderen Bundesländern lagern noch Kopiervorlagen in den Schulbehörden und werden im Koffer in die Schulen gebracht.
Doch laut Kultusministerium war bereits die Generalprobe im Oktober ein Erfolg – nur in Hannover verhinderte ein Virenschutzprogramm des städtischen Internetservers, dass die Prüfungsaufgaben auch auf den Schulcomputern landeten.
Für solche Fälle hat das Kultusministerium jetzt eine Hotline geschaltet. Und auch inhaltliche Fragen zu den Prüfungsaufgaben können Lehrer am Beratungstelefon mit dem Ministerium klären
 

HAZ, 20.04.2006: Nur zwei Lehrer kennen die Fragen
Heute beginnt das Zentralabitur mit dem Fach Deutsch. Geheimhaltung ist im Moment Trumpf an allen Schulen, an denen heute das erste Zentralabitur Niedersachsens startet. „Es besteht die Angst, dass Hacker oder Abiturienten sich Zugang zu den Aufgaben verschaffen“, sagt Henning Lawes, Leiter der Lindener Humboldtschule. Das hätte Auswirkungen auf das ganze Land, denn zum ersten Mal bekommen alle Abiturienten im selben Fach auch dieselben Fragen gestellt.
An jeder Schule dürfen deshalb nur zwei Lehrer die Aufgaben für den jeweils folgenden Prüfungstag aus dem Internet herunterladen. An der Humboldtschule versuchten gestern Schulleiter Lawes und Lehrer Claus Schröder ihr Glück. Wie an allen anderen Schulen hatten sie nur von 15 bis 18 Uhr Zugang zu den Fragen für die Deutschklausuren, die heute um 8 Uhr beginnen.
Lawes hatte vorher per Post 80 jeweils achtstellige TAN-Codes für seine Schule bekommen, die bis zum ersten Einsatz gestern sicher im Schulsafe lagen. Doch Computerexperte Schröder scheiterte zunächst daran, überhaupt auf den Server des Kultusministeriums zu kommen. „Wahrscheinlich hat unser städtischer Rechner einen zu starken Datenschutzmechanismus“, meinte Lawes. Andere Schulen berichteten von ähnlichen Problemen. Nach einem Wechsel an ein anderes Gerät konnten die Lehrer mit Hilfe eines der Codes die verschlüsselten Aufgaben herunterladen. Entschlüsseln durfte Schröder sie mit einem anderen Code erst an einem Gerät, das nicht am Netz hing.
Dann kopierte Schulleiter Lawes die Fragen für 55 Schüler, die heute ihre Abi-Klausuren in Deutsch schreiben, und verwahrte sie im Safe. Die Deutschlehrer bekommen sie erst heute direkt vor der Prüfung in die Hand. Heute bereitet Lawes die Englisch-Aufgaben für morgen vor, Sonnabend die Fragen für Montag. Bis 5. Mai laufen an zwölf Tagen Klausuren. bil

Foto: Schulleiter Henning Lawes verstaut die Aufgaben im Safe. Steiner

Bündnis 90/Die Grünen im niedersächsischen Landtag Antrag zur Schulzeitverkürzung"Durchlässigkeit erhalten und ausbauen - individuelle Schulzeitverkürzung erleichtern"  Die erste Beratung dieses Antrages wird am 14. Mai 2003 stattfinden. 
LERHAZ, 25.01.2005   Neues Abitur in Niedersachsen: Mehr Politik, weniger Auswahl     Kabinett entscheidet heute über Verordnung / Protest vom Landeselternrat   ...  Kultusminister Busemann erhofft sich von der neuen Oberstufe, die zum 1. August eingeführt wird, generell „mehr Verbindlichkeit und weniger Beliebigkeit“. Er nimmt dafür auch einen Konflikt mit dem Landeselternrat und dem Landesschülerrat in Kauf. Beide Gremien hatten in der Anhörung ihr Veto eingelegt, weil sie die bisherige Wahlfreiheit der Abiturienten eingeschränkt sehen. Mehr Vorgaben seien jedoch genau das Ziel der umfangreichsten Oberstufenreform seit Jahrzehnten, heißt es im Kultusministerium. „Die Oberstufe ist das Gütesiegel für das Schulwesen“, sagte Busemann.         Im Kurssystem hatten die Schüler bislang eine relativ große Wahlfreiheit bei den Fächern. Sie wird zu Gunsten der Kernfächer eingeschränkt, außerdem müssen sich die Schüler für bestimmte Schwerpunktkombinationen bei den Fächern entscheiden. In vier Prüfungsfächern gibt es eine schriftliche Abiturprüfung – und zwar künftig mit landesweit einheitlichen Aufgabenstellungen. Ein Fach wird mündlich geprüft. Die Opposition von SPD und Grünen im Landtag spricht von einer „Rückkehr zur Oberstufe der sechziger Jahre“.          Stimmt das Kabinett heute, wie zu erwarten, der Oberstufenreform zu, ist der Einspruch von Eltern- und Schülerrat abgewiesen. Das Vorhaben kann dann zum 1. August in Kraft treten. Parallel dazu wird auch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf zwölf Jahre eingeführt. 
 
HAZ, 25.08.2005 , Leserbrief zu den Artikeln "Gynasiasten büffeln für das Zentralabitur" und dem Leitartikel "Der Härtetest":
Wem nutzt eigentlich das Zentralabitur?
Wenn meinem Kind demnächst im Zentralabitur bescheinigt wird, dass es den Anforderungen nicht vollständig genügt hat, wer ist dann Schuld. Ist mein Kind so schlecht oder war es nur auf der "falschen" Schule? Leider erfahre ich das erst dann, wenn ich es nicht mehr beeinflussen kann, öffentliche Rankings soll es ja nicht geben. Oder war es vielleicht nur im falschen Bundesland?
Anforderungen an mein Kind werden zentralisiert, wo bleibt eigentlich die Förderung individuellen Leistungsvermögens? Welchen Stellenwert nehmen wichtige Qualifikationen wie Teamfähigkeit, soziale Kompetenz u. s. w. ein, die nicht zentral abgefragt werden können? In Zeiten gekürzter Unterrichtsversorgung (die vielleicht noch rechnerisch irgendwie stimmt)gibt es zudem keine zusätzliche individuelle Förderung und Differenzierung, mein Kind ist aber nicht zentralisierbar.
Ich stelle fest, dass die Schulen den Weg zum Zentralabitur noch lange nicht konsequent beschreiten, denn dieses wird erfordern, dass dort auch einheitlich gelehrt wird. Selbst bei einer anderen Lehrreihenfolge ist jeder Schulwechsel, ja selbst ein Klassenwechsel nicht mehr möglich. An einen Wechsel des Bundeslandes brauchen wir überhaupt nicht denken.

Wofür also für ein Zentralabitur büffeln? Für meine Kind offenbar nicht. Bleibt zu hoffen, dass die Erkenntnisse aus den Ergebnissen des Zentralabiturs wenigsten künftigen Kindern zu Gute kommen. Allerdings sollten die Erkenntnisse aus den PISA-Studien hier eher Grund zur Ernüchterung sein. So wird der Tatsache, dass die Ergebnisse wegen des ernsthafteren Herangehens aller Beteiligten besser geworden sind, erst mal unter "Erfolg" eines neuen Denkens verbucht. Mehr wird es nicht geben, wenn wir nicht bereit sind, in die Zukunft unserer Kinder zu investieren. Sind wir das?
T. Prager,  Ronnenberg

 

NP, 04.03.2004  So läuft das Zentralabitur   Lehrer diskutieren über Schwerpunkte      Das Zentralabitur nimmt Gestalt an. Die Themen, nach denen ab August unterrichtet werden muss, liegen vor. Die Lehrer sind geteilter Ansicht.    VON JULIA PENNIGSDORF      HANNOVER. 2006 ist es so weit. Landesweit schreiben Niedersachsens Gymnasiasten zum ersten Mal alle die gleiche Abiturprüfung. Als Erstes werden die jetzigen Elftklässler das Zentralabitur absolvieren.   Was bisher schwammig war, wird jetzt konkret: Das Kultusministerium hat die verbindlichen Prüfungsschwerpunkte an die Leiter der Gymnasien verschickt. Drei bis vier Themen sind es für jedes Fach (siehe Kasten). „Unsere Fachkonferenzen erarbeiten aus den  Vorgaben jetzt die Lehrpläne, die von August an gelten“, so Brigitte Helm von der Sophienschule im Zooviertel.            Was genau sind die Unterschiede zu den bisherigen Vorgaben? „So groß sind die nicht. Die Rahmenrichtlinien bleiben“, sagt Doris Espel von der Schillerschule in Kleefeld. Die Direktorin ist mit den Inhalten zufrieden. Zwar werde die Freiheit der Lehrer, den Unterricht nach eigenen Interessen und denen der Schüler zu gestalten, eingeschränkt. Aber das sei in Ordnung. „Es kann schließlich nicht jeder seinem Hobby nachgehen.“        Helm bewertet die Situation ähnlich: „Die Vorgaben sind wesentlich konkreter als bisher. Das bedeutet im Umkehrschluss schon, dass wir weniger Zeit haben werden, Unterricht frei zu gestalten.“           Ein Aspekt, den Lutz Gecks, Oberstufenleiter der IGS Roderbruch, massiv kritisiert: Es gebe schon jetzt wahrlich genug verbindliche Kriterien. Die neuen Vorgaben führten zu einer Normierung des Unterrichts. „Die nackte Wissensvermittlung wird steigen, die Schulung der selbstständigen Urteilsbildung abnehmen“, befürchtet er.          Die Pädagogen der IGS Roderbruch üben auch inhaltlich Kritik: „Bertold Brecht ist rausgeflogen, der Faschismus taucht nicht mehr auf, Europa wird am Mittelalter hochgezogen und Amerika nur bis zum 19. Jahrhundert behandelt – das kann man doch nicht mehr gutheißen“, sagt Gecks kopfschüttelnd.         Helm geht davon aus, dass das Zentralabitur wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen wird als bisher. Bisher wurden die Leistungskurse an zwei Tagen, der Prüfungskurs am dritten Tag geschrieben. Helm rechnet ab 2006 mit einer Prüfungsdauer von 14 Tagen. „Anders lässt sich das bei den vielen Kombinationsmöglichkeiten der Prüfungsfächer und der nötigen Geheimhaltung nicht realisieren.“

Das Ministerium hat für jedes Fach Schwerpunkte formuliert, die in der Abiprüfung vorkommen können und deshalb im Kurssystem der Oberstufe behandelt werden müssen. Hier einige Auszüge:   Deutsch: 1. Reflexion über Sprache, Lektüre: Hugo von Hofmannsthal, Ein Brief. 2. Der Einzelne und die Gesellschaft – Wirklichkeitserfahrungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Lektüre: Urs Widmer, Top Dogs. 3. Traditionelle und moderne Form des Romans am Beispiel des Epochenumbruchs 1870/1930. Lektüre: Theodor Fontane, Mathilde Möhring. 4. Zwischen Ideal und Wirklichkeit – Schillers „Don Carlos“ im Kontext seines klassischen Dramenkonzepts.   Mathe: 1. Analysis. 2. Wahrscheinlichkeitsrechnung. 3. Analytische Geometrie / Lineare Algebra.  Geschichte: 1. Geschichte Deutschlands seit 1945. 2. Die Herausbildung Europas im Mittelalter. 3. Die USA – von der Staatsgründung bis Ende 19. Jahrhundert.    Englisch: 1. The American Experience (Selbst- und Fremdbild der USA). Lektüre: T. C. Boyle, The Tortilla Curtain. 2. Britain – A country between tradition and change (gesellschaftliche Realitäten des modernen Großbritannien, Vergleiche zur eigenen Lebensrealität). Lektüre: Nick Hornby, About a Boy.

 
"Wir sind nicht auf der Titanic"     Sigmar Gabriel, ohne Manuskript einer der feurigsten Redner der SPD, gibt an diesem Freitag den Staatsmann.  ....  Gabriel wendet den stillen Zorn vieler Delegierter über die Berliner Politik und die überaus miesen Umfragewerte nach außen. Er fordert einen „neuen Lastenausgleich“ zwischen Reich und Arm, einen „New Deal“ wie einst der amerikanische Präsident Theodor Roosevelt in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Immer wieder gibt Gabriel den Klassenkämpfer, nur die Baumwollpflücker fehlen. Er schimpft über Lobbyisten, die am Gesundheitssystem gut verdient haben, sich jetzt aber gegen jede Veränderung sperrten, er wendet sich gegen die Großindustrie (VW natürlich ausgenommen), lobt dafür ausführlich den Mittelstand.       Und er verteidigt mit Nachdruck seinen Vorschlag, die Vermögenssteuer wieder  einzuführen, um dringend notwendige Bildungsaufgaben zu finanzieren – an Kindergärten und Schulen. Ja, man könnte bei der Einführung dieser Steuer auch am Ende der nächsten Landtagsperiode über Entlastungen der Städte reden, im Kindergartenbereich beispielsweise. Warum nicht die Gebühren halbieren? fragt der Ministerpräsident und buchstabiert immer wieder die Bildungsfrage als Schlüssel, der aus der Krise führen soll. 
   „Laßt uns diese Auseinandersetzung zum zentralen Gegenstand des Wahlkampfes machen“, sagt Gabriel und macht eine einfache Rechnung auf: „Wir wollen wissen, ob die CDU in Niedersachsen die Interessen der Wohlhabenden in Niedersachsen vertritt oder die der Eltern und Kinder.“ Dann ruft er noch in den Saal, in dem diese Tonlage gut ankommt: „Sozialismus ist Champagner für alle und nicht Rotkäppchen-Sekt für wenige.“ Das steht nicht im Text und ist ein bißchen schief. Denn noch hat der Sekt aus der früheren DDR den Champagner nicht kaltgestellt.  ...     In aller Eile haben die Sozialdemokraten noch die Meisterung der Finanzkrise Niedersachsens an den Anfang ihres Wahlprogrammes gesetzt – auf 213 breiten Zeilen. Und einen sich anbahnenden Konflikt um die Einführung des  Zentralabiturs, das einige Genossen aus dem Bezirk Hannover gar nicht schätzen, wurde durch geschickte Formulierungen der Antragskommission aus dem Saal verbannt. „Wir wollen hier je diskutieren und aber nicht streiten“, sagt der hannoversche Bezirksvorsitzende und Umweltminister Wolfgang Jüttner. Und die kleinen Streitereien unter den Genossen sind nur in Nuancen zu spüren, etwa wenn Gabriel in seiner Rede gegen Bundesbildungsministerin Edelgard  Bulmahn stichelt, die gar nichts von Studiengebühren hält, die Wissenschaftsminister Thomas Oppermann aber nach wie vor gut hält.  Mit fast chinesischen Verhältnissen – 95,4 Prozent – wird der 43-jährige Politiker aus Goslar am Schluss seiner eineinhalbstündigen Rede gewählt. Auf Wahl per Akklamation hat er verzichtet, wollte die geheime  Stimmabgabe. Der lange,  lange Beifall zeigt ihm, dass diese Wahl ohne Risiko war.   mbb Veröffentlicht 15.11.2002 20:31 UHR     HAZ, 16.11.2002  

Harsche Bildungskritik aus Finnland

PISA  /  Zentralabitur / Schulreform  /  DGB:   Schulpolitik in "alter Tradition"  Harsche Bildungskritik aus Finnland - DGB fordert mehr Gesamtschulen
Vom Pisa-Sieger Finnland in Schulpolitik lernen ? Ja, sagt der Chef finnischer Volkshochshulen auf einem DGB-Kongress in Hannover. ..  Kinder in begabte und weniger begabte zu trennen und in unterschiedliche Schulen zu schicken, sei eine "Tradition auf der Grundlage eines veralteten Menschenbildes ohne wissenschaftliche Begründung", die in Finnland seit mehr als 30 Jahren überwunden habe. "  ...   Finnland kennt  nur Gesamtschulen, die alle Schüler bis Klasse neun besuchen. Danach wechseln 70 Prozent zur Oberschule und machen Abitur. ... Finnlands Schüler gelten als die weltweit schlauesten Köpfe.  ...    Auch der DGB warb auf dem Kongress für mehr Ganztagsschulen. DGB-Landeschef Hartmut Tölle verlangte eine neun- bis zehnjährige gemeinsame Schulzeit. Mit dem neuen Schulgesetz der SPD sei er daher nicht einverstanden.   NP, 17.10.2002   mehr ...
DGB: Der Finne rät zur Gemeinschaftsschule  Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist mit der bisherigen Schulreform der Landesregierungen nicht einverstanden. ... Der DGB-Chef sprach sich für eine neun- bis zehnjährige gemeinsame Unterrichtung aller Kinder und für mehr Ganztagsschulen aus. Die Einführung des Zentralabiturs lehnte er ab. ...    Als Kronzeugen für ein Schulmodell, das nicht auf Auslese, sondern auf mehr Gleichheit abzielt, hatte der DGB den Direktor der Finnischen Arbeiterakademie, Kari Kinnunen, auf ein Diskussionspodium eingeladen...  Die Hamburger Professorin Ingrid Gogolin attestierte dem niedersächsischen Schulgesetz zwar, es sei "auf der Ebene der Willensbekundungen exakt an den Misständen orientiert, die es beseitigen soll". Doch habe sogar sie als Wissenschaftlerin Schwierigkeiten, bei den geplanten neuen Schulstrukturen durchzublicken - "sie scheinen undurchschaubar".   Das Schulgesetz habe die frühzeitige "Selektion" von Schülern zum Regelfall erklärt, trotz aller verbalen Verklärungen. mehr ...
SPD kippt Zentralabitur (aber nur bis zum Landesparteitag)
PISA  /    Zentralabitur   Zentralabitur: Jüttner soll „kleines Problem” lösen     Das Zentralabitur kommt – dessen ist sich Ministerpräsident Gabriel (SPD) sicher. „Wir ziehen das durch”, betonte der 43-Jährige am Dienstag nach seiner Rückkehr von einer Nahost-Reise, obwohl der Vorstand des SPD-Bezirks Hannover sein Vorhaben torpediert hatte: Auf seiner Sitzung am 26. September war beschlossen worden, Gabriels Forderung wieder aus dem SPD-Programm zur Landtagswahl (2. Februar 2003) zu streichen.       NP, 15.10.2002     mehr ...
PISA  /    Zentralabitur :   SPD-Bezirk kippt Zentralabitur  von Alexander Dahl
   Hannover. Der SPD-Bezirk Hannover ist Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) bei der Bildungsreform in die Parade gefahren: Er hat die Einführung eines Zentralabiturs abgelehnt, obwohl dies bereits im Entwurf zum SPD-Wahlprogramm für die Landtagswahl 2003 verankert wurde. Gabriel hatte Mitte Juni die Einführung eine landesweit einheitlichen Abitur-Prüfung gefordert.   NP, 12.10.2002      mehr ...
PISA /    Zentralabitur : Beim Zentralabitur dreht CDU den Spieß um    Gabriels neuer Vorschlag soll auf die Probe gestellt werden / Lob von der Wirtschaft / Jürgens-Pieper spricht mit Eltern
   Mit seinem Vorstoß zum Zentralabitur hat Ministerpräsident Sigmar Gabriel die CDU-Opposition überrascht, in der nächsten Landtagssitzung aber wollen die  Christdemokraten den Spieß umdrehen. In einem Entschließungsantrag fordert  die CDU die sofortige Einführung des Zentralabiturs in Niedersachsen – und rechnet mit einer zumindest uneinheitlichen Antwort aus der SPD-Fraktion. Bislang jedenfalls hielt man dort wenig vom Schulmodell aus dem Süden. ...      Bei der Wirtschaft stieß der jüngste bildungspolitische Vorstoß der Landesregierung auf ein positives Echo. Die Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN) bezeichneten Zentralabitur und Leistungstest als „überfällig“ .... Dagegen lehnten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Jusos zentrale Prüfungen strikt ab. Der SPD-Nachwuchs verlangte, die Vorschläge sofort zurück zu nehmen.        HAZ, 22.06.2002      mehr ...
PISA /    Zentralabitur : Zentralabitur lenkt ab vom Versagen des Schulsystems - GRÜNE gegen Gabriels neuen schulpolitischen Quickie   "Gabriels neuester schulpolitischer Quickie löst die Probleme nicht. Wenn im Vorgriff auf PISA E von Bayern gelernt werden soll, dann sollte zunächst die Unterrichtsversorgung verbessert werden", sagte Litfin. Untersuchungen zeigten, dass die SchülerInnen in Bayern bis zum Ende der 9. Klasse 832 Wochenstunden Unterricht mehr erhalten als in Niedersachsen. Das sei eine Differenz von mehr als 9%. "Nur vom Wiegen wird keine Sau fett", so Litfin.     Grüne, 20.06.2002 Presseerklärung  mehr ...
Gabriel: Ab 2003 Abitur für alle gleich Paukenschlag in Niedersachsens Bildungspolitik: Das Land will bis spätestens 2007 das Zentralabitur einführen. Das kündigte am Donnerstag Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) als Reaktion auf das schlechte Abschneiden des Landes in der PISA-Studie an. Damit werden allen Schülern am gleichen Tag landesweit im jeweiligen Prüfungsfach gleiche Fragen gestellt.
   Am Ende der Klasse vier, sechs und acht werden zudem künftig zentrale Vergleichstests in allen Schulen geschrieben. „Qualitätschecks”, nennt sie Kultusministerin Renate Jürgens Pieper (SPD). ...
    Gabriel werde von der PISA-Panik getrieben, kopiere nur CDU-Vorstellungen, kritisierte Bernd Busemann, Unions-Fraktionsvize im Landtag. Die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Litfin, sprach vom „schulpolitischen Quickie”, der  Philologenverband von „Aktionismus”.  NP, 21.06.2002   mehr ...
 
NP, 15.10.2002   Zentralabitur: Jüttner soll „kleines Problem” lösen
     Das Zentralabitur kommt – dessen ist sich Ministerpräsident Gabriel (SPD) sicher. „Wir ziehen das durch”, betonte der 43-Jährige am Dienstag nach seiner Rückkehr von einer Nahost-Reise, obwohl der Vorstand des SPD-Bezirks Hannover sein Vorhaben torpediert hatte: Auf seiner Sitzung am 26. September war beschlossen worden, Gabriels Forderung wieder aus dem SPD-Programm zur Landtagswahl (2. Februar 2003) zu streichen.
   Er sehe das gelassn, das Zentralabitur dürfe auf dem SPD-Landesparteitag (15. November) nur nicht zur ideologischen Frage werden, so Gabriel. „Weil natürlich nicht jede Abi-Frage zentral vom Land vorgegeben wird.” So werde etwa im Fach Chemie die Schule selbst die Abiturprüfung festlegen können.
   SPD-Bezirkschef Wolfgang Jüttner, als Umweltminister Gabriels Begleiter in Nahost, wollte das „kleine Problem” am Dienstag nicht kommentieren. Er werde nun die üblichen Gespräche führen, damit die SPD wieder in der üblichen Geschlossenheit in den kommenden Wahlkampf gehen könne, betonte er.     HANNOVER, onle
NP, 12.10.2002 NIEDERSACHSEN - NACHRICHTEN
SPD-Bezirk kippt Zentralabitur

von Alexander Dahl
   Hannover. Der SPD-Bezirk Hannover ist Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) bei der Bildungsreform in die Parade gefahren: Er hat die Einführung eines Zentralabiturs abgelehnt, obwohl dies bereits im Entwurf zum SPD-Wahlprogramm für die Landtagswahl 2003 verankert wurde. Gabriel hatte Mitte Juni die Einführung eine landesweit einheitlichen Abitur-Prüfung gefordert.
   Die Bezirksentscheidung, die bereits am 26. September gefällt, aber erst gestern bekannt wurde, fiel denkbar knapp aus: Fünf Vorstandsmitglieder votierten gegen das Zentralabitur, vier dafür. Anlass war ein Antrag der Jungsozialisten, alle zentralen Elemente der Bildungsreform zu kippen - also auch einheitliche Leistungstest in den Klassen sechs, acht und zehn sowie einheitliche Abschlussprüfungen an Haupt- und Realschulen. Ein Kompromiss sah vor, nur das Zentralabitur zu Fall zu bringen. "Der Geist Gabrielscher Bildungspolitik blieb also unangetastet", erklärte Stefan Schostok, leitender Bildungsgeschäftsführer.
   Besonders für den Bezirkschef Wolfgang Jüttner - zugleich Umweltminister - ist die Entscheidung ärgerlich: Als Chef der Wahlprogrammkommission ließ er das Zentralabitur festschreiben, als Bezirkschef muss er nun auf der Sitzung der SPD-Antragskommission am 27.Oktober die Streichung fordern. " Jüttner wird sich an das Votum des Vorstandes gebunden fühlen", sagte Schostok.
   Die Staatskanzlei setzt nun auf den SPD-Landesparteitag (15. November). "Wir gehen davon aus, dass sich dort das zentralabitur durchsetzt", so Regierungssprecher Volker Benke.
   Die CDU feixte: Die SPD sei nicht in der Lage, mehr Qualität in das Schulwesen zu bringen und verbaue so Schülern deren Zukunft, sagte CDU-Bildungsexperte Bernd Busemann.
HAZ, 22.06.2002 NIEDERSACHSEN - NACHRICHTEN
Beim Zentralabitur dreht CDU den Spieß um
  Gabriels neuer Vorschlag soll auf die Probe gestellt werden / Lob von der Wirtschaft / Jürgens-Pieper spricht mit Eltern
   Mit seinem Vorstoß zum Zentralabitur hat Ministerpräsident Sigmar Gabriel die CDU-Opposition überrascht, in der nächsten Landtagssitzung aber wollen die  Christdemokraten den Spieß umdrehen. In einem Entschließungsantrag fordert  die CDU die sofortige Einführung des Zentralabiturs in Niedersachsen – und rechnet mit einer zumindest uneinheitlichen Antwort aus der SPD-Fraktion. Bislang jedenfalls hielt man dort wenig vom Schulmodell aus dem Süden.
   Gabriel werde im eigenen Lager „noch einige Überzeugungsarbeit“ leisten müssen, hieß es am Freitag bei den SPD-Bildungspolitikern. Es werde noch „notwendige Diskussionen im Arbeitskreis Kultus geben“, sagt Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper.
   Auch die Ministerin zählte vor Pisa nicht zu den Freunden landesweit einheitlicher Abiturklausuren. Noch beim jüngsten Treffen aller   Länder-Kultusminister vor drei Wochen in Eisenach lehnten die SPD-Länder einen Vorstoß der Unions-Länder zur allgemeinen Einführung des Zentralabiturs ab. Schon vor der Veröffentlichung des Pisa-Leistungsvergleichs unter den Ländern in der nächsten Woche aber scheint sich das Blatt zu wenden. Am Freitag kündigte auch Berlin die Einführung eines Zentralabiturs zum Jahren 2006 an, in Brandenburg soll diese Neuerung bereits 2004 in Kraft treten. Erstmals betroffen ist der Schülerjahrgang, der in diesem Herbst in die elfte  Klasse kommt.
   „Die Länder müssen voneinander lernen, sonst kommt eine problematische Föderalismusdebatte im Bildungsbereich auf uns zu“, sagt Kultusministerin Jürgens-Pieper. Sie will Ende August zunächst mit den Lehrerverbänden und mit dem Landeselternrat über das neue Abitur reden. Eine Gesetzesänderung sei  dafür nicht erforderlich – die Neuerung soll über eine Verordnung eingeführt werden. 
   Weitere „Qualitäts-Checks“ für die Kultusministerin sind die geplanten Vergleichstests sowie die schon vorhandenen Leistungsüberprüfungen in der zehnten Klasse der Haupt- und Realschulen. Diese fließen bislang nur mit relativ geringem Stellenwert in die Zeugnisse ein. „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir zentrale Abschlussprüfungen daraus machen“, sagt Jürgens-Pieper. Diesen  Wunsch gebe es auch bei den Lehrerverbänden.
     Bei der Wirtschaft stieß der jüngste bildungspolitische Vorstoß der Landesregierung auf ein positives Echo. Die Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN) bezeichneten Zentralabitur und Leistungstest als „überfällig“. UVN-Hauptgeschäftsführer Volker Müller kommentierte die Pläne mit der Bemerkung „Lieber spät als nie.“ Die Wirtschaft habe diese Vorschläge schon vor Jahren in die Debatte eingebracht. „Wir freuen uns, dass Herr Gabriel endlich über den ideologischen Schatten seiner Partei springen will und die Forderungen aufgreift.“ Der Leistungsgedanke müsse endlich wieder hoffähig werden. Dagegen lehnten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Jusos zentrale Prüfungen strikt ab. Der SPD-Nachwuchs verlangte, die Vorschläge sofort zurück zu nehmen.
   jö    Veröffentlicht 21.06.2002 19:28 UHR
Grüne, 20.06.2002 Presseerklärung
Zentralabitur lenkt ab vom Versagen des Schulsystems -
GRÜNE gegen Gabriels neuen schulpolitischen Quickie

LTF|bl/zm|PM 194|20.06.2002 Die Landtagsgrünen lehnen die Einführung von Zentralabitur und standardisierten Vergleichstests in den Klassen 4,6 und 8 ab. "Mit dem Zentrabitur will der Ministerpräsident vom Versagen des niedersächsischen Schulsystems ablenken und den Schülern die Verantwortung für die unzureichenden Lernergebnisse der Vergangenheit zuschieben", sagte die schulpolitische Sprecherin Brigitte Litfin am Donnerstag in Hannover.

Die vorgeschlagenen standardisierten Vergleichsarbeiten würden lediglich das kurzfristige Pauken vor dem Test und das schnelle Vergessen danach befördern, kritisierte die Grünen-Politikerin. Für die Leistungsfähigkeit der einzelnen Schule und des Schulsystems insgesamt hätten sie zu wenig Aussagekraft. Dafür seien differenziertere Evaluationsmethoden notwendig. Auch die TiMS-Studie habe gezeigt, dass Länder mit Zentralabitur keine besseren Lernergebnisse zeigten.

"Gabriels neuester schulpolitischer Quickie löst die Probleme nicht. Wenn im Vorgriff auf PISA E von Bayern gelernt werden soll, dann sollte zunächst die Unterrichtsversorgung verbessert werden", sagte Litfin. Untersuchungen zeigten, dass die SchülerInnen in Bayern bis zum Ende der 9. Klasse 832 Wochenstunden Unterricht mehr erhalten als in Niedersachsen. Das sei eine Differenz von mehr als 9%. "Nur vom Wiegen wird keine Sau fett", so Litfin.
 

NP, 21.06.2002
Gabriel: Ab 2003 Abitur für alle gleich

 Paukenschlag in Niedersachsens Bildungspolitik: Das Land will bis spätestens 2007 das Zentralabitur einführen. Das kündigte am Donnerstag Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) als Reaktion auf das schlechte Abschneiden des Landes in der PISA-Studie an. Damit werden allen Schülern am gleichen Tag landesweit im jeweiligen Prüfungsfach gleiche Fragen gestellt.
   Am Ende der Klasse vier, sechs und acht werden zudem künftig zentrale Vergleichstests in allen S
chulen geschrieben. „Qualitätschecks”, nennt sie Kultusministerin Renate Jürgens Pieper (SPD). 
    So sollen frühzeitig Lerndefizite bei Schülern entdeckt werden. Erste Tests im Fach Mathematik für alle Achtklässler will Jürgens-Pieper schon Ende dieses Jahres einführen – weil bereits 2003 eine PISA-Mathe-Studie droht. Auch die Sonderklausur

 an den Haupt- und Realschulen nach Klasse zehn will die SPD-Politikerin zu einer zentralisierten Abschlussprüfung „aufwerten”.

    Gabriel werde von der PISA-Panik getrieben, kopiere nur CDU-Vorstellungen, kritisierte Bernd Busemann, Unions-Fraktionsvize im Landtag. Die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Litfin, sprach vom „schulpolitischen Quickie”, der  Philologenverband von „Aktionismus”.

 HANNOVER, VON ALEXANDER DAHL


 
 

 

 
 
 

 

 

 

 

 

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